Neumarkter Pfarrer ermutigt besorgte Eltern, ihre Fragen zu stellen

Von Nicole Selendt · 5. April 2023 um 17:36

Seit bekannt geworden ist, dass zwei Geistliche wegen sexuellen Missbrauchs aus dem Landkreis Neumarkt abzogen worden sind, herrscht in der Region große Unsicherheit. Wie Hofpfarrer Stefan Wingen sagt, seien seitdem alle Geistlichen, die im Landkreis Neumarkt ihren Dienst tun, unter Generalverdacht.

Er könne verstehen, dass gerade Eltern nun Angst hätten und sich fragten: „War das bei uns? Und war was mit meinem Kind?“ Diesen Ängsten wolle er mit Offenheit begegnen. Eltern sollten wissen, dass sie jederzeit auf ihren Pfarrer – egal, wo im Landkreis er arbeitet – zugehen und ihm ihre Fragen stellen könnten. Auch gebe es die Möglichkeit, sich vertraulich an Mitglieder der Kirchengremien in der jeweiligen Pfarrei zu wenden, zum Beispiel an den Pfarrgemeinderat oder Mitarbeiter des Dekanats.

Kontaktnummern für Betroffene

Die Diözese Eichstätt biete außerdem die Möglichkeit, sich an externe Fachleute zu wenden, die für die Prüfung von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und Schutzbedürftiger zuständig seien und eine unabhängige und vertrauliche Aufarbeitung sicherstellen sollen. So seien Werner Merkle, Facharzt für Psychiatrie, Innere Medizin und Psychotherapie, unter Tel. (08421)97070, und Felizitas Schweitzer, Bereichsleiterin Psychologie und weitere Dienste im Zentrum für Psychische Gesundheit, unter Tel. (0841)8803060 oder E-Mail felizitas.schweitzer@klinikum-ingolstadt.de für Betroffene erreichbar.

Wingen selbst wolle in der Hofpfarrei so transparent wie sensibel mit dem Thema Missbrauch umgehen und suche seit dem Bekanntwerden der Vorfälle im Landkreis Neumarkt das Gespräch mit Eltern. So habe er sich bereits mit den Eltern der diesjährigen Erstkommunionkinder getroffen, um deren Fragen zu beantworten, noch während der Ferien sollen die Eltern der Firmlinge und der Ministranten die Gelegenheit bekommen, ihre Fragen an ihn zu richten. Im Fall der Kindertageseinrichtungen, die zu seiner Pfarrei gehören, habe er mit den Leitungen gesprochen. Sollten dort Fragen auftauchen, könne auch diesen nachgegangen werden.

Keine Hemmungen, den Pfarrer anzusprechen

Er möchte vermeiden, dass die Menschen falsche Rückschlüsse ziehen, nur weil sie Hemmungen hätten, ihren Pfarrer anzusprechen. Der Priester aus dem Landkreis, der gegenüber einem Kind pornografische Inhalte geäußert haben soll, wurde mittlerweile vom pastoralen Dienst freigestellt, es wurde ein Aufenthaltsverbot für seinen bisherigen Wohn- und Wirkungsort ausgesprochen, wie die Diözese Eichstätt vergangene Woche mitgeteilt hatte. Daher versuche Wingen, sich möglichst weiterhin in seiner Pfarrei zu zeigen und damit zu signalisieren: „Ich bin noch da!“

Ihn schmerze es, zu sehen, was solche Ängste und Sorgen mit den Menschen machen. Und dass durch solch einen Vorfall das Vertrauen in die Kirche und in die Arbeit einer großen Gruppe an Ehrenamtlichen zerstört werde: „Mich greift das an. Ich merke, wie mich das an meine Grenzen bringt.“ Auch der Gedanke an die Opfer von Missbrauch lasse ihn nicht los: „Es ist schrecklich, wenn ich daran denke, was da für Unrecht geschieht“, sagt Wingen.

Und gerade deshalb will er, dass die Haltung der katholischen Kirche, über alles den Mantel des Schweigens breiten zu wollen, endlich aufhört: „Nichts anders als Kommunikation kann jetzt den Menschen ihre Ängste nehmen.“