Spargelbäuerin Veronika Röll: Die Frau, die zu viele PS hat

Spargelbäuerin Veronika Röll ist als Powerfrau bekannt. Nur wenige wissen, was sie durchmachen musste, um so zu werden.
Sie wäre gerne „Holzhauerin“ geworden. Zum Entspannen fährt Veronika Röll mit der Motorsäge in den Wald. Nach einem 14-Stunden-Tag ist die 33-Jährige am liebsten im Wald. Vor drei Jahren hat sie den Spargelhof ihrer Eltern in Sandharlanden übernommen. Das Leben ließ ihr nicht viel Zeit zu überlegen. Im März vor drei Jahren ist Alois Röll, ihr Vater, gestorben. Wie sie sich vor diesem Tag gefürchtet hatte – „Ich kann das noch nicht alleine.“
Einen Großteil der Felder hatte ihr Vater noch eingesät.Dass Veronika Röll die Ernte auch einbringen würde, hatten im Dorf die Wenigsten geglaubt.So erzählt es Rölls Cousine Kerstin Stempfhuber. Die 31-Jährige ist mit Veronika Röll aufgewachsen. „Viele Männer haben sie unterschätzt. Aber sie hat es ihnen gezeigt“, sagt Stempfhuber.
Veronika Röll musste sich neben gestandenen Spargeldynastien in Sandharlanden behaupten. Deswegen hat der Bayerische Rundfunk sie für die Doku-Reihe Lebenslinien porträtiert. Sie gehört zu den jüngsten Protagonistinnen in der Geschichte der Sendung.
Wer Veronika Röll dieser Tage auf dem Feld und im Hofladen begegnet oder ihr auf Instagram folgt, sieht eine Powerfrau. Sie sticht Spargel, hackt Holz, füttert die Hühner, weckt ihr Gemüse für den Hofladen ein, postet Rezepte. Sie kocht für ihren Partyservice. Angefangen hatte der mit „Schnitzel und Kartoffelsalat für 20 Mann“, heute kreiert sie mehrgängige Menüs für hundertköpfige Hochzeitsgesellschaften. In der Sendung Landfrauenküche war sie auch schon.
„Sie kann alles und macht alles“, sagt Stempfhuber. „Vom Apfelstrudel backen bis zum Ölwechsel beim Bulldog.“ „Ich weiß nicht, wie sie das alles schafft“, staunt Christine Forster, ebenfalls Spargelbäuerin aus Sandharlanden. Veronika Röll hat eine Vermutung: „Ich glaube, ich habe zu viele PS bekommen.“
Was Veronika Röll auf Instagram nicht zeigt
Wir besuchen sie im Wald. Auf Instagram zeigt sie sich gerne als Waldbauern-Vroni in Schnittschutzhose und Schutzhelm, die mit der Motorsäge dicke Bäume umlegt. Den Fans gefällt es: „Bist eine starke Frau“, „Respekt“, „brutal“ oder „sauber“ schreiben sie in die Kommentare. Daneben hochgestreckte Daumen, klatschende Hände, Herzen. Aber Inszenierung gehört zu Instagram, wie Spargel zu Sandharlanden. Wir wollen wissen, ob sie das wirklich alles kann.
Gefällt sind die Bäume schon. Röll muss sie aufladen und abtransportieren. Mit zwei großen und zwei kleinen Hebeln steuert sie den Greifarm am Bulldog: Hoch und runter, links und rechts, vor und zurück, auf und zu. Stamm für Stamm hebt sie auf den Rückewagen. Manchmal muss sie absitzen und Hand anlegen. Sie schneidet Äste mit der Kettensäge weg oder zerrt Baumstämme aus dem Unterholz. Röll grinst schelmisch, wenn man staunende Blicke macht. Ja, sie kann es. Die schlanke Frau mit den blondierten Haaren und Perlenohrsteckern braucht bei der Waldarbeit wirklich keine Hilfe.
Aber vor ein paar Wochen hat sie den Rückewagen umgeschmissen. „Ich hatte vergessen, die Stützen auszufahren“, sagt Röll. Da musste sie an ihren Vater denken: „Du schaust hoffentlich nicht gerade runter.“
Im Wald kann sie die Anwesenheit ihres Vaters spüren, sagt Röll. Schon als kleines Mädchen hat er sie mit ins Holz genommen und ihr alles gezeigt. Kurz vor seinem Tod hatte Alois Röll ihr in einem letzten Brief geschrieben, worauf sie bei der Waldarbeit achten muss. „Ich wäre so froh, wenn ich meinen Papa noch hätte. Der sich hinstellt und sagt: Fahr da so und so rein.“
Auf Instagram sieht man davon nichts. Wie Röll Kurse in der Waldbauernschule belegt, weil ihr Vater das gewollt hätte. Wie sie nach einer Fünf-Tage-Woche in der Küche vom Kuchlbauer zwei Tage in die Hauswirtschaftsschule ging und nachts lernte. Wie sie in der Abendschule ihren Landwirt nachmachte. Wie sie abends mit dem Mähdrescher rausfährt, weil das Wetter gerade passt, statt mit ihrem Lebensgefährten die Abensberger Kunstnacht zu besuchen. Man sieht nichts von den Sechs-Tage-Wochen. Oder wie Röll vier Jahre lang Angst hatte, dass ihr Papa stirbt.
Man sieht nicht einmal, dass Röll sich den Umgang mit Instagram mühsam beigebracht hat, weil sie über die Plattform mehr Kunden erreicht. „Es geht nicht mehr anders. Wenn du deinen Hofladen gut führen willst, musst du was auf Instagram posten“, sagt Röll.
Sie beklagt sich nicht. „Hier drinnen bin ich ganz ruhig“, sagt Röll und deutet auf ihre Brust. „Sehr ruhig. Sehr zufrieden. Und momentan auch ziemlich glücklich.“ Weil sie weiß, dass das Leben auch anders sein kann. Das habe sie durch die Krankheit ihres Vaters lernen müssen. Auf dem Weg zu seinem Krankenzimmer in der Uniklinik musste sie immer an der Kinderkrebsstation vorbei. Seither spendet sie jedes Jahr im März an die Kinder-Uniklinik für Ostbayern (Kuno).
Veronika Röll hat ein Ziel vor Augen
Ihr Vater fehlt ihr jeden Tag, sagt Röll. Und jeden Abend fährt sie nach getaner Arbeit zum Friedhof und zündet eine Kerze für ihren Vater an.
Alois Röll war ein guter Vater, sagt Stempfhuber. Wenn Veronika Röll irgendwo mit dem Auto angefahren ist, habe er auch schimpfen können. Ansonsten sei er eher still gewesen. „Schnell narrisch werden, schnell wieder runterkommen – so ist das Gemüt von den Rölls“, sagt sie. Ob Alois Röll stolz auf seine Tochter war? „Ganz sicher“, sagt Stempfhuber: „Wenn er vom Himmel runter schaut und alles sieht – Hofladen, Partyservice, Lebenslinien – sagt er bestimmt: Wow, du hast es zu was gebracht.“
Nach seinem Tod sei Veronika Röll reifer und noch selbstbewusster geworden. „ Sie ist nicht zu stoppen. Wenn sie könnte, würde sie noch mehr machen“, sagt Stempfhuber.
Hat sie ein Ziel vor Augen? „Ein Kind“, antwortet Veronika Röll wie aus der Pistole geschossen. Oder auch zwei. Junge, Mädchen – egal. Dann wäre ihr Glück perfekt: Wenn man sie in fünf, sechs Jahren mit dem Bulldog in den Wald fahren sieht, einen kleinen Buben neben sich. Dann würde sie ihm alles zeigen. Wie man Bäume fällt und Holz spaltet. So hatte es schon ihr Vater gemacht.
Lebenslinien "Vroni rettet den Spargelhof" läuft am Montag, 20. März, um 22 Uhr im BR Fernsehen.