„Der Wald war meine Rettung“: Steflingerin organisiert Kurse fürs Waldbaden

Angelika Baumer spürte schon lange eine enge Verbindung zu „Mutter Erde“. Doch lange gehörten 50-Stunden-Wochen zu ihrer Normalität. Bis ein Unfall ihr Leben veränderte – und sie den Wald neu entdecken ließ. Jetzt organisiert die Steflingerin selbst Kurse für Waldbaden. Ein Besuch.
Würzig duftet es im Wald und warm scheint die Frühlingssonne durch die Bäume. Die Vögel zwitschern, ein Bach plätschert und bei jedem Schritt spürt man das weiche Moos. Ein bewusster Spaziergang durch den Wald wirke sich äußerst positiv und heilsam auf Körper und Seele aus, ist Angelika Baumer aus Stefling überzeugt. Die Kursleiterin für Waldbaden hat damit selbst ihre gesundheitlichen Probleme in den Griff bekommen.
Beim Waldbaden „badet“ man natürlich nicht im wörtlichen Sinn, sondern taucht ein in die Atmosphäre des Waldes, indem man alle Sinne öffnet. Diese Heilmethode aus Japan trage zur Entschleunigung bei. Man schöpfe neue Lebensfreude und tanke Energiereserven auf.
Schon bevor Angelika Baumer diese Methode lernte, liebte sie den Wald und spürte eine enge Verbindung zur „Mutter Erde“. Aufgewachsen ist sie mit zwei Geschwistern in Neunburg vorm Wald. Ihre Familie war sehr naturverbunden. „Wenn es mir einmal nicht gut ging, spazierte ich in den Wald. Das war schon immer ein Impuls, dem ich gefolgt bin“, erklärt die 53-Jährige. „Bereits als Kind war ich am liebsten in Bewegung.“
Unfall veränderte das Leben von Angelika Baumer aus Stefling
Als Versicherungskauffrau hatte sie später nicht mehr viel Zeit für Waldspaziergänge. 50-Stunden-Wochen wurden zur Normalität – bis ihr Körper vor neun Jahren rebellierte. Rückenschmerzen stellten sich ein. „Ich habe die Warnsignale lange überhört und ging immer weiter über meine Grenzen“, sagt Baumer, die auch Tennis als Leistungssport betrieb.
Zur Ruhe fand sie selten. Erst ein Unfall sollte ihr Leben verändern. „Danach musste ich mich erst mal um mich selbst kümmern und hatte Zeit, mir Gedanken zu machen“, sagt sie. Komplizierte Operationen am Fuß folgten. Zeitweise hatte sie sogar Angst, ihren Fuß zu verlieren.
Dann entdeckte sie den Wald neu für sich. „Ich ging jetzt bewusst und langsam, ohne Handy und ohne zehn Dinge gleichzeitig zu tun.“ Mit den Krücken wäre es auch gar nicht anders möglich gewesen – und das, so sagt Baumer heute, war ihr Glück. Jeden Tag fuhr sie zwischen den Krankenhausaufenthalten in den Wald, spazierte anfangs nur wenige Meter und steigerte es langsam. „Ich musste Gehen neu lernen. Doch der Wald gab mir Kraft und der Heilungsprozess setzte ein. Der Wald war meine Rettung.“
Sie reduzierte ihre Arbeitsstunden und baute sich im Jahr 2017 in Stefling vier Ferienwohnungen. Ihre Feriengäste nimmt sie gerne mit in den nahen Wald, den sie wie ihre Westentasche kennt.
Das Waldbaden, von dem sie dann erfuhr, veränderte Baumers Leben nachhaltig. Diese japanische Heilmethode, Shinrin Yoku, faszinierte sie sofort. In der Deutschen Akademie für Waldbaden absolvierte die Steflingerin einen Kurs und lernte viel dabei. „Ich war wie geflasht“, sagt sie. „Dort habe ich gesehen, wie viel mehr man machen kann. Und was ich erlebt habe, wollte ich anderen weitergeben“, sagt sie. Heute ist Angelika Baumer komplett geheilt und gesund.
Das Klischee, beim Waldbaden würde man nur„Bäume umarmen“, stimme nicht, betont sie. Laut japanischen Studien verbessere bereits ein kurzes Waldbad Atmung, Puls und Blutdruck. „Man vermutet, die therapeutische Wirkung beruhe auf den Terpenen, den ätherischen Ölen, die die Bäume, Sträucher und anderen Pflanzen ausdünsten“, weiß Baumer. Sie würden das Immunsystem stärken.
Immer geht Baumer individuell auf die Kursteilnehmer ein und gibt Impulse, etwa auf das Klopfen eines Spechts zu hören. Bald spüre man, wie alle ruhiger und entspannter werden.
Viele positive Eigenschaften durch das Waldbaden
Statt mit einem Handy mache man „Fotos“ mit einem Papierrahmen. Es sei verblüffend, wie anders man dabei die Umgebung wahrnehme. Mit einer Lupe betrachtet man, wie faszinierend die winzigen Blätter der Flechten oder die Flügel eines Käfers sind. „Man schaltet den Kopf aus“, sagt Baumer. „Der Blick weitet sich. Heilung für Körper und Seele wird in Gang gesetzt.“
Waldbaden habe jede Menge positiver Eigenschaften – und es sei kostenlos und zu jeder Zeit möglich. Ihren Alltag gestaltet Angelika Baumer nun ebenfalls bewusster.
„Ich bin nicht mehr immer sofort erreichbar und habe meine Zeit am Handy drastisch reduziert“, sagt Baumer. Viel lieber erlebt sie den Moment und genießt ihn, vor allem im Wald. Die Sorgen, die jeder Mensch habe, seien dort nicht weg, sagt Baumer. Aber man sehe sie in einem anderen Blickwinkel.

