Notruf-App „nora“ massiv missbraucht: Großeinsätze im ältesten Wirtshaus der Welt

Von Jonas Raab · 29. März 2023 um 09:57

Mutwillige Falschalarmierungen über die Notruf-App „nora“ nehmen drastisch zu. Auch in und um Regensburg rückten Rettungskräfte zu Großeinsätzen aus, unter anderem nach Eilsbrunn ins älteste Wirtshaus der Welt. Die App-Macher sind machtlos, die Feuerwehr warnt, die Polizei schweigt – aber Wirt Muk Röhrl erzählt.

Und plötzlich stand die Polizei in der Tür. Muk Röhrl schleicht vom Set seiner Live-Kochshow im ältesten Wirtshaus der Welt. Zwischen Kaiserschmarrn und Zwiebelsuppe soll der Koch ausgerastet sein. Von bedrohten Leuten ist die Rede. „Alles in Ordnung“, versichert der Wirt aus Eilsbrunn den Beamten. Gut 100 Menschen, die „Muks Chaos Küche“ gerade auf der Streaming-Plattform Twitch ansehen, sind seine Zeugen. Die Polizei zieht ab.

Eine halbe Stunde später, da ist der Kaiserschmarrn bereits gepudert, heulen in Eilsbrunn die Sirenen. Röhrl zückt sein Handy, starrt auf das Display und schüttelt den Kopf. „Naja, super“, hört man den ehrenamtlichen Feuerwehrler murmeln, als er das Set ein zweites Mal verlässt. Die Alarmierung: Gasaustritt. Der Einsatzort: Das älteste Wirtshaus der Welt. Bereits auf dem Weg nach Eilsbrunn: Drei Feuerwehren, zwei Kreisbrandmeister, die Polizei und der Rettungsdienst. „Ihr könnt wieder umdrehen“, gibt Röhrl seinen Kameraden Entwarnung. Fünf Minuten später steht er wieder vor der Kamera. Innerlich brodelnd, äußerlich bestens gelaunt, serviert er die Zwiebelsuppe. Zehn Minuten später ist die Folge im Kasten.

Fake-Notrufe über „nora“-App: Fast wöchentlich neue Fälle

Wer für die beidenmutwilligen Falschalarmierungenverantwortlich ist, weiß Röhrl nicht. Abgesetzt wurden sie über das bundesweite Notruf-System „nora“. Die Masche, über diese App Großeinsätze ohne Not auszulösen, macht Schule. Das Programm wird derzeit massiv missbraucht. Seit knapp einem halben Jahr geistern fast wöchentlich Fälle durch die Presse. In Niederbayern weiß die Polizei von „rund einem Dutzend“ Fehlalarmierungen seit September 2022, in der Oberpfalz berichtet das Präsidium von drei Fällen seit Jahresbeginn. „Weitere dürften bei der Integrierten Leitstelle eingegangen sein“, heißt es auf Nachfrage, denn die App alarmiert je nach Betreff entweder Polizei, Rettungsdienst oder Feuerwehr.

Das Innenministerium Nordrhein-Westfalen, federführend bei der Entwicklung von „nora“, berichtet auf Nachfrage von rund 150 laufenden Ermittlungsverfahren. Zum Vergleich: Anfang des Jahres, als ein Unbekannter drei Mal binnen Wochen einGroßaufgebot an Rettungskräften und Polizisten über die App zu einem Ehepaar nach Fürstensteinim Landkreis Passau geschickt hatte, sprach das Ministerium noch von 30 Fällen auf Bundesebene. Da keine Meldepflicht an das Ministerium besteht, könnten die Zahlen weit höher liegen.

Regensburg: Unbekannter löst über „nora“-App Gas-Alarm aus

Vor wenigen Tagen schrillten die Sirenen in Regensburg. In einem Einfamilienhaus am Brandlberg soll um 3 Uhr Gas ausgetreten sein. Zeitgleich wurde ein „Bedrohungsszenario mit Messer“ gemeldet. Vor Ort stellten Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei fest: Einen Gasanschluss besitzt das Haus nicht, alle Messer liegen in der Küchenschublade.

Auch wenn mittlerweile bekannt ist, dass die „nora“-App gerne für Fehlalarmierungen missbraucht wird, müssen die Einsatzkräftejeden Notruf ernst nehmen. „Wenn Gas alarmiert wird, schicken wir ein Großaufgebot raus. Auch ein Gefahrgutfahrzeug und der Rettungsdienst sind dann im Einsatz“, erklärt Christoph Tresch, Pressesprecher der Regensburger Berufsfeuerwehr. Gut eine Stunde hat der Einsatz am Brandlberg gedauert. Aufseiten der Feuerwehr war ein 40-Mann-Großaufgebot im Einsatz: Die komplette Schichtbesatzung der Regensburger Berufsfeuerwehr und 17 Ehrenamtliche vom Löschzug Keilberg. „Glücklicherweise hatten wir parallel keinen Alarm. Dann würden logischerweise keine Kräfte zur Verfügung stehen“, sagt Tresch.

Einsatz in Regensburg: Verbindung zu Fall in Oberbayern

Öffentlich gemacht hatte den Regensburger Fall die Polizei in Garmisch-Partenkirchen. Dort wurde eine geplatzte Gasleitung gemeldet – laut ersten Ermittlungen vom selben Unbekannten, der für den Einsatz in Regensburg verantwortlich war. Er hatte falsche Registrierdaten benutzt, um seine Identität zu verschleiern. Das scheint über die Notruf-App, die seit September 2021 als „echte Alternative zum konventionellen Notruf“ zur Verfügung steht, erschreckend einfach zu sein.

Das Hauptproblem von „nora“ liegt in ihrer Grundidee selbst. Die App soll insbesondere Menschen mit Beeinträchtigungen eine niederschwellige Möglichkeit des Notrufs bieten. Auch für Dritte lassen sich Alarmierungen absetzen. Zur Nutzung ist lediglich eine einmalige Rufnummer-Verifizierung per SMS-Code erforderlich. Weitere Sicherheitsmaßnahmen stünden der Idee des barrierefreien Zugangs entgegen, erklärt das Innenministerium Nordrhein-Westfalen. „Manipulation am Smartphone oder am Betriebssystem können leider nicht gänzlich ausgeschlossen werden“, gibt ein Sprecher zu. Heißt: Eine Handynummer, die sich nicht zurückverfolgen lässt, reicht, um Großeinsätze auszulösen.

„nora“-App: Vor allem Streamer von Notruf-Missbrauch betroffen

Betroffen vom „Swatting“, also dem Mitteilen fingierter Notfälle, ist laut dem für „nora“ zuständigen Ministerium derzeit insbesondere die Streamer-Szene. Es scheint en vogue geworden zu sein, unliebsamen Influencern Rettungseinsätze aufzuhalsen, während sie auf Sendung sind. Auch im Fürstensteiner Fall streamte ein Mann gerade auf Twitch, als 50 Einsatzkräfte die Haustür aufbrechen mussten.

Muk Röhrl kocht seit zwei Jahren live im Internet. Was als „Lockdown-Langeweile-Projekt“ begann, ist mittlerweile wichtige Werbequelle für das Wirtshaus. „Die Probleme fingen vor ein paar Wochen mit Beleidigungen an“, erzählt er. Dass während einer Livesendung ein Lieferdienst mit nicht bestellten Pizzen im Wert von 80 Euro in der Tür stand, tolerierte Röhrl noch; dass während seiner kurzen Abwesenheit verfassungsfeindliche Symbole im Twitch-Chat gepostet wurden, brachte der Wirt zur Anzeige. Zu den Fehlalarmierungen Mitte März ermittelt die Polizei ohnehin.

Ältestes Wirtshaus der Welt in Eilsbrunn: Muk Röhrl hält an Livestreams fest

Röhrl zog in Erwägung, Livestreams bleiben zu lassen – und hat sich nach Rücksprache mit anderen Streamern dagegen entschieden. „Wenn man in der Öffentlichkeit steht, braucht man eine dicke Haut“, sagt er. Sein Plan: dem Störer so wenig Aufmerksamkeit wie möglich geben. „Aber trotzdem will man andere warnen“, reflektiert er das Spannungsverhältnis aus Reden und Totschweigen.

DieOberpfälzer Polizeispricht ungern über die neue Masche. Die Sorge, damit den aktuellen „Trend“ zu verstärken, scheint groß. Presseberichte zu den Großeinsätzen in Eilsbrunn und Regensburg schrieben die Beamten nicht. Auf Nachfrage hieß es knapp: „Missbräuchliche Notrufe werden konsequent strafrechtlich verfolgt“. Man ermittle gegen bislang Unbekannte wegen Vortäuschens einer Straftat beziehungsweise Missbrauchs von Notrufen.

Notruf-Missbrauch über „nora“-App: Harte Strafen drohen

Wie groß die Chance ist, die technikaffinen Hacker aufzuspüren, sei dahingestellt. Sollte es gelingen, drohen ihnen in manchen Fällen Geldstrafen, in anderen ein Freiheitsentzug von bis zu drei Jahren. „Wenn Verursacher ermittelt werden, stellen wir zudem Rechnungen für Einsätze. Das können schnell vierstellige Beträge sein“, droht Tresch von der Regensburger Berufsfeuerwehr.

Muk Röhrl betreibt das älteste Wirtshaus der Welt. Der Eilsbrunner kocht seit zwei Jahren auch live im Internet – und wurde schon Opfer des „Swattings“, also dem Mitteilen fingierter Notfälle. -Foto: Armin Weigel/dpa
Ein hörgeschädigter Mann testet die Notruf-App „nora“ auf dem Display seines Mobiltelefones. Derzeit wird die App jedoch massiv missbraucht. -Foto: Rolf Vennenbernd/dpa