Aufmarsch am 21. März 1933: Als die Schierlinger Hitler feierten

Von Fritz Wallner · 20. März 2023 um 17:00

Vor 90 Jahren, im März 1933, übernahm Adolf Hitler endgültig die absolute Macht. Die Menschen jubelten und viele ahnten dabei wohl nicht, welchem Verbrecher sie huldigten. Auch Schierling war keine Ausnahme.

Mit einem „Fackelzug, wie ihn Schierling noch nie erlebte“ feierten die Schierlinger am 21. März 1933 die erste Zusammenkunft des Reichstags. Doch dieses Parlament kastrierte sich schon drei Tage später mit dem Ermächtigungsgesetz selbst und überließ Adolf Hitler die uneingeschränkte Macht inklusive der Gesetzgebungsgewalt.

Schon am 22. März 1933 wurde das Konzentrationslager in Dachau eröffnet. Am 14. Juli 1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verabschiedet, aufgrund dessen zwischen 1934 und 1939 rund 400000 Menschen sterilisiert wurden. Am 18. Oktober 1933 folgte das „Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes“, am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem Einmarsch in Polen. Am selben Tag unterschrieb Hitler den Euthanasieerlass, der zum Freibrief für die Ermordung von deutschen Landsleuten wurde, und der auch der Schierlingerin Theres Wallner das Leben kostete.

Das ganze Dorf feierte

Am 21. März 1933 war Schierling voll Enthusiasmus und organisierte einen bis dahin kaum vorstellbaren Aufmarsch. Das ganze Dorf feierte die Reichstagseröffnung, aufgrund derer der Anbruch einer neuen Zeit erhofft wurde.

Das neu gewählte Parlament hatte sich in Potsdam versammelt, nachdem am 28. Februar 1933 das Reichstagsgebäude in Berlin abgebrannt war. Obwohl Hitler in seinem Werk „Mein Kampf“ schon ab 1920 dargestellt hatte, wie er sich das Deutschland der Zukunft vorstellt, hielt der Enthusiasmus bei der Bevölkerung an. Die Schriften Hitlers kümmerten die Menschen wenig. Arbeitslosigkeit und die damit zusammenhängende Armut beherrschten den Alltag eines Großteils der Bevölkerung. Als einzige Fraktion im Parlament stimmte die SPD damals geschlossen gegen das Ermächtigungsgesetz.

Konsequente Beschränkungen der Freiheit erfolgten sofort. Schon im März 1933 gab es zahlreiche Zeitungsverbote im gesamten Reichsgebiet. SA und NS-Funktionäre gingen auf lokaler Ebene gegen missliebige Zeitungen, Journalisten und Verleger vor. Nicht zuletzt deshalb wurde erst am 25. März 1933 über die großen Feiern in vielen Gemeinden berichtet. In der in Schierling erschienenen Tageszeitung war zu lesen, dass zum großen Aufmarsch am 21. März nicht nur die öffentlichen Gebäude Flaggenschmuck getragen haben, sondern auch die anderen Häuser.

Feier in der Schule

Wörtlich heißt es: „Um 8 Uhr versammelten sich die sämtlichen Schulkinder in der Knabenschule zur angekündigten Schulfeier. Die Gemeinderäte unter Führung des Herrn Bürgermeisters Schuster, die Gendarmerie und viele andere Freunde der Schule erschienen zur Schulfeier. (…) Herr Schulleiter zog eine treffende Parallele zwischen Frühlingsanfang und dem neuen Reich. (…) Lieder vaterländischen Charakters, Gedichte, die den deutschen Gedanken im Mittelpunkt hatten, wechselten in reicher Anzahl. Das Schulzimmer trug einfachen und doch würdigen Schmuck“, heißt es in dem Artikel.

Der Text beschreibt auch die Feier am Abend: „Ganz Schierling, jung und alt, machte sich auf die Beine, um den Fackelzug zu sehen oder mitzumachen. Vor dem Rathause sammelten sich die Vereine und der Zug stellte sich in Reih und Glied. Voran zogen die Schulkinder mit ihren Buntlichtern und Fähnchen. Hierauf folgten die Musikkapelle, unsere S.A.-Leute in Uniform, dann die Mitglieder der NSDAP, der Gemeinderat, die Feuerwehr, der Krieger-, Schützen-, Kath. Gesellen- und der Radfahrerverein. So setzte sich der große Zug, beleuchtet von den Lichtern der Kinder und den Fackeln der Vereine, in Bewegung. Schneidige Märsche erklangen. Vor dem neuen Kriegerdenkmal hatte sich eine Unmenge von Menschen angesammelt, die den Zug erwartete. Einige Lieder wurden von der großen Menschenmenge gesungen. Herr Bürgermeister Schuster legte im Namen der national denkenden Schierlinger einen Kranz am Denkmal nieder.“

Einer fehlte bei dem ganzen Spektakel: Johann Wallner, der seit 1919 amtierende, letzte frei gewählte Bürgermeister, der schon 1931 wohl nicht ganz freiwillig von seinem Amt zurückgetreten war, angeblich aus Rücksicht auf seine Gesundheit und aus Altersgründen. Ihm war nicht geheuer, was sich zusammenbraute und er wollte weder Parteimitglied werden noch mit den neuen Machthabern kooperieren. Und so hat man ihm wohl bedeutet, dass er keine Zukunft habe. Als sein Nachfolger wurde „der eifrige Nationalsozialist“ Ludwig Schuster bestellt, wie aus der Chronik der Schulschwestern hervorgeht.

Absolute Mehrheit für NSDAP

Die Gemeinde Schierling wurde auf „rechts“ gedreht, was der damalige Bürgermeister Ludwig Schuster konsequent vorbereitet hatte. Richard Rohrer fasst in seiner Chronik zusammen, dass bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 die NSDAP in Schierling mit 486 Stimmen die absolute Mehrheit erhielt. Die Bayerische Volkspartei bekam 206, die SPD 50, die KPD 16, der Bauernbund zwölf, Schwarz-Weiß-Rot vier, die Deutsche Volkspartei zwei Stimmen und der Volksdienst eine Stimme.

Im Gemeinderat bildete sich eine Fraktion der NSDAP. Schon in der Ratssitzung vom 22. Juni 1933 wurde „die Errichtung eines Arbeitsdienstlagers in Schierling einstimmig anerkannt und die Angelegenheit seitens der Gemeinde Schierling weitgehendst unterstützt“, schreibt Rohrer.

Bereits am 20. Mai 1933 verlieh der Schierlinger Gemeinderat Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht. Das war in vielen Gemeinden so gehabt worden. Nachdem der Marktrat 2003 von diesem zweifelhaften „Ehrenbürger“ Kenntnis erlangt hatte, distanzierte er sich förmlich mit Beschluss vom 25.11.2003, auch wenn das Ehrenbürgerrecht mit dem Tod automatisch erlischt. Man wollte ein eindeutiges Signal der Distanzierung setzen.

Der Geschichtswissenschaftler Thomas Weber hat im November vergangenen Jahres das Buch „Als die Demokratie starb“ vorgelegt. Darin äußern sich führende internationale Historiker zum Ende der Weimarer Republik und dem Wesen der nationalsozialistischen Herrschaft. Weber mahnt aktuell zur Wachsamkeit. Der Sturm auf das Kapitol in Washington, die Ereignisse von Brasilia oder die „Reichsbürger“ um Prinz Heinrich XIII., das alles sei spektakulär und schlimm genug. Aber viel gefährlicher sei das graduelle Abgleiten in die illiberale Demokratie. Der Niedergang der Demokratie sei ein schleichender Erosionsprozess, warnt Weber in einem Zeitungsinterview.

Lehrer als führende EifererBericht:Über beachtliche Aktivitäten der Huldigung wird in der in Schierling erschienenen Tageszeitung vom 25. März 1933 auch von Langquaid, Münster, Andermannsdorf und Pfeffenhausen berichtet.

Orte:Offensichtlich taten sich nicht nur in Schierling insbesondere Lehrer als Eiferer hervor. Im Langquaider Huberbräukeller „dortselbst hielt Lehrer Fritz eine markante Ansprache bei dem Scheine eines mächtig lodernden Freudenfeuers“, ist zu lesen. In Andermannsdorf feierte man zusammen mit Besuchern aus Kirchdorf und Rahstorf „auf Veranlassung des Herrn Lehrer Zeitler“. In Münster wurde ein großes „Freiheitsfeuer“ entfacht und Hauptlehrer Kreilinger sprach über die Bedeutung des Tages.

Lied:In Pfeffenhausen wurde die „nationale Feier“ mit dem Deutschland- und dem Horst-Wessel-Lied abgeschlossen.