So leben die Menschen auf der MS Rossini: Flüchtlingsschiff ist „perfekt und schön“

Von Micha Matthes, Sophia Lexa · 4. April 2023 um 11:00

Abdul Aziz Esmail hat vor sechs Wochen seine Kabine auf demFlüchtlingsschiff MS Rossiniin Bach an der Donau (Landkreis Regensburg) bezogen. Große kulturelle Unterschiede zu den Bachern sieht er nicht.

Seit zwei Monaten liegt die MS Rossini in Bach vor Anker. Das Landratsamt Regensburg hat das Schiff als Notunterkunft für Flüchtlinge angemietet. 135 Menschen leben derzeit an Bord, alle aus Syrien und dem Iran: 94 alleinreisende Männer oder Frauen, der Rest sind Paare, Paare mit jugendlichen Kindern oder Alleinerziehende mit Kind.

Am Montagmorgen ist es am Donauufer immer noch kalt. Bei zwei Grad helfen Bewohner des Schiffes, Kisten und Zwiebelsäcke aus einem Kleinlaster auszuladen: Nachschub für das Bordrestaurant. Die errichtete provisorische Treppe aus Holz schafft einen direkteren Zugang zum Deich, erleichtert die Arbeit.

Syrien: 20 Grad, Bach: 2 Grad

Abdul Aziz Esmail wollte sich gerade noch einmal zum Schlafen hinlegen. Es ist Ramadan, daher sei er derzeit nachts lang auf. Esmail ist 21 Jahre alt, stammt aus Golan im Süden von Syrien, hat dort Betriebswirtschaft studiert und spricht Englisch. Im September kam er zusammen mit seinem Cousin nach Deutschland. Seine Route führte über die Türkei, Griechenland und den Balkan. „Natürlich war das sehr hart. Wir haben Grenzen überquert. Ich habe 29 Tage lang im Wald gelebt, sechs Tage lang ohne etwas zu essen. Wir sind auf wilde Tiere getroffen: Einmal bin ich morgens aufgewacht und es lag plötzlich eine große Schlange auf mir. Ich musste fast die Hälfte von Griechenland zu Fuß durchqueren.“ Rund fünf Monate habe die Odyssee gedauert.

In Deutschland kam er zunächst nach Saarbrücken und München, schließlich nach Regensburg. Seit eineinhalb Monaten wohnt Esmail nun auf der MS Rossini. Eltern und Brüder sind noch in Syrien. Dort sei es gerade 20 Grad warm. Die Distanz falle ihm schwer. „Wir brauchen noch etwas Zeit, um das zu verdauen“, sagt er. Internetverbindungen in seiner Heimat seien nicht gut. Daher spreche er Eltern und Brüder nur selten. Die Familie sei stolz auf ihn, aber auch sehr traurig. Wie er das Leben an Bord findet? „Es ist perfekt und wirklich schön“, sagt er. Die Unterkunft sei ganz anders als das Ankerzentrum in Regensburg: viel komfortabler und besser. „Es ist sauber, ruhig und man hat viel mehr Privatsphäre.“ Seine Kabine teilt sich Esmail mit einem anderen Flüchtling. Er übersetzt für die Menschen an Bord, hilft, wenn beispielsweise jemand ins Krankenhaus muss.

Flüchtlingsschiff in Bach an der Donau: Situation als ruhig beschrieben

Während auf dem Damm am Montag geschäftiges Treiben herrscht, geht es an Bord sehr ruhig zu. Auch Bürgermeister Thomas Schmalzl und das Landratsamt hatten die Situation vor Ort zuletzt als ruhig beschrieben. Drei Bewohner seien in eine andere Unterkunft verlegt worden, da sie sich mehrfach nicht an das Rauchverbot in den Innenräumen gehalten hätten, sagt Hans Fichtl, Pressesprecher im Landratsamt.

MdB Peter Aumer(CSU) hatte im Januar – noch bevor das Schiff angelegt hatte – mit den Bürgern in Bach gesprochen, MdB Carolin Wagner (SPD) hatte im Februar vor Ort gegen die AfD demonstriert, MdB Stefan Schmidt (Grüne) will das Schiff demnächst zusammen mit Michael Buschheuer, Vorstand von Space-Eye, besuchen. Landrätin Tanja Schweiger war schon mehrfach vor Ort und meldete sich diesbezüglich auch schon in Talkshows wie „jetzt red i“ oder „hart aber fair“ zu Wort.

Flüchtlingsschiff MS Rossini: Bundesweite Schlagzeilen

Bekannt ist das große Flüchtlingsschiff im kleinen Ort Bach mittlerweile bundesweit, weil sich in ihm wie in einem Brennglas die aktuelle Überforderung der Kommunen mit der Flüchtlingsfrage manifestiert. Immer wieder haben die Bewohner in Bach deutlich ihre Angst vor der Situation zum Ausdruck gebracht. Zuletzt hatte die Gemeinde eine anwaltliche Prüfung in die Wege geleitet. Nun schreibt das Landratsamt dazu: „Nach den uns vorliegenden Informationen, beabsichtigt die Gemeinde nicht, gegen die Notunterkunft zu klagen.“ Unterdessen sei auch der Anleger an der Schleuse Geisling als Alternative geprüft worden. „Dieser ist aber nur für das kurzfristige Parken eines Schiffes, bis es beim Schleusen an der Reihe ist, zugelassen. Ein dauerhaftes Anlegen ist dort nicht vorgesehen.“

Er selbst sei schon mehrfach in Bach gewesen, erzählt Esmail. „Manchmal – wenn die Sonne scheint – gehe ich auch zu Fuß nach Regensburg.“ Drei, vier Stunden brauche er dafür. Kontakt mit den Anwohnern habe er noch nicht so viel gehabt. Meist habe er sich mit Spaziergängern unterhalten. „Das sind sehr nette Menschen. Sie haben gefragt, wo ich herkomme, wie es mir hier geht – ob es für mich gut ist, oder nicht.“ Die Leute seien wirklich freundlich, wollten helfen und fragten, ob man irgendetwas brauche.

Bereit für mehr Kontakt zu den Menschen in Bach

„Natürlich hätte ich gern mehr Kontakt zu den Menschen hier“, sagt Esmail. „Aber dafür sollte ich erst die Sprache lernen.“ Er habe auch schon damit begonnen. Es gibt einen Deutschkurs an Bord. Demnächst soll ein weiterer folgen. Wenn er die Chance bekommt, würde er sein Studium sehr gern in Deutschland beenden, sagt Esmail.

Kulturelle Unterschiede spüre er weniger. „Es ist zwar eine andere Kultur. So unterschiedlich sind wir dann aber doch nicht.“ Es gebe auch Christen in Syrien. Ein Freund sei Christ. Sein Vater habe vor 18 Jahren für zwei Jahre in Deutschland gelebt. Eine befreundete deutsche Familie habe Esmail und seine Familie in Syrien besucht. „Also ist es eigentlich keine sehr fremde Kultur. Wir müssen nur miteinander reden. Wir sind alle Menschen und letztlich alle gleich.“