Internationale Spezialisten für Glasbearbeitung sitzen in Kelheim

Von Roland Kugler · 31. März 2023 um 15:00

Vor 100 Jahren wurde der Grundstein für ein erfolgreiches Geschäftsmodell gelegt Die Kelheimer Firma Kurt Merker ist heute ein Global Player in Sachen Glasbearbeitung.

Die Geschichte des Unternehmens Kurt Merker ist zugleich Firmen-, Familien- und Zeitgeschichte. Aus einfachsten Anfängen in Schlesien ist ein Betrieb geworden, der seine Produkte heute weltweit vertreibt. Isabell Merker leitet das Geschäft in dritter Generation. Heute feiert sie den 100. Geburtstag ihrer Firma.

Obwohl es das Unternehmen seit 1948 in Kelheim gibt, dürfte es vielen unbekannt sein. Das mag daran liegen, dass es sehr speziell ausgerichtet ist, etwas versteckt in der Bauersiedlung nicht weit von der Piuskirche liegt und nur wenige Beschäftigte hat.

Es ist ein Familienbetrieb und Geschäftsführerin Isabell Merker macht so gut wie alles selbst. Der Betrieb stellt keine Produkte her, er ist ein Großhandelsunternehmen, das Maschinen und Werkzeuge für die Bearbeitung von Glas bezieht, zusammenstellt und vertreibt. Hersteller und Kunden aquirieren, Waren bestellen, verpacken und vertreiben macht Isabell Merker selbst.

Mit Gabelstapler unterwegs

Dazu nimmt sie an Messen teil, fährt bei Bedarf aber auch mit dem Gabelstapler in der Lagerhalle. „Wenn ich Unterstützung brauche, dann hilft mir mein Freund oder eine Mitarbeiterin“, sagt sie. Es gehen nicht täglich große Mengen an Bestellungen ein, dazu ist die Ausrichtung des Betriebs zu speziell. Dafür vertreibt er seine Produkte in zig Länder weltweit: Werkzeuge für die Bearbeitung von Glas.

Das Spektrum ist groß, es reicht von Utensilien wie Pfeifen zum Glasblasen, Scheren, Gießlöffeln und Ofenschaugläser für Glashütten bis zum Graveurzeug samt Werkbank, Diamantbohrern oder einer Sandstrahlkabine. „Wir vertreiben alles zur manuellen Fertigung und Veredelung von Glas“, umreißt Isabell Merker ihr Angebot. In dieser Nische kann sie trotz industrieller Glasbearbeitung existieren, ihre Kunden sind Künstler, Universitäten und Unternehmen.

Die meisten Produkte besorgt sie im Kundenauftrag, vor allem größere Mengen oder spezielle Werkzeuge. Auf Lager hat sie vor allem Standardwerkzeuge wie Henkelscheren, Schleifbänder oder Bürsten und Polierscheiben. Davon gibt es viele verschiedene Variationen: Polierscheiben aus mexikanischer Agave, Pappelholz, Kork, Natursandstein oder Polyurethan. Keramische Scheiben lässt sie auf Kundenwunsch anfertigen, ebenso Diamant-Magnetdisks zum Flachschleifen. „Manchmal wird es schwierig, noch einen Hersteller in Europa zu finden“, sagt Merker.

Großvater kaufte 1923 eine Schreibmaschine

Sie legt Wert auf handwerkliche und hochwertige Herstellung ihrer Produkte, aus Asien will sie nichts beziehen. „Die Corona-Zeit war schlecht, jetzt ist die Auftragslage wieder gut“, sagt Isabell Merker. Dabei hat alles ganz klein angefangen: 1923, während der Inflation, hat ihr Großvater Kurt Merker für seine gesamten Ersparnisse eine Schreibmaschine gekauft. Am 1. April gründete er im schlesischen Hirschberg seine Firma mit Werkzeughandel. Er vertrieb vor allem Schleif- und Polierscheiben.

Schon 1928 war er auch in Bayern unterwegs, weil es hier viel Glasindustrie gab. Dann musste er in den Krieg, und war bis 1948 in Kriegsgefangenschaft. Anschließend kam er nach Kelheim, hier nahm er alte Geschäftsverbindungen auf und gründete sein Unternehmen neu.

Zuerst in einem Schuppen im alten Hafen, „in dem hatte schon der Architekt der Befreiungshalle Leo von Klenze sein Büro, es gab dort damals nur ein Plumpsklo“, erzählt Isabell Merker. 1956 trat ihr Vater Gernot ins Geschäft ein, 1972 wurde das Gebäude in der Elsterstraße gebaut.

Vater war eine Koryphäe

„Mein Vater war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Glasbearbeitung“, sagt Merker. Er reiste in Europa und weltweit, organisierte Konferenzen und Ausstellungen und schrieb Fachbücher. Von diesem Kundenstamm profitierte sie, als sie 1991 ins Geschäft einstieg. Und sie baute ihn aus, was sie mit ihrer Leidenschaft, dem Reisen, gut verbinden konnte. „Ich war auf fünf Kontinenten, es macht mir Freude, dass ich mit Leuten aus der ganzen Welt zu tun habe.“ So gehen Werkzeuge zur Glasbearbeitung heute von Kelheim in fast alle europäischen Länder und in die USA, nach Australien, Südafrika, Marokko, Ägypten, Türkei, Sri Lanka, Thailand, Südkorea, Japan und weitere Länder.

„Ich bin noch mit meinem Vater gereist, habe Kunden und Messen besucht“, sagt Isabell Merker. Auch von ihrer Mutter hat sie die Liebe zum Glas mitbekommen: Ursula Merker ist seit den 80er-Jahren für ihre Glaskunst weit über Kelheim hinaus bekannt.

Es gibt zahlreiche Scheiben und Materialien zum Polieren und Schleifen von Glas.
Am Graveurzeug bearbeitet Isabell Merker mit einer gesinterten Diamantscheibe ein Glas.