Gekündigte Regensburger Kaufhof-Mitarbeiterin: „Ich hatte Tränen in den Augen“

Von Christian Eckl · 31. März 2023 um 19:00

Kein Dank, kein Trost, nur Paragraphen: Kaufhof-Mitarbeiter am Neupfarrplatz Regensburg bekamen die Kündigung per Expressboten zugestellt. Einige wollen nun klagen.

Das, was die knapp 90 Mitarbeiter der Kaufhof-Filiale am Neupfarrplatz am Donnerstagabend in ihrem Briefkasten fanden, als sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kamen, ließ keinen von ihnen kalt: „Ich hatte Tränen in den Augen“, sagt eine langjährige Mitarbeiterin zur MZ. Eine andere sagt: „Ich war sprachlos, vor allem auch, wie herzlos das Schreiben formuliert war.“

Natürlich: Gerechnet hatten alle damit, dass Galeria nach der Ankündigung der Filial-Schließung in der Altstadt auch Taten folgen lässt. Doch dass kein Wort des Trostes in dem Schreiben stehen würde, sondern lediglich auf Paragraphen verwiesen wird, „das kann ich vielleicht im Kopf verstehen. Aber im Herzen tut es mir wirklich weh“, sagt einer der Gekündigten.

Dabei ließen sich die Mitarbeiter am Neupfarrplatz am Freitagmorgen nichts anmerken. Draußen prasselte der Regen auf den Asphalt. Das Kaufhaus war normal gefüllt. Beim Bezahlen an der Kasse bekommt man aber durchaus den Eindruck: Wer die Mitarbeiter auf die Situation anspricht, muss damit rechnen, dass die Emotionen durchbrechen.

Kaufhof am Regensburger Neupfarrplatz schließt: „Nie wieder in den Handel“

Sandra H. (Name geändert, der Redaktion bekannt) arbeitet seit über drei Jahrzehnten in der Filiale am Neupfarrplatz. Auch sie hat die Kündigung erhalten. „Jetzt muss ich mich beruflich neu orientieren“, sagt die Verkäuferin. „Für mich ist sicher: Ich gehe nicht mehr in den Handel. Das ist ausgeschlossen.“ Die Bedingungen hätten sich in den vergangenen Jahren immer mehr verschlechtert.

„Wir haben alles andere als gute Arbeitszeiten. Wenn ich Samstagabend über die Steinerne Brücke gehe und mir kommen die Menschen entgegen, die dabei sind, auszugehen und ich will nur noch heim – da habe ich mich oft gefragt, wieso ich das eigentlich mache.“ Aber es gab eben auch sehr viele liebenswerte Seiten an der Anstellung im Kaufhof. „Hier geht ein Stück Geschichte zu Ende. Es gibt keine lebenden Menschen mehr, die den Platz ohne Warenhaus kennen.“ Jeden Morgen mit Blick auf den Dom in die Arbeit zu gehen, das sei schon etwas ganz besonders, sagt die Verkäuferin.

Das Schlagwort vom Handel im Wandel werde die Gesellschaft noch hart treffen, glaubt die Kaufhof-Mitarbeiterin. „Wir haben Kunden, die kommen mit ihren Babys in den Kaufhof. Wir sehen den Familien dabei zu, wie sie aufwachsen.“ Doch nicht nur junge Familien seien es, die das Warenhaus besuchen würden. „Da gibt es Touristen, die kommen einmal im Jahr nach Regensburg und dann auch zu uns, um hier einzukaufen“, sagt Sandra H.

Kaufhof am Neupfarrplatz schließt: „Das wird fehlen“

„Es waren die menschlichen Begegnungen, die man nicht ersetzen kann. Für Senioren waren wir oft die einzigen Gesprächspartner in ihrer Einsamkeit – das wird fehlen.“ Man habe von den Kunden viel zurückbekommen. „Manchmal bekam ich Pralinen geschenkt. Eine Kundin besorgte mir mal den Nagellack und schenkte ihn mir, weil wir uns zuvor über die tolle Farbe unterhalten haben.“ Eine andere Mitarbeiterin sagt, die Solidarität mit den Kaufhof-Angestellten sei hoch. Aber nicht bei allen. „Manche motzen und fragen, wann endlich der Ausverkauf beginnt. Andere kommen und sagen, jetzt kaufen sie etwas aus Solidarität – da bin ich so frei und sage: Jetzt ist es zu spät.“ Aber dennoch sei die überwiegende Mehrheit der Regensburger Kundschaft entsetzt darüber, was nun geschieht.

Betriebsratsvorsitzender Andreas Prasch war am Donnerstagabend bei der Sitzung der Gewerkschaft mit Arbeitnehmer-Vertretern der Schließungsfilialen in Bayern. Da kamen die Kündigungen per Expressboten. Prasch fragt sich, ob das der richtige Stil ist, wie Galeria hier vorgeht: „Natürlich ist eine Kündigung immer eine unschöne Sache. Aber es ist eine Frage des Stils, ob man noch Dankesworte für das Geleistete reinschreibt“, sagt der Betriebsrat. Galeria mache die selben Fehler wie schon bei der letzten Insolvenz: „Weniger Personal ist doch keine Lösung. Vielleicht sind die Manager in Essen einfach nur schlecht beraten und sollten weniger auf Beraterfirmen, dafür mehr auf ihren kaufmännischen Verstand hören“, sagt Prasch.

„Galeria sollte bleiben“

Kürzlich wurde das Konzept der Firma Edurent publik, die bereits zwei sogenannte Co-Working-Spaces betreibt. Benedikt Fleckenstein sagt: „Es ist unglaublich, wie groß die Resonanz auf unser Konzept war, das jetzt konkreter wird.“ Den Mitarbeitern zollt der Unternehmer großen Respekt. „Ich finde es klasse, dass die Mitarbeiter nicht aufgeben wollen und sagen, sie wollen weiter für die Filiale kämpfen.“

Genau hier setzen Fleckenstein und seine Geschäftspartner aber auch an: „Edeka hat uns bereits kontaktiert, weil die unbedingt bleiben wollen. Und es gibt noch einen zweiten Discounter, der Interesse hätte – das Sortiment schließt sich auch nicht gegenseitig aus.“

Da aber auch das Konzept von Edurent große Handelsflächen vorsieht, „kann es ja auch gut sein, dass Galeria selbst künftig diese Flächen weiter betreibt“. Die Unternehmer von Edurent fänden diese Lösung jedenfalls für alle Beteiligten optimal.

Aus der Kaufhof-Belegschaft haben jedenfalls schon viele der Gekündigten eine Kündigungsschutzklage in den Blick genommen. Sie halten die Kündigung für unwirksam.

Abfindung oder Auffanggesellschaft

Ungewissheit:Die gekündigten Mitarbeiter wissen noch nicht exakt, welche Wahlmöglichkeit sie haben. Ein Galeria-Sprecher bestätigte der MZ lediglich, dass „die betroffenen Mitarbeiter ein Angebot bekommen werden, in eine Auffanggesellschaft zu wechseln“. Diese soll bei der Suche nach einem Job helfen.

Insolvenzmasse:Entscheiden sich Mitarbeiter gegen die Auffanggesellschaft können sie auf eine Abfindung hoffen. Wie hoch diese dann aber sein wird, ist derzeit noch nicht klar. Fest steht bislang nur eines: Sie wird höchstens zwei Brutto-Gehälter betragen, also etwa 7500 Euro – vor Steuern, wohlgemerkt.