Vor der Stadtratssitzung: Handballer machen Ärger bei Demo in Kelheim Luft

Aus einer Whatsapp-Nachricht in einer Gruppe des Handball-Nachwuchses wurde ein Lauffeuer. Am Ende stand eine der größten Demos, die Kelheim vor einer Stadtratssitzung bislang wohl gesehen hat.
Knapp 100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene fühlen sich bei den Ausweichplänen der Stadt zur Sanierung der Dreifachturnhalle nicht gut berücksichtigt. Ihren Unmut machten sie am Mittwochabend mit Plakaten und Tröten deutlich. Abgestimmt wurde in der Sitzung über eine zusätzliche Traglufthalle. Die Debatte war kontrovers und hochemotional. SPD und Kelheimer Mitte (KM) hatten die Idee zu der Halle. Nach ihrer Ansicht sollte sie Kelheims Vereins- und Schulsport – von Ende Juli 2023 bis September 2024 – sprichwörtlich Luft verschaffen.
Positionen lagen weit auseinander
Während Claus Hackelsperger (SPD) und Christian Prasch (KM) für die Interimshalle warben, äußerten insbesondere Kelheims Sport-Bürgermeister Dennis Diermeier (FW) und Bürgermeister Christian Schweiger (CSU) Unverständnis – über Demo und Antrag. Beides quittierten sie mit Kopfschütteln bzw. Lachen. Schweiger bedachte insbesondere Christian Praschs Aussage, er habe vorab nichts von der Demo gewusst, mit lautem Lachen.
Die beiden Bürgermeister merkten an, welche Anstrengungen Verwaltung und sie selbst unternommen hätten, um alle Vereine zufrieden zu stellen. Auch mutmaßliche Kosten im mittleren bis hohen sechsstelligem Bereich sowie ein „24/7“-Betrieb sei in Zeiten der Energiekrise nicht nur teuer, sondern energetisch höchst fragwürdig, hieß es.
In Zeiten klammer Kasse war Halle für Mehrheit „nicht tragbar“
Für weitestgehend „fünf Monate“ (Anm. d. Red. gemeint war die besonders enge Winterzeit von November bis März) eine Traglufthalle zu installieren, war für die große Mehrheit der Stadträte bei den aktuellen engen finanziellen Verhältnissen nicht vertretbar. Christiane Lettow-Berger (Grüne) hielt die Idee für „verführerisch“, doch im Sinne eines genehmigungsfähigen Haushalts sei sie nicht tragbar. (In derselben Sitzung wurde Kelheims Haushalt 2023 verabschiedet, Bericht folgt.)
Seitenhieb auf abgelehnte „Zweifachturnhalle“ von Hohenpfahl
Hätte man in der vorangegangenen Stadtratsperiode statt der Einfach- einer Zweifachturnhalle in Hohenpfahl zugestimmt, „hätten wir jetzt eine Halle“, warf CSU-Stadtrat Thomas Müller ein. So sahen es auch viele FW-Stadträte.
Dass die Sanierung ohne Einschränkungen abgehen werde, habe niemand behauptet, so Bürgermeister Schweiger. Was Sport-Bürgermeister Diermeier weiter wunderte, „wenn das Thema so interessant ist, dass dann niemand die Sitzung verfolgt. Stattdessen stellt man Kinder vor die Tür, was ich sehr befremdlich finde, und geht dann nicht mal rein“.
Christian Rank: Wäre alles geklärt, gäbe es keine Demo
Wenn durch die Vereinsbesprechung alles geklärt gewesen wäre, hätte es die Demo nicht geben, konterte Christian Rank (Grüne). An die 70 Minuten rangen die Fraktionen, teils sehr emotional, um den Antrag. Ähnliche Situationen dürften sich – angesichts der wohl sehr geringen finanziellen Spielräume – in den kommenden Jahren wiederholen. Stadträte verschiedener Couleur merkten an, dass sie für die ganze Stadt entscheiden müssten, „nicht für einzelne Vereine“. So sah es auch der Bürgermeister: „Wir können nur abwägen, was machbar ist und zu welchem Preis.“
Christian Prasch: „Unmoralischer“ Antrag?
Christian Prasch beschlich der Eindruck, den Kritikern mute der Antrag „unmoralisch“ an. „Wir wollten weder der Verwaltung noch dem Bürgermeister eine Watsch’n geben, sondern ein Thema, das Bürger an uns herantragen, ernst nehmen.“ Das sei legitim – wenn die Mehrheit anders entscheide, sei das Demokratie. Das respektiere man. Mit 15:10 Stimmen wurde die Traglufthalle abgelehnt.
„Entsetzte“ Sportler
Entgegen Schweigers Vermutung waren Vertreter der Handball-Familie wie weitere Sportler auf der Empore anwesend. Was sie über sich und den demonstrierenden Nachwuchs hörten, „entsetzte“ sie, sagen 2. Abteilungsleiter Lukas Wick oder Handball-Trainerin Janina Hackelsperger.
Die Handballer waren beim in der Sitzung vielfach angesprochenen Termin mit der Stadt (am 15. März zur Nutzung alternativer Hallen) dabei. Allerdings fühlten sie sich laut Wick von den vorgelegten Alternativen „überrumpelt“. Zudem seien damals noch nicht alle Erfordernisse klar gewesen. Nun zeichne sich ab, dass man u.a. Platz für eine weibliche E-Jugend mehr benötige. Zudem habe man bislang vergeblich auf den von der Stadt versprochenen Plan gewartet.
Dass andere auf Kapazitäten zugunsten der Handballer verzichteten, wisse man sehr zu schätzen, so Wick. Dennoch fürchtet die Abteilung, dass ihr die Jugend wegbricht, wenn man nicht auch im Training Spielpraxis sammeln und dann Spiele gewinnen könne. Dafür brauche es größere Spielfelder.
Lukas Wick: „Nicht die Message, die eine Sportstadt überbringen sollte“
Ein Pendeln für Spiele etwa nach Bad Abbach sei für Erwachsene handelbar, aber nicht für die Eltern der Sechs- bis Zehnjährigen, so Janina Hackelsperger. Eine Traglufthalle wäre ein Zeichen der Stadtpolitik gewesen, wie wichtig ihr die „Sportstadt“ ist, so Wick. Dass sie nicht kommt, müsse man akzeptieren. Aber: „Wie lächerlich die Demo gemacht worden ist und wie über unsere Eltern und Kinder geredet worden ist, entsetzt mich.“ Das sei „nicht die Message, die eine Sportstadt rüberbringen sollte“. Wick wünscht sich, dass im Nachhinein von der Stadt das Interesse an einer Lösung besteht.
Was ist mit dem Schulsport in Kelheim?
Bürgermeister:SPD und KM fürchten auch um Kelheims Schulsport. Die Schulleiter von Gymnasium und Mittelschule seien „fein“ mit den Ersatzplänen, so Schweiger.
Schulleitung:Mittelschulleiter Oettl war für uns am Donnerstag nicht erreichbar. DGK-Leiterin Sylvia Ettlinger sagt: „Wir hatten 2015 schon mal so eine Situation. Es braucht eine praktikable Lösung. Der Schulsport ist garantiert. Wir sind nicht nur in der Dreifachturnhalle.“ Auch über den Stundenplan will sie Fahrten zu alternativen Hallen austarieren, so Ettlinger.