Wie es um den Flächenverbrauch im Landkreis Neumarkt steht

Entwicklung einerseits, Flächen schonen andererseits: Es ist ein Dilemma, das jüngst in Pilsach wieder aufkam. Dort sollen Flächen aus einem Landschaftsschutzgebiet herausgenommen werden, um ein Baugebiet zu entwickeln. Die Gemeinde will wachsen. Pilsach ist damit nicht allein. Was sagen die Zahlen für den Landkreis?
Das Landschaftsschutzgebiet „Pilsachtal, Wünnaubachtal und Pfeffertshofener Bachtal“ hat bislang 918 Hektar. Es erstreckt sich entlang der Täler im Norden und Osten von Pilsach. 1964 wurde es geschaffen. 59 Jahre später sieht Bürgermeister Andreas Truber in dem Schutzgebiet einen Hemmschuh für die Gemeinde und deren Zukunft. „Ich bin nicht gegen Landschaftsschutzgebiete. Ich verstehe deren Sinn und Zweck. Aber wir haben keine Luft, um uns zu entwickeln“, sagt Truber.
Was der Rathauschef sagen will: Gemessen an seiner Lage in einem prosperierenden Wirtschaftsraum, mit einer nahen Autobahn und Bundesstraße sowie kurzen Wegen nach Nürnberg und Regensburg müsste Pilsach aus seiner Sicht besser da stehen. Zumindest gemessen an den nackten Zahlen, die oftmals für die Leistungsfähigkeit einer Kommune herangezogen werden.
Pilsachs Bürgermeister sieht Nachholbedarf bei Bau- und Gewerbegebieten
Rechnet man die Daten des bayerischen Statistikamts über die Einnahmen aus Gewerbe- und Einkommensteuer in 2021 auf die Einwohner um, waren das bei Pilsach 886 Euro pro Kopf. Im benachbarten Lauterhofen lag der Wert bei 1293 Euro.
Truber will daher an den einer Gemeinde zur Verfügung stehenden Schrauben drehen: Er will mehr Unternehmen und mehr Einwohner anlocken, die Steuern zahlen. DasUnternehmen Chefs Culinarsiedelt sich bis 2026 in der Gemeinde an und soll mehr als 400 Arbeitsplätze schaffen. Insgesamt kommt der Rathauschef sogar auf 800 bis 1000 Arbeitsplätze, die seiner Ansicht nach im Pilsacher Umfeld in jüngster Zeit entstanden sind bzw. entstehen werden. „Die werden wir mit unserer niedrigen Arbeitslosenquote nicht decken“, rechnet Truber vor und folgert daraus, dass Menschen in die Region ziehen werden. Am besten nach Pilsach, wenn es nach Truber geht. Für seinen Plan fehlt ihm bislang aber baureifes Land.
Flächen werden aus Landschaftsschutzgebiet in Pilsach herausgenommen
Weshalb die Gemeinde beantragt hat, Flächen aus dem Schutzgebiet herauszunehmen. Den Antrag hat die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt erst nach Verhandlungen für in Ordnung befunden. Die herausgenommene Fläche am nordöstlichen Rand von Pilsach wird kleiner (4,76 Hektar) und es wird ein Waldstück nahe Ammelhofen (5,12 Hektar) neu ins Schutzgebiet aufgenommen.
Im Kreisausschuss wurde das kontrovers diskutiert. Grüne und ÖDP kritisierten, dass die neu hinzugewonnene Fläche keinen Mehrwert für das Landschaftsschutzgebiet bringe. Während die herausgenommene Fläche stark versiegelt werde, sei dies beim Wald auch ohne Schutzstatus nicht zu erwarten gewesen.
Ludwig Härteis (ÖDP) führte sein Redebeitrag zu einer grundsätzlichen Kritik: „Lebensqualität bemisst sich nicht allein an Haushaltszahlen.“ Die CSU in Person von Fraktionschef Alois Scherer gab zu bedenken: Dem Landkreis Neumarkt gehe es gut. Damit das weiterhin der Fall sei, müsse eine maßvolle Entwicklung möglich sein.
Viele flächenintensive Projekte entlang der A3 im Landkreis Neumarkt
Es ist das klassische Für und Wider, das die Diskussion über Flächenverbrauch prägt. Was ist maßvoll? Je nach Blickwinkel kann das Urteil darüber unterschiedlich ausfallen.
Wer beispielsweise vor dem inneren Auge an den Projekten entlang des nördlichen Abschnitts der Autobahn A3 im Landkreis entlangfährt, gewinnt leicht den Eindruck eines immensen Flächenverbrauchs: Zwei im Bau befindlicheRastplätze, das großeBaugebiet in Richtheim, eine angedachte Umgehung von Berg noch nicht mit eingerechnet, in Neumarkt der neue Standort vonFuchs Europoles, daneben ein geplantes neues Gewerbegebiet auf Pilsacher Boden und auf der Jurahöhe wird das Gewerbegebiet Waldeck gebaut.
Das ist ein gefühlter Eindruck, aber was sagen die Zahlen zum Flächenverbrauch im Landkreis? Für eine Studie in 2015 vermaßen Wissenschaftler Bayern per Satellit auf seine Versiegelung hin. Das Ergebnis: Im Landkreis Neumarkt waren 56 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche versiegelt, etwas mehr als 7000 Hektar. Im Vergleich zum Jahr 2000 waren das 1426 Hektar zusätzlich. Rechnerisch kamen demnach 95 Hektar versiegelte Fläche pro Jahr in diesem Zeitraum hinzu.
10,9 Prozent des Landkreises Neumarkt sind Siedlungs- und Verkehrsflächen
Wie viel Fläche seit 2015 versiegelt wurde, steht mangels neuer Satelliten gestützter Daten für diesen Zeitraum nicht exakt fest. Reine Siedlungs- und Verkehrsflächen sind seither 548 Hektar neu entstanden. Wie viel davon tatsächlich auch versiegelt wurde, ist damit aber nicht gesagt. Unter Siedlungs- und Verkehrsflächen fallen für Statistiker beispielsweise auch Parks und Friedhöfe.
Orientiert man sich am Versiegelungsgrad aus dem vorherigen Zeitraum käme man auf einen durchschnittlichen Jahreszuwachs versiegelter Fläche von rund 50 Hektar in 2015 bis 2021. Versiegelt der Landkreis also wirklich weniger Fläche als in früheren Zeiten? Wissenschaftlich bestätigt ist das nicht.
Unbestritten ist aber: Jährlich wächst der Anteil von Siedlungen und Verkehr an der Gesamtfläche. 2021 gehörten 10,9 Prozent des Landkreises dazu. Und ebenso Fakt ist, was Michael Gottschalk, Kreisentwickler am Landratsamt, sagt: „Boden kann man nicht vermehren“.
Staatsregierung startet Flächensparoffensive
Nichtsdestotrotz blickt so mancher Gemeindepolitiker mit Sorge auf ein Vorhaben der Politik in München. Gemäß dem bundesweiten Ziel, den Flächenverbrauch bis 2030 auf unter 30 Hektar pro Tag zu reduzieren, will Bayern seinen auf etwa fünf Hektar begrenzen. Aktuell sind es rund elf Hektar. Die fünf Hektar sind für die Staatsregierung eine Richtgröße, was den Grünen nicht reicht. Sie wollen den Wert in einem Gesetz festschreiben und die Gemeinden Schritt für Schritt heranführen.
In den Gemeinden im Landkreis sehen das viele als eine drastische Begrenzung für die eigene Entwicklung. Zumal die Landkreisbevölkerung weiter wachsen wird. Bis 2039 sind 142000 Einwohner prognostiziert. Rund 5000 mehr als heute. „Der Landkreis braucht die Menschen auf für die Wirtschaft“, sagt Gottschalk. Aber sie müssten dann auch wohnen können.
Am sparsamen Umgang mit Flächen führt dennoch kein Weg vorbei. Es gebe schon jetzt diverse Bemühungen, sagt Gottschalk. Beispielsweise müssten die Gemeinden, wenn sie Baugebiete entwickeln wollen, bei den Flächensparmanagern der Regierung der Oberpfalz den Bedarf dafür nachweisen. Gemeinden wie Parsberg probierten sich an ökologischer Bauleitplanung aus.
Abschied vom Ideal des Einfamilienhauses
Hinzukämen Förderprogramme, die beispielsweise Anreize schaffen wollen, bestehende Bauten im Innenbereich neu zu nutzen. Berngau sei in dieser Hinsicht ein Vorbild. Die großen Effekte in der Breite hat der Mann aus dem Landratsamt aber trotz aller Bemühungen noch nicht beobachtet. Es gehe langsam voran.
„Es braucht eine Mischung aus regulativen Instrumenten und Anreizen“, ist Michael Gottschalk für die Zukunft überzeugt. Ansätze gibt es viele. Beispielsweise eine veränderte Gemeindefinanzierung, die den Wettbewerbsdruck um Steuereinnahmen unter den Gemeinden wegnimmt. Oder eine Grundsteuer C, die den Druck auf Besitzer von baureifen Flächen innerorts erhöht, diese verfügbar zu machen.
Vor allem aber braucht es wohl auch einen fortschreitenden Wandel in der Gesellschaft und in den Köpfen. Ein gesteigertes Bewusstsein könnte neue Ideen wie flächensparendes Bauen in die Höhe oder den teilweisen Abschied vom Ideal des Einfamilienhauses als nur zwei Beispiele von vielen beinhalten.
