Regensburger Mobilitätskonzept sucht Wege aus dem Stau in der Region

Von Juliana Ried, Juliana Ried · 13. April 2023 um 18:50

Künftig sollen Alternativen zum eigenen Auto Vorrang bekommen, so steht es im Zwischenbericht zum Mobilitätskonzept für den Großraum Regensburg. Straßenausbau schließt es trotzdem nicht aus. Beide Punkte sorgen für harte Kritik.

Pendler aus der Region Regensburg sind staugeplagt. Trotzdem stellen die Experten, die für Stadt und Umland ein Mobilitätskonzept erarbeiten, fest: „Die Erreichbarkeit im Großraum Regensburg ist heute trotz Aus- und Überlastungen der Straßeninfrastruktur mit dem motorisierten Individualverkehr besser als mit dem ÖPNV oder Rad.“ Bei Bus- und Radverkehr sieht die Analyse, die die Stadt am Dienstag dem Planungsausschuss vorstellt, dagegen viel Luft nach oben. Großer Streitpunkt ist die Frage, ob auch Straßenausbau eine Lösung ist.

Nach mehr als zwei Jahren Arbeit legen die von Stadt, Landkreis und Freistaat beauftragten Büros erste Ergebnisse vor. Der Entwurf des Leitbilds sieht vor: Ziele im Großraum sollen 2035 gut mit allen Verkehrsmitteln zu erreichen sein, und zwar auch ohne eigenes Verkehrsmittel. „Dies soll vor allem durch eine vorrangige Umsetzung von Maßnahmen für den flächensparsameren und umweltfreundlicheren Umweltverbund mit Fuß- und Radverkehr und öffentlichem Nahverkehr sowie dem Teilen und Verknüpfen von klassischen und innovativen Angeboten, wie beispielsweise Bahn, Bus, On-Demand-Verkehr, Carsharing, Bikesharing und Scooter-Sharing erreicht werden“, heißt es im aktuellen Entwurf des Leitbilds. Umweltfreundliche Antriebsformen, die Verlagerung auf die Verkehrsträger Schiene und Wasser und neue Logistik- und Lieferkonzepte sollen dazu führen, dass die Güterverkehre auch innerorts „verträglich und umweltgerecht“ abgewickelt werden.

Kommunen sollen beim Verkehr mehr zusammenarbeiten

Außerdem sollen die Kommunen sich stärker abstimmen und dadurch Wegstrecken vermeiden und verkürzen und sich „verkehrsvermeidend, kompakt und flächensparend“ weiterentwickeln. Das Arbeiten von der Heimatgemeinde aus soll gefördert werden, etwa mit Co-Working-Spaces, so das Leitbild.

In Regionalworkshops waren sich die Bürgermeister einig: Der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut werden. Wolfgang Bogie, Kreischef des ökologisch orientierten Verkehrsclubs Deutschland (VCD), betont in Bezug auf das Umland: „Im Prinzip ist das nur mit On-Demand zu schaffen, weil der Raum sehr dünn besiedelt ist.“

Die Bürgermeister sehen auch beim Radverkehr Potenzial, und zwar, was Verbindungen mittlerer Distanz zwischen und in den Kommunen betrifft. Was den Straßenausbau angeht, waren sie so uneins wie die beteiligten Bürger und Fachleute. „Ein Teil der Experten fordert einen weiteren Kapazitätsausbau der Straßen, um die Leistungsfähigkeit für den Pendler- und Wirtschaftsverkehr zu erhalten“, heißt es in der Bestandsaufnahme. „Ein anderer Teil der Experten weist drauf hin, dass nach Jahren konsequenten Straßenausbaus für den motorisierten Individualverkehr nun der Fokus sehr stark auf dem Umweltverbund liegen sollte.“

Scharfe Kritik am Mobilitätskonzept – von zwei Seiten

Verfechter einer Verkehrswende kritisieren scharf, dass der Straßenausbau überhaupt vorkommt als mögliche Option, etwa bei der Online-Befragung. So sagt Klaus Wörle, Kreischef des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC): „Das Weiter-wie-bisher wird als mögliche Alternative dargestellt“. „Tendenziös“ und „wenig ambitioniert“ nennt er die Herangehensweise, die Klimaerwärmung sei nur eine „Randnotiz“.

Wirtschaftsvertreter warnen dagegen davor, einseitig „auf bestimmte Verkehrsträger“ zu schauen, so Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Er sagt: „Die Handwerkswirtschaft mit ihren Mitarbeitern ist auf ihre Fahrzeuge angewiesen, um die Kunden und Baustellen in Stadt und Großraum Regensburg erreichen zu können. Handwerker können meistens nicht mit ÖPNV und Lastenrad kommen.“ Von der Industrie- und Handelskammer heißt es, die Online-Befragung sei „deutlich suggestiv geprägt“ gewesen, so Martin Kammerer, Geschäftsführer des IHK-Gremiums Regensburg. Mit so polarisierenden Thesen würden Verkehrsmittel gegeneinander ausgespielt. „Ohne den Aus- und Neubau von Straßen geht es nicht!“, schreibt er. Eine Konzentration auf den Ausbau von Schiene und Wasserstraße reiche bei Weitem nicht aus.

Klar ist: Wenn es heuer um Maßnahmen geht, wird heftig gerungen. So sagt Bogie vom VCD: Die Sallerner Regenbrücke dürfe nur für den Umweltverbund kommen, aber nicht als Autobrücke. Doch dieses Projekt sieht das Konzept als gesetzt. Wörle vom AFDC sagt, er sei generell „ein bisschen skeptisch, dass da etwas Substanzielles rauskommt“.

Flexible ÖPNV-Angebote für das Land sind ein Bestandteil des Mobilitätskonzepts. -Foto: Resi Beiderbeck