Regensburger Experten: Gelassenheit der Eltern stärkt die Kinder

Die Coronafolgen und der Ukraine-Krieg setzen der jungen Generation zu – Eltern sollten geduldig die Wut auffangen und den Nachwuchs nicht mit ihren hohen Ansprüchen überfordern.
Eine Mutter, deren Sechsjähriger immer wieder nachbohrt beim Thema Klimakrise, will wissen: „Was sage ich meinem Kind?“ Schmelzende Gletscher und Erderwärmung treiben sie selbst um. Hermann Scheuerer-Englisch betont, ein Sechsjähriger müsse einfache Zusammenhänge verstehen und etwas tun können. Für ihn sei es interessant, welche klimarobusten Blumen er im Garten pflanzen und wie er Müll vermeiden kann. Damit entsteht Selbstwirksamkeit – die Überzeugung, schwierige Situationen selbst meistern zu können.
Rektorin Karin Alkofer von der Pestalozzi-Mittelschule empfiehlt, die logo!-Kindernachrichten des ZDF zu schauen und mit den Kindern darüber zu reden. „Damit kann man ihnen Ängste nehmen.“
Angst und Wut quälen die Kinder
Bei der hybriden Podiumsdiskussion von Regensburger Eltern e.V., Katholischer Jugendfürsorge (KJF), Buchhandlung Dombrowsky und der Volkshochschule am Donnerstagabend im Thon-Dittmer-Palais ging es um „Kinder zwischen Angst, Wut und Mut“, um die Vermittlung von Sicherheit in unsicheren Zeiten. Das Publikum hat eine Reihe praktischer Ratschläge mitgenommen.
Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Die Pandemie-Folgen zeigen sich, der Klimawandel ist omnipräsent und der Angriffskrieg auf die Ukraine beängstigt. Kinder trifft das besonders. Das spürt die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der KJF, die Scheuerer-Englisch leitet: Dort haben 2022 rund 150 Familien mehr Hilfe gesucht als im Jahr davor. Angst quält mehr Grundschüler. Auch die Wut hat zugenommen.
Die Pestalozzi-Schule kämpft mit der gesunkenen Frustrationstoleranz der Jugendlichen. „Die können Konflikte nicht mehr selbstständig klären“, beobachtet Alkofer. Die einen seien verschüchtert, die anderen verschärften jeden Streit sofort. Unbeschwertes Lernen im Klassenzimmer sei gegenwärtig nur sehr schwer möglich. „Unsere Sozialarbeiter betreuen dreimal so viele Schüler – und zum Teil die Eltern.“ Die Familien, oft mit Migrationshintergrund, haben existenzielle Probleme, zum Beispiel wie sie die Miete stemmen sollen.
Psychotherapeutin Heidi Zorzi betreut viele junge Leute aus armen Familien. „Ängste und Zwänge sind stark aufgeploppt.“ Oft klagten Elf- oder Zwölfjährige über Essstörungen. „Viele wären durchgekommen mit ihren Problemen, aber die Pandemie verschlimmerte sie.“
Moderatorin Ulrike Hecht fragte in die Runde: „Was brauchen Kinder und Eltern?“ Rektorin Alkofer rät, die Wut der Kinder mutig aufzufangen. Nach dem Motto: „Ich bin die Erwachsene und entscheide.“Eltern müssten Konflikte aushalten – und gelassen bleiben. Vor allem sollten sich die Kinder im Freien austoben. Darüber sowie über die Bedeutung der Gelassenheit und klarer Sieben-Wort-Sätze (Räum‘ bitte jetzt sofort die Spülmaschine aus) war sich das Podium einig. Alkofer und ihr Team haben die Draußen-Schule entwickelt, bei der Klassen zweimal wöchentlich etwa am Bauspielplatz lernen und konstruieren. Die Motivation der Jugendlichen wächst.
Michael Straube von den Regensburger Eltern setzt auf Freunde – für beide Generationen – und auf gemeinsames Spiel. Spielen sei extrem wichtig, pflichtet Heidi Zorzi bei.
Ansprüche herunterfahren
Vor „unheimlichen Ansprüchen“ der Eltern warnt Hermann Scheuerer-Englisch. Zorzi wirft ein, stattdessen solle man neugierig sein auf das, was das Kind mitbringt. Karin Alkofer ergänzt: „Es gibt das Leben ohne Gymnasium. Wir kriegen in den sechsten bis achten Klassen gebrochene Persönlichkeiten an unsere Schule, die die elterlichen Erwartungen nicht erfüllen können.“ Viele besuchten später die FOS/BOS oder die Einführungsklasse des „Goethe“ und schafften das Abitur.
In der Diskussionsrunde fragte ein werdender Vater nach den Expertenmeinungen zur Nutzung von Handy und Tablet. „In den ersten drei Jahren kein digitales Gerät“, riet Hermann Scheuerer-Englisch von der KJF. Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren sollten höchstens 30 Minuten pro Tag und unter Aufsicht Handy oder Tablet nutzen dürfen. Verbieten sei keine Lösung. 100 Kindergärten erprobten zurzeit die Digitalisierung. Beim Sprachenlernen sei sie durchaus von Vorteil.
