Erzbischof Gänswein übt scharfe Kritik an deutschem Synodalen Weg

Von Christian Eckl · 18. April 2023 um 09:00

Kurienerzbischof Georg Gänswein hat sich gegenüber der Mediengruppe Bayern mit scharfer Kritik am deutschen Synodalen Weg zu Wort gemeldet. „Der Glaubensverlust ist durch den Synodalen Weg eher noch gewachsen“, sagte Gänswein in dem Interview.

Herr Erzbischof, Sie hatten ein Gespräch mit Papst Franziskus unter vier Augen. Ging es dabei auch um dieses Buch und Ihre Zukunft?

Georg Gänswein:Es ging weniger um das Buch als vielmehr um den Nachlass von Papst Benedikt und dann auch um meine Zukunft. Benedikt hatte mich zu seinem Testamentsvollstrecker ernannt und Papst Franziskus wollte wissen, wie viel Zeit ich brauche, um diese Aufgabe zu erfüllen. Ich sagte, dass ich das nicht genau wüsste, aber von zwei Monaten ausgehe. Genau so lange hat es auch gedauert.

Kürzlich wurde spekuliert, Sie würden Nuntius in Costa Rica werden. Wissen Sie mehr?

Gänswein:Ich war im März bei einer Privataudienz bei Papst Franziskus. Nein, ich weiß nicht mehr.

Sie mussten ausziehen aus Mater Ecclesiae. Sind Sie zwischenzeitlich gut untergekommen?

Gänswein:Nein, ich musste nicht ausziehen. Es war vereinbart, dass nach dem Tod von Papst Benedikt die Wohnung aufgelöst wird. Inzwischen wohne ich in einem Haus in der Nähe von Santa Martha, wo Papst Franziskus lebt.

Sie laufen ihm also dauernd über den Weg?

Gänswein:Ich wohne nicht im gleichen Haus, so dass ich ihm nicht über den Weg laufe. Ich verrichte meinen Dienst als Testamentsvollstrecker.

Was ist der Stand?

Gänswein:Der allergrößte Teil des Nachlasses ging an das Institut Papst Benedikt XVI. in Regensburg, wichtige Dokumente gingen in das päpstliche Geheimarchiv und in das Archiv der Glaubenskongregation.

Haben Sie ein besonderes Erinnerungsstück geerbt?

Gänswein:Ja, Benedikt hat mir für meine neue Kapelle den Tabernakel geschenkt. Aus seinem Nachlass habe ich ein wunderschönes bayerisches Holzkreuz erhalten, das er selbst in seiner Kapelle als Kardinal hatte.

Wie hat es sich angefühlt, die von Papst Benedikt verfügte Vernichtung privater Korrespondenz durchzuführen?

Gänswein:Das war der schmerzhafteste Moment. Im Testament stand, die privaten Briefe der Familie sind ohne Ausnahmen zu vernichten. Er hatte sie alle sorgfältig gebündelt aufbewahrt. Als ich die Briefe schreddern musste, war das sehr bitter. Um aber mit einem Missverständnis aufzuräumen: Es ging dabei nur um die Briefe, die die Eltern Ratzinger an ihre Kinder schrieben oder später auch die Geschwister untereinander. Ich sagte zu Papst Benedikt noch zu Lebzeiten, ich werde sicher dafür kritisiert… Aber natürlich bin ich seinem letzten Wunsch nachgekommen ohne Ausflüchte.

Sie thematisieren in Ihrem Buch auch die Vorwürfe gegen Papst Benedikt, etwa in seiner Zeit als Erzbischof von München. Wurden Fehler gemacht, beispielsweise in der Antwort an die Missbrauchs-Gutachter?

Gänswein:Die Antwort Benedikts auf die Fragen der Kanzlei war sehr umfangreich und wurde mit Hilfe von vier Experten erstellt. Bei der Vorstellung des Gutachtens hat einer der Gutachter ein Schriftstück in die Kamera gehalten und zu verstehen gegeben, dass Benedikt in einem Punkt nicht zutreffend geantwortet habe. Und zwar in der Frage, ob er bei einer Ordinariatssitzung im Januar 1980 anwesend war oder nicht. In der Stellungnahme stand „nein“ und im Protokoll, das er in die Kamera hielt, stand „ja“ und das stimmte. Bedauerlicherweise ist einem unserer Experten ein Übertragungsfehler unterlaufen, der bei der Vorstellung des Gutachtens zu Tage trat. Da Benedikt und ich gemeinsam die Vorstellung online am Bildschirm verfolgt haben, sagte er mir sofort, dass muss von meiner Seite aus öffentlich korrigiert werden. Es wurde unabsichtlich ein Fehler begangen, aber es war weder eine Lüge noch eine Vertuschung. Benedikt entschuldigte sich für diesen Irrtum.

Hatte Benedikt und hatten Sie die Situation falsch eingeschätzt?

Gänswein:Es ging nicht um eine falsche oder richtige Einschätzung der Situation, sondern um die wahrheitsgemäße Erinnerung an ein Geschehen vor 40 Jahren. Papst Benedikt hat sich von Anfang an bereiterklärt, persönlich an der Aufklärung mitzuwirken. Es ging dabei um seine Zeit als Erzbischof von München und Freising von 1977 bis 1982. An dieser Stelle ist zu betonen, dass wir die Dokumente und Archivunterlagen nur digital einsehen konnten. Dementsprechend geschah all dies unter großem Zeitdruck. Dass da Fehler passieren, ist geradezu unvermeidbar.

Sie selbst haben in den USA vom 9/11-Moment der Katholischen Kirche gesprochen. Es muss Ihnen doch klar gewesen sein, wie die Lage war, oder?

Gänswein:Es trifft zu, dass ich die Missbrauchsfrage als das 9/11 der Katholischen Kirche in einem Vortrag bezeichnet habe. In Erinnerung zu rufen ist, dass gerade der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, in den 90er Jahren zum Pionier der Aufklärung geworden ist, was leider total in Vergessenheit geriet. Was er als Präfekt begann, hat er als Papst nicht nur fortgesetzt, sondern noch intensiviert. Das ist nicht Fiktum, das ist Faktum. Deshalb war der Vorwurf im Anschluss an das Münchner Gutachten, er habe gelogen, nicht nur ungerecht, sondern unbegründet. Papst Benedikt hat unter diesem Vorwurf, so meine Beobachtung, sehr gelitten.

Die Kirche in Deutschland ist in einer tiefen Krise und will sich daraus mit dem Synodalen Weg befreien. Wie sehen Sie diesen?

Gänswein:Ich bezweifle, dass der Synodale Weg, so wie er sich entwickelt hat, die richtige Antwort auf die Missbrauchskrise gewesen ist. Der Synodale Weg wurde im Anschluss an das MHG-Gutachten von 2018 „erfunden“. Die Themen, die dort behandelt wurden, gehen allerdings über die notwendige Beantwortung der Missbrauchskrise weit hinaus. Andere Länder, zum Beispiel Österreich, haben darauf eine andere, überzeugendere Lösung gefunden, die offensichtlich in Deutschland nicht gewollt wurde. Wer sehenden Auges die Diskussionen und Entscheidungen der Synodalversammlungen verfolgt hat, konnte erkennen, dass inzwischen ganz andere Ziele im Mittelpunkt stehen. Dabei ist die Gefahr erwachsen, dass Sonderwege aus der Einheit der Universalkirche hinausführen.

Droht ein Schisma, also die Kirchenspaltung?

Gänswein:Die eingeschlagenen Wege haben zu Spannungen innerhalb der Katholischen Kirche in Deutschland und mit dem Heiligen Stuhl geführt. Ich bete und hoffe, dass eine Spaltung verhindert werden kann. Der Vatikan hat beim Ad-limina-Besuch der Deutschen Bischöfe, Anfang November 2022, und danach in einem Antwortschreiben, das von drei Kurienkardinälen unterzeichnet und Papst Franziskus approbiert wurde, eindeutig und klar Grenzen aufgezeigt, die gilt es, ernst zu nehmen.

Sie sind aber doch weit weg in Rom.

Gänswein:Das ist eine Behauptung. Wahr ist, dass ich aus einer anderen Perspektive die Entwicklungen in der deutschen Katholischen Kirche sehe. Aus dieser Sicht halte ich den Synodalen Weg für keine hilfreiche Antwort auf die tatsächlichen Nöte der Gläubigen. Wenn ich als Kanonist das ganze Unternehmen Synodaler Weg beurteilen soll, muss ich sagen, dass dieser kirchenrechtlich keinerlei bindende Rechtskraft besitzt. Das ist keine Frage der geographischen Nähe oder Ferne, das ist eine nüchterne Feststellung zum Sachverhalt.

Dennoch hört eine Mehrheit der deutschen Bischöfe diese Signale aus Rom nicht. Wie bewerten Sie die Initiative und den Brief nach Rom, den beispielsweise der Passauer, der Regensburger und der Eichstätter Bischof unterschrieben haben?

Gänswein:Diese wichtige Anfrage für die Zukunft der Diözesen in Deutschland haben noch mehr Bischöfe unterschrieben. Die unmittelbare Antwort auf diese Anfrage zeigt die Dringlichkeit mit der der Vatikan diese Frage behandelt. Es ist ernst, und ich kann nur hoffen, dass die Signale, wie es in der Frage heißt, gesehen und auch ernst genommen werden.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx war einer der Initiatoren des Synodalen Wegs. War es eine Quittung von Franziskus, dass er nicht mehr in seinen Finanzrat berufen wurde?

Gänswein:Das müssen Sie Papst Franziskus selber fragen. Es ist zumindest verwunderlich, dass er nicht verlängert worden ist. Ob das mit dem Verhalten des Kardinals bezüglich Synodaler Weg zu tun hat oder nicht, kann ich nicht beurteilen.

Befürworter des Synodalen Wegs sagen, man müsse doch etwas tun gegen den Vertrauensverlust. Was wäre Ihr Weg?

Gänswein:Der Glaubensverlust ist durch den Synodalen Weg eher noch gewachsen. Die Antwort muss von einer anderen Seite gegeben werden und zwar in dem der Glaube und nicht Strukturfragen vertieft werden. Glaube wird, wenn ich es ernst nehme, nur durch wirkliche persönliche Umkehr und Vertiefung zu neuem Leben erwachen. Das freilich setzt ein persönliches Mühen und Entschiedenheit voraus. Es ist ein Ringen und bleibt ein Ringen...

Also wieder eine Kirche wie die Urchristen?

Gänswein:Ein junger Theologieprofessor namens Joseph Ratzinger schrieb 1958 einen Aufsatz unter dem Titel „Die neuen Heiden“, der geradezu prophetisch davon sprach, dass die Kirche der Zukunft nicht mehr eine Volkskirche, sondern eine Kirche kleiner Minderheiten ist, die aus dem Glauben leben und den Glauben in der Tat auf diese Weise bezeugen und weitergeben. Sind wir nicht Zeitzeugen dieser Prophezeiung?

Verliert die Institution da nicht Einfluss?

Gänswein:Sicherlich an politischem und gesellschaftlichem Einfluss. Es ist nicht die Aufgabe und das Ziel der Kirche, politischen Einfluss zu gewinnen oder gar zu vergrößern, sondern schlicht und einfach, das Evangelium Jesu Christi, das frohe Botschaft heißt, in Wort und Werk zu bezeugen. Das schafft Einfluss und dass schenkt Vertrauen zurück.