„Wir müssen von gestern lernen“: Was Abensberg in Sachen Nachhaltigkeit verbessern kann

Von Lucia Pirkl · 17. April 2023 um 15:00

Ressourcen sparen, sozial gerechter werden: Gabriele Bayer zeigt in Abensberg, wie das gelingen kann.

Was hat Postbauer-Heng mit Abensberg zu tun? Ganz einfach: Die Abensberger könnten sich Einiges vom oberpfälzischen Markt abschauen. Denn der Ort im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz ist eine von bislang fünf Gemeinwohl-Gemeinden in Deutschland.

Die drei Bürgermeister der Gemeinde informieren auch gerne andere Orte über das Konzept. Am 20. April um 19 Uhr ist Gabriele Bayer, dritte Bürgermeisterin von Postbauer-Heng, in Abensberg zu Gast, um über das Konzept zu referieren. Im Vorfeld sprachen wir mit ihr darüber.

Frau Bayer, was ist eine Gemeinwohl-Gemeinde?

Der Begriff kommt aus der Gemeinwohlökonomie, das ist eine weltweite Graswurzelbewegung, in der es darum geht, Wege zu finden, die besser sind für alle. Dabei spielen die Kriterien „ökologisch“, „sozial gerecht“, „transparent“, „demokratisch“ oder auch die Frage, ob eine Mitbestimmung gewährleistet ist, eine Rolle. Wie werden diese Werte mit den Menschen oder Unternehmen, mit denen man zu tun hat, eingehalten? Das ist die Frage, an der wir uns als Gemeinde orientieren.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Wenn wir zum Beispiel eine Straßenbaufirma engagieren, wollen wir wissen, wie geht die mit ihren Mitarbeitern um. Wenn wir Kaffee für die Gemeinde beziehen, wollen wir wissen, wo kommt der her? Das ist natürlich eine große Herausforderung für unser Personal.

Inwiefern ist dieses Konzept der Gemeinwohl-Gemeinde herausfordernd?

Man darf die Mitarbeiter oder die Gemeinderäte nicht überfordern. Die Herausforderung ist auch, dass man alle im Prozess mitnimmt, dass man sich genügend Zeit nimmt, nicht alles auf einmal machen möchte.

Und natürlich kostet der Prozess, eine Gemeinwohl-Gemeinde zu werden, auch Geld, beispielsweise, um externe Berater zu bezahlen.

Wie lief denn der Prozess bei Ihnen konkret ab?

Wir haben verschiedene Workshops gemacht, mit den Gemeindemitarbeitern und mit dem Gemeinderat. Dann haben wir mit einer Ist-Analyse ermittelt, wo wir stehen. Es ist ja nicht so, dass die Gemeinden bei Null anfangen. Vieles wird ja schon umgesetzt.

Auch die Bürger haben wir zu den Workshops eingeladen. Es ist wichtig, sich immer wieder zu fragen, ob das, was wir beschließen, auch bei den Bürgern ankommt.

Am Ende gab es etwa 120 Anregungen, was wir in der Gemeinde verbessern könnten. Daraus haben sich zwölf Bereiche herauskristallisiert, die wir in den nächsten zwei bis drei Jahren anpacken wollen.

Welche sind das beispielsweise?

Beispielsweise wollen wir als Gemeinde zu 100 Prozent klimaneutral werden. Dann wollen wir eine soziale Kommune sein, beispielsweise mit Alltagsbegleitern. Auch die barrierefreie Gestaltung des Ortes liegt uns sehr am Herzen. Freilich muss man sich auch immer wieder in der Realität bewegen, es ist kein „Müsste“, sondern ein „Könnte“.

Und was haben Sie denn schon verändert?

Wir haben beispielsweise die Anzahl der Drucker in der Gemeindeverwaltung drastisch reduziert. Wir haben außerdem auch auf ökologische Putzmittel umgestellt. Freilich muss man da erst den Markt ausloten, aber am Ende fanden wir eine Firma, die das Kriterium aus der Ausschreibung, ökologisch verträgliche Putzmittel zu verwenden, auch erfüllte. Das muss im Übrigen auch nicht immer zwangsläufig teurer sein.

Das Wesentliche ist ja, dass man immer stark reflektiert, sich immer wieder fragt, ob man das wirklich braucht.

Gibt es auch Grenzen?

Klar, manchmal stößt man auch auf Widerstand. Wenn man neue Wege geht, dann kann das Leuten auch Angst machen, sie verunsichern. Wir haben auch eine höhere Taktung an Sitzungen und müssen uns da auch immer wieder fragen, geht das noch?

Und manche Themen verliert man auch, nicht jeder Bürger ist mit allem einverstanden. Aber das ist ok. Wichtig ist nur, dass man eine wertschätzende Kommunikation im Gemeinderat hat. Und man braucht freilich auch in der Kommune Angestellte, die diesen Weg mittragen, zum Beispiel im Bauhof, wenn es um die Anschaffung von Maschinen oder Geräten oder die Frage geht, ob es gute Gebrauchte nicht auch tun. Klar, das Kernteam, wir drei Bürgermeister hatten viel Arbeit, aber es ist uns eine Herzensangelegenheit.

Was hat sich seither verändert in Postbauer-Heng?

Die Kommunikation miteinander verändert sich, man arbeitet im Gemeinderat sehr sachorientiert zusammen, über Parteigrenzen hinweg.

Ich finde ohnehin, wir müssen von gestern lernen, uns immer wieder fragen, ob das, was wir heute entscheiden, der Zukunft dann auch wirklich standhält.

Gemeinwohl -Gemeinde: Auch ein Weg für Abensberg? Vortrag:Der Abend zur Gemeinwohl-Gemeinde ist am 20. April um 19 Uhr im Roxy Kino. Veranstalter sind die Caritas Bürgerstiftung und die Richard Zieglmeier Stiftung. Gabriele Bayer wird über den Prozess zur Gemeinwohl-Gemeinde referieren. Die Möglichkeiten zum Fragenstellen und zur Diskussion gibt es. Geladen sind auch die Bürgermeisterkandidaten und freilich jeder Interessierte.

Hintergründe:Der Gemeinwohlgedanke beinhaltet, das Denken, Handeln und Planen auf eine nachhaltige und „enkeltaugliche“ Basis zu stellen.

Dabei stellt sich immer wieder die Frage, ob Entscheidungen, die die Gemeinde trifft, der Umwelt, den Menschen und der Zukunft dienen. Damit will man Orte auch für nachfolgende Generationen lebenswert gestalten und eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen. Neu sind die Gedanken indes nicht. Die UN-Nachhaltigkeitsziele sollen schon jetzt den Kommunen als Orientierung dienen, sich für die Zukunft und nachfolgende Generationen gut aufzustellen und Ressourcen nicht zu verschwenden.

Gabriele Bayer referiert in Abensberg über Gemeinwohl-Gemeinden