Missbrauchsverdacht: Dunkle Wolken über der katholischen Kirche im Landkreis Neumarkt

Von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche blieb der Landkreis Neumarkt lange verschont. Bis am Mittwoch die Meldung kam, dass gegen einen Priester ermittelt wird. Wie reagieren Dekane, Pfarrer und Laien darauf?
Zur Erinnerung: Laut Staatsanwaltschaft läuft gegen den Mann ein Verfahren wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines Kindes. Dabei soll es keinen Körperkontakt gegeben haben. Der beschuldigte Priester soll gegenüber dem Kind pornografische Inhalte geäußert haben. Ermittler hätten vor einigen Tagen die Wohnräume des Verdächtigen durchsucht, erklärte die Staatsanwaltschaft. Das Bistum hat den Priester nach eigenen Angaben vom pastoralen Dienst freigestellt und aus der Pfarrei abgezogen.
„Das trifft mich wie ein Schlag“, erklärt Renate Großhauser. Das Thema Missbrauch sei topaktuell und an der Basis viel diskutiert, berichtet die Vorsitzende des Dekanatsrats in Neumarkt. Dass nun aber auch im Landkreis ein Verdachtsfall bekannt werde, sei dennoch ein Schock. In den vergangenen Jahren sei die Region – zumindest was man öffentlich mitbekommen habe – von solchen Fällen in der Kirche verschont geblieben.
Laien aus dem Dekanat Neumarkt sind schockiert wegen Verdachtsfall
Für die Möningerin zeigt der Verdachtsfall eines: „Wir müssen alle die Augen aufmachen“. Nicht nur in der Kirche, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen. Großhauser betont das umso mehr, da sie als langjährige Geschäftsführerin des Kreisjugendrings Einblicke ins Jugendamt und Missbrauchsfälle insbesondere im familiären Kontext gehabt habe.
Dennoch, das sagt Großhauser auch, sei der Schock und die Reaktionen in Fällen von Priestern besonders groß. Warum? „Es gibt zu Recht einen hohen moralischen Anspruch an die Kirche und an uns“, erklärt sich das Stadtpfarrer Norbert Winner. „Ich war überrascht. Bislang schienen solche Fälle immer weit von uns im Landkreis weg“, sagt der Geistliche des Neumarkter Münsters St. Johannes. Diese Rückmeldung habe er auch bei Telefonaten mit Gemeindemitgliedern bekommen.
Missbrauchsskandale setzen katholische Kirche unter Druck
Er sei entsetzt angesichts des Verdachtsfalls. Zugleich auch enttäuscht, dass durch solche, wie er es nennt, Einzelfälle für den Landkreis Priester unter Generalverdacht gerieten. Missbrauch sei kein Problem allein der katholischen Kirche, die Winners Ansicht nach viel für Prävention in den vergangenen Jahren getan habe. „Wir haben strenge Auflagen durch die Kirchenleitung an die Priester“, sagt Winner. „Wenn ich zum Friedhof fahre, nehme ich beispielsweise keine Ministranten im Auto mit.“
Die Kirche als Struktur müsse das Ihrige tun, damit Missbrauch nicht passiere, betont Renate Großhauser. Sie spricht der katholischen Kirche jedoch zu, dass diese auf den großen Veränderungsdruck infolge von Missbrauchskandalen reagiert habe und das weiterhin tue.
Der Vorfall trifft die Kirche dennoch in einer nach wie vor schwierigen Zeit. Schon lange sei das Vertrauen zu Recht beschädigt, sagt Anton Lang aus Günching, der als Laie im Diözesanrat sitzt. Er sei überzeugt, dass es langsam wieder aufgebaut werden müsse.
„Früher haben sich viele Menschen, denen Missbrauch wiederfahren ist, nicht getraut darüber zu sprechen“, sagt Lang. Es sei sehr gut, dass unsere Gesellschaft nun offener sei und sich mehr Leute meldeten. „Der negativen Aufmerksamkeit, die das natürlich mit sich bringt, müssen wir uns als Kirche stellen.“
Dekan: Kirche werde noch lange unter den Folgen solcher Vorfälle leiden
Natürlich gebe es Missbrauch auf allen gesellschaftlichen Ebenen, auch in Familien und Vereinen, aber die Kirche habe eben einen besonderen Stellenwert. „Wenn sich Menschen mit dem Christentum identifizieren und ihnen die Kirche auch geistlichen Halt gibt, dann ist das Vertrauen umso mehr gebrochen.“
Dekan und Wallfahrtsrektor Elmar Spöttle glaubt, dass die Kirche die Konsequenzen solcher Taten noch lang spüren wird. „Es ist eine riesige offene Wunde und die wird nicht so schnell verheilen“, sagt er. „Die Kritik ist gerechtfertigt und mit all den Austritten ist vielleicht auch der Wandel von einer Volkskirche in eine kleinere Institution im Gange. Dann bleibt nur die Hoffnung, dass uns das eine neue Freiheit gibt, unsere Botschaft wieder besser verbreiten zu können.“
„Es ist ein Spannungsbogen aus Schock, Wut, Traurigkeit und Empörung“, sagt der Pfarrer der Hofkirche Stefan Wingen zu dem Vorfall im Landkreis. „Aber ich bin froh, dass so konsequent gehandelt wurde. Zum Teil war das noch vor einigen Jahren anders und es wurde in Kauf genommen, dass Täter weiter solchen Schaden anrichten.“
An erster Stelle müssen die Missbrauchsopfer stehen
Der Neumarkter Pfarrer glaubt, dass es zum Wiederaufbau von Vertrauen in erster Linie die klaren Handlungen brauche. Er könne das Misstrauen vieler Menschen gegenüber der Kirche verstehen.
Auch Spöttle ist der Überzeugung, dass es rechtliche Konsequenzen für die Verbrechen brauche und es auch innerhalb der Kirche noch mehr Aufarbeitung benötigt. „Es werden zu Recht Forderungen laut, was man tun soll, aber oft ist es schwierig. Es wurde debattiert, ob es schärfere Auswahlkriterien geben sollte, wer zur Priesterweihe zugelassen werden darf. Aber dafür gibt es kein Patentrezept.“
„An erster Stelle müssen die Opfer stehen. Das ist früher oft nicht geschehen, aber das sollte die erste Priorität sein“, ist sich Anton Lang sicher. Ebenso sieht Wingen die Situation. „Es ist furchtbar hart, weil die Tat so furchtbar ist und weil es die Opfer gibt, die das erleben mussten.“