Die Pendlerzahlen steigen: Steht Regensburg der Verkehrsinfarkt bevor?

Von Marion Koller · 16. März 2023 um 05:00

Fast 184.000 Menschen stecken täglich im Berufsverkehr. RVV-Chef Kai Müller-Eberstein wirbt für ein „Superticket“ als schnelle Lösung.

Straßen, Busse und Bahnen sind zu den Stoßzeiten überlastet. Kein Wunder: Mehr als 96.000 Menschen pendeln jeden Tag nach Regensburg. Zugleich verlassen rund 27.000 Berufstätige die Stadt zum Arbeiten und mehr als 61.000 Binnenpendler legen Strecken innerhalb der Stadtgrenzen zurück. Vor allem die Zahl der Einpendler spiegelt die Regensburger Wirtschaftskraft wider.

Lesen Sie dazu auch:Verhärtete Fronten zwischen Ober- und Neutraubling beim Reizthema Stich

Doch der Verkehrsinfarkt droht. 2022 sind die Autofahrer in der Domstadt durchschnittlich 35 Stunden im Stau gestanden. Welche Verkehrsmittel die Pendler genau wählen, dazu gibt es keine Zählungen. Die Autofahrer dürften aber überwiegen. Auch wenn in Regensburg selbst seit Corona mehr Leute auf das Fahrrad umgestiegen sind und die Zahl der RVV-Fahrgäste mit 3,5 Millionen im Monat fast wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht hat.

Die Belastung hat zugenommen

Eines ist klar: Der Verkehr hat drastisch zugenommen. 2004 pendelten noch 60.000 Beschäftigte in die Stadt, 2014 wurde die Marke von 70.000 überschritten und 2020 waren es rund 80.000. Diese Zahlen der Arbeitsagentur berücksichtigen aber ausschließlich die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Die Daten des Bayerischen Statistischen Landesamts dagegen mit den 96.000 aktuellen Einpendlern (2021) umfassen alle Berufstätigen, die nach Regensburg pendeln. Die Zahlen sind in die Höhe geklettert, doch ein genauer Vergleich ist wegen der unterschiedlichen Datengrundlage nicht möglich.

Regensburg ist gewachsen und bietet mehr Arbeitsplätze. Das Wohnen in der Stadt ist extrem kostspielig geworden, deshalb weichen viele Menschen in den Landkreis aus, auch wenn sie dann weite Strecken mit Auto, Bus oder Fahrrad zurücklegen müssen. Das ist in der Regel günstiger.

Der aktuelle Pendleratlas des Bayerischen Landesamts für Statistik und der Ämter weiterer Bundesländer zeigt acht Gemeinden aus dem Landkreis Regensburg und zwei Kleinstädte aus dem Kreis Schwandorf, aus denen die meisten Berufstätigen nach Regensburg pendeln: 3880 Lappersdorfer arbeiten in der Domstadt, 3852 Regenstaufer und 3293 Neutraublinger. Es folgen Bad Abbach, Wenzenbach, Nittendorf, Obertraubling und Sinzing aus dem Speckgürtel. Insgesamt pendeln aus diesen Orten mehr als 23.700 und aus dem ganzen Landkreis 40.831 Arbeitende in die Oberpfalz-Metropole.

Zu den zehn Spitzenreitern zählen auch Maxhütte (2088 Pendler nach Regensburg) und Burglengenfeld (2039) im Kreis Schwandorf. Dort sind die Hauspreise erschwinglicher und die Stadt ist über die Autobahn in 15 Minuten erreichbar. 8592 Bewohner des Kreises Schwandorf sind in Regensburg beschäftigt, 7560 aus dem Kreis Kelheim und 3290 aus dem Kreis Cham.

Der Atlas nennt auch die wichtigsten Auspendelstädte und -gemeinden. Auffallend viele Regensburger steuern Neutraubling mit seiner Industrie, allen voran Krones, zum Arbeiten an (3388). Wenig überrascht es, dass München 2432 Regensburger Pendler und Nürnberg 1004 aufnimmt. Es folgen Obertraubling, Regenstauf, Lappersdorf, die niederbayerischen Städte Straubing und Kelheim sowie Barbing im Landkreis.

Die März-Ausgabe 2023 von „Bayern in Zahlen“ des Statistischen Landesamts zeigt den Pendleratlas als interaktive Karte, auf der man die Wege der Berufstätigen verfolgen kann. Die Region Regensburg ringt um Lösungen. Vieles wurde angestoßen. Die Stadtbahn wird jedoch nicht vor den 2030er-Jahren rollen. Die Kommune baut Radwege aus, aber noch fehlt der große Wurf: die Hauptrouten vom Westen in den Osten und vom Süden ins Zentrum. Schließlich soll der Radfahreranteil am Verkehr auf 30 Prozent klettern (2018: 24 Prozent) – eine wichtige Maßnahme gegen den Verkehrskollaps. Der Bahnhaltepunkt Walhallastraße geht Ende 2026 in Betrieb. 2024 soll der 30-Minuten-Takt auf der Schiene rund um Regensburg gelingen. Das vierte Gleis zwischen Stadt und Obertraubling, die Reaktivierung der Strecke Burglengenfeld – Maxhütte lassen Jahre auf sich warten.

Für 34 Euro quer durchs Land

Für den Großraum erarbeiten Agenturen mit Bürgern seit Herbst 2021 ein Mobilitätskonzept. Bei einer Onlineabstimmung dazu haben 63 Prozent für den flächendeckenden Ausbau von Bus und Bahn votiert. Verkehrsplaner Rimbert Schürmann von der PTV Planung Transport Verkehr sagte, es solle Richtung nachhaltige Mobilität gehen. Bei dünn besiedelten Gebieten auf dem Land müsse man überlegen. Kommen Rufbusse, Radverkehrsachsen, eine stärkere Förderung von E-Autos infrage?

Kai Müller-Eberstein, Chef des Regensburger Verkehrsverbunds, wirbt für eine schnelle Maßnahme: Ab Mai kommt das Deutschlandticket der Bahn für 49 Euro monatlich. Arbeitgeber könnten das mit dem Jobticket verknüpfen und bezuschussen. „Dann zahlt der Mitarbeiter nur 34 Euro und ist damit bundesweit unterwegs.“

Das sagt die Industrie- und Handelskammer

Bus und Bahn:Von der Politik in Stadt und Land fordert die Industrie- und Handelskammer mehr Miteinander. Zentral sei der Aufbau eines attraktiven Angebots mit einem über die Stadt hinaus vernetzten öffentlichen Nahverkehr.

Straße:Wegen der angespannten Verkehrslage müssten auch die Osttangente verlängert, eine weitere Donaubrücke sowie die Sallerner Regenbrücke gebaut werden.

Fordert den Aufbau eines engen öffentlichen Nahverkehrsnetzes über die Stadtgrenzen hinaus: Manuel Lorenz von der IHK -Foto: Ramona Bayreuther