Das kleine Auto für Schüler und Azubis – Anzahl im Chamer Landkreis steigt

Julia Platzer (16) steht vor der beeindruckende Aussicht an ihrem Elternhaus in Marketsried bei Rötz. Sie macht eine Handbewegung über das großartige Panorama und sagt dann sinngemäß etwas wie: „Hier braucht man ein Fahrzeug, um woanders hinzu kommen.“Das „Woanders“ ist bei ihr die Schule und die Arbeit in Cham, aber auch die Fahrt zum Baden oder ins Kino. Deswegen hat sie, weil sie aus einer Landwirtschaft stammt, „mit 16 den Führerschein für den Bulldog gemacht“ und darf damit auch die sogenannten Leichtkraftfahrzeuge oder Mopedautos fahren.
Für ihr Mofa habe sie mit Hilfe ihrer Eltern mit 16 ein „45er-Auto“, wie es Julia Platzer nach der Höchstgeschwindigkeit nennt, bekommen. Das sei im Winter und bei Regen einfach bequemer und sicherer, als ein Moped, sagt sie. Durch das kleine Auto würden auch ihre Eltern entlastet, die sie nicht mehr zur Schule oder in die Arbeit fahren müssten. Schließlich hätten sie in der Landwirtschaft viele andere Dinge zu tun.
Julia Platzer ist nicht die einzige, die sich für eines der kleinen Leichtkraftfahrzeuge entschieden hat. Gleich mehrere ihrer ehemaligen Klassenkameraden sind beim Wechsel von der Schule in den Beruf auf die kleinen Autos umgestiegen. So erzählt Nico Bösl (16), dass er mit seinem Ligier – eine französische Marke für Minicars – in einem Jahr bereits 36000 Kilometer gefahren ist, „in die Arbeit und mit Kumpels“ , wie Nico erzählt. Mit seinem im Vergleich zu anderen Fahrzeugen langsamen Auto, fühle er sich im Verkehr wohl. Allerdings meidet er die Bundesstraßen. Insbesondere andere Pkw würden dort schon mal drängeln und dicht überholen. Aber sicherer und komfortabler als ein Moped sei das Auto auf jeden Fall.
Bereits der vierte Besitzer
„Lieber die Landstraße“ als die Bundesstraße nimmt auch Timo Balk (16). Eine brenzlige Situation habe er mit seinem Auto aber noch nie erleben müssen. Er sei schon der vierte Besitzer des Autos, das mittlerweile 60 000 Kilometer auf dem Tacho habe. Die hohe Kilometerleistung merke er derzeit auch, berichtet er. Die Technik mache Ärger. Dennoch sei es sehr gut, bei Regen und Schnee „einen Deckel über dem Kopf zu haben“, sagt Timo Balk.
Dass die jungen Berufstätigen damit einem Trend folgen, zeigt auch die Statistik. Aussagekräftige Zahlen für den Landkreis Cham sind allerdings schwer zu erhalten, weil das Fahrzeug nur ein Versicherungskennzeichen hat und nicht bei den Zulassungsstellen der Landratsämter geführt wird. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft gab es 2019 rund 16500 Leichtkraftfahrzeuge bundesweit und 2021 waren es bereits 21500 solche Minicars. Auf den Boom der Leichtkraftfahrzeuge im Landkreis kann man nur indirekt schließen. So nahmen die Führerscheine der Klasse AM im Landkreis kontinuierlich und massiv zu. So wurden 2019 nur 16 AM-Führerscheine erteilt, 2020 waren es schon 26, 2021 bereits 87 und 2022 bereits 217 AM-Führerscheine. Allerdings dürfte der massive Anstieg nicht allein auf die 45km/h-Autos zurückzuführen sein, sondern auch darauf, dass Jungendlich statt eines Mofaführerschein jetzt mit 15 gleich einen AM-Führerschein machen.
Den Boom bei den sogenannten Moped-Autos kann auch Rudi Nemmer, Kaufmännischer Leiter bei Hielscher in Chamerau bestätigen. Das Unternehmen verkauft neben E-Autos, Sportwägen, Quads und Motorrädern auch Leicht-Kfz und zählt nach eigenen Angaben mitlerweile zu den größten Händlern dieser Fahrzeuge in Deutschland. Der Boom der Leicht-Kfz habe mit der Einführung des neuen AM-Führerscheins ab 15 ab der Jahresmitte 2021 begonnen, berichtet Nemmer. Die Kleinfahrzeuge seien seither stark nachgefragt. Es gebe zwei klassische Käufergruppen. Die meisten Fahrzeuge, rund zwei Drittel, würden von jungen Leuten ab 15 genutzt, um in die Arbeit oder die Schule zu kommen. Zudem würden die Eltern sehr von „Taxidiensten“ entlastet. Das dritte Drittel werde von Kunden im Rentenalter gekauft. Hier stünden meist die günstigen Betriebskosten und der geringe Platzbedarf beim Parken eine Rolle. Eine weitere Gruppe von Käufern seien Firmen. Diese würden mit den kleinen Autos um Auszubildende werben. Insbesondere Baufirmen nutzten das Fahrzeuge oft, damit ihre Lehrlinge zur Arbeitsstelle fahren können. Um die 300 Autos für den AM-Führerschein dürfte es derzeit im Landkreis Cham geben, schätzt Nemmer.
Das „steile Wachstum“ dieser Kfz-Sparte werde anhalten, prophezeit der Autoverkäufer. Die Firma Hielscher vertreibt Fahrzeuge des französischen Herstellers Ligier und der Marke Microcar. Demnächst werde es auch ein Leicht-Kfz mit Elektroantrieb geben, sagt Nemmer. Die jetzigen Autos seien in der Regel Dieselfahrzeuge und böten praktisch alle Ausstattungsvarianten, die auch „große“ Autos bieten würden. Viele der Kunden seien zudem überrascht, wieviel Kofferraum so ein kleiner Wagen habe. In den Zweisitzer passten durchaus mehrere Getränkekisten, sagt Nemmer. Stolz ist der Geschäftsführer aber besonders auf das Sicherheitskonzept der kleinen Autos. Ligier komme aus der Rennwagenherstellung. Das lasse sich die Konstruktion der Fahrgast sicherheitszelle erkennen.
Bisher nicht auffällig
In der Unfallstatistik der Chamer Polizei werden die kleinen Leichtfahrzeuge nicht gesondert geführt. Aber auch sonst scheinen die kleinen und langsamen Fahrzeuge, was die Unfallgefahr betrifft,nicht auffällig. Sowohl der Verkehrssachbearbeiter der Chamer Polizei, Christian Hiergeist, als auch die Pressestelle des Präsidiums können sich nicht erinnern, dass es schon außergewöhnliche Unfälle mit den kleinen Autos gegeben habe.
