Wald stirbt mit einem weiteren Grad – Experte erklärt, wie es um Neumarkter Wälder steht

Von Friederike Klett · 12. April 2023 um 19:00

„Ich male keine Weltuntergangsszenarien, denn die Natur wird sich immer wieder erholen“, sagt Horst-Dieter Fuhrmann, Leiter des Bereiches Forst im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Aber der Mensch sei auf die Natur angewiesen und deren Erholung könnte für ihn zu spät kommen.

In einem Waldstück bei Fribertshofen (Gemeinde Berching) findet er klare Worte zur aktuellen Situation des Waldes vor dem Hintergrund des Klimawandels. Hier war einmal ein dichter Wald, aber weil viele Bäume den hohen Temperaturen und der Trockenheit erlegen sind, sind nun viele Stellen kahl. Dass es in Bayern mittlerweile schon ein Plus von 2,4Grad gebe, komme zwar noch nicht der absoluten Katastrophe gleich, aber nur ein Grad mehr könnte alle Bemühungen nichtig machen, sagt Fuhrmann. Der Wald würde zusammenbrechen. Aufforstung wäre auch kaum noch möglich.

Den Wäldern im Landkreis Neumarkt geht es verhältnismäßig gut

Der Wald in der Oberpfalz sei jetzt noch in einem verhältnismäßig gutem Zustand. Mit 20Prozent Schäden sei die Belastung unter dem bayerischen Durchschnitt, allerdings ginge der Trend in eine gefährliche Richtung, sagt Fuhrmann. Denn das Sterben finde nicht nur in den Kronen der alten Bäume statt, sondern auch auf dem Waldboden.

Viele glauben laut dem Experten, dass vor allem die alten Bäume wichtig seien, um einen Wald zu erhalten, aber das sei nicht richtig. „Wenn wir den Wald nicht bewirtschaften, dann stirbt er, weil die neuen Pflanzen nicht durchkommen. Ein gesunder Wald braucht eine Mischung aus jungen und alten Bäumen“, sagt Fuhrmann. „Den Wald einfach stehen zu lassen, ist nicht nachhaltig.“

Dieses Zusammenspiel sei aber von allen Seiten in Gefahr. Wenn die alten Bäume sterben, bieten sie den jungen keinen Schutz vor der Witterung mehr, so der Fachmann. Wenn die jungen Bäume nicht nachwüchsen, überaltere der Wald, was seinen Tod bedeute.

Der Wald ist besonders wichtig, um das CO2 aus der Atmosphäre zu binden. Aber wäre dieser Effekt nicht hinüber, wenn man die Bäume abholzt? Das stimme so nicht ganz aus mehreren Gründen, sagt Fuhrmann.

Zum einen binden alte Bäume laut Fuhrmann sehr viel weniger von dem schädlichen Gas als die Jungen. Zum anderen stießen tote Bäume das CO2, das sie einmal gebunden haben, wieder aus. „Ich kenne in der Natur nur Kreisläufe und so ist es auch hier. Wenn man den Wald überaltern lässt, wird er wieder CO2-negativ. Das beste, was man machen kann, ist das Holz zu verbauen.“ Das CO2 bliebe dann solange gebunden, wie das Haus stünde.

Natürlich sei aber ein nachhaltiger Gebrauch von Holz nur gegeben, wenn man weniger verbrauche, als nachwachse. Laut Fuhrmann ist das aktuell der Fall, denn in Bayern wachse jede Sekunde ein Kubikmeter neues Holz – viel mehr als man fälle.

Die Frage, die sich die Forstwirtschaft stellt, ist: Welche Arten von Bäumen soll man jetzt pflanzen? „Man weiß einfach nicht, welche Art mit den klimatischen Veränderungen umgehen kann“, sagt Fuhrmann. Ein klassisches Beispiel sei die Buche. Man hielte sie für genügsam und verpflanzte sie oft, müsse nun aber sehen, dass viele Buchen sterben.

Nicht nur heimische Baumarten sollen verpflanzt werden

In anderen Fällen mussten die Menschen erkennen, dass sie die Folgen ihres Eingreifens nicht vollkommen abschätzen konnten, so bei der Eiche geschehen. Der Baum kann sich zwar den steigenden Temperaturen anpassen, von diesen profitiert aber zugleich der Eichenprozessionsspinner. Nicht nur, dass er Fraßschäden verursacht, vor allem stoßen die Raupen Haare ab, die beim Menschen zu Ausschlägen und Schmerzen führen.

Laut Fuhrmann müsse man deshalb so vielseitig pflanzen wie möglich, und es nicht bei den heimischen Arten belassen. „Auch einige Arten aus dem Libanon, zum Beispiel die Libanon-Zeder, wurden schon ausprobiert. Dort ist es sehr trocken und heiß, im Winter aber wird es auch richtig kalt.“ Diese Baumarten wären laut Fuhrmann wahrscheinlich irgendwann eh nach Mitteleuropa gekommen, nur angesichts des fortschreitenden Klimawandels für die Menschheit wohl zu spät. „Die Natur kennt keine Zeit und sie braucht uns auch nicht. Wir brauchen aber den Wald, weswegen wir versuchen diese Prozesse etwas zu beschleunigen.“

Das Eingreifen in ein so komplexes System wie den Wald birgt immer wieder neue Probleme. So sind laut Fuhrmann auch die Entwicklungen im Tierreich von Bedeutung für die Aufforstung des Waldes. Die Rehe fräßen zum Beispiel die frisch gepflanzten Bäume, es komme zu Vergrasung auf Freiflächen und durch den ausbleibenden Regen ertränken die Mäuse nicht mehr in ihrem Bau und ihre Population wachse.

„Unsere Hoffnung ist im Augenblick, dass die Bäume, die heute gepflanzt werden, von Anfang an an die klimatischen Bedingungen gewöhnt sind“, sagt Fuhrmann. „Dann werden die Wurzeln vielleicht schon tiefer reichen und es könnten mehr überleben.“

Es wird versucht, die lichten Stellen aufzuforsten.