Rötzer Ü80-Trio erzählt: So schön war das „Fortgehen“ früher

Von Stefanie Bauer · 11. März 2023 um 19:00

„Wir haben keinen Faschingsball ausgelassen“, erzählen Barbara „Betti“ Krämer (88), Marianne Gietl (85) und Sebastian „Wast“ Hofmann (85), „egal ob Feuerwehr-, Schwarzwihrberg- oder Werkvolkball.“ Die drei Rötzer haben ihre Fotoalben aufgeschlagen und berichten über das „Fortgehen“ in früheren Zeiten.

„Wir sind immer zu acht – vier Paare – miteinander fortgegangen. Jetzt sind wir noch zu dritt“, sagt Marianne Gietl. Auch jetzt treffen sie sich noch und telefonieren viel.

Zur Gruppe gehörten früher sie und ihr Mann Sepp, Rudi und Betti Krämer, Wast und Resi Hofmann und Sepp und Liesl Blab (geb. Ruland). Alle bis auf Marianne, eine geborene Blaß, haben ein Elternhaus in Rötz. 1958 hat sie ihren Mann bei der Schönthaler Kirwa kennengelernt und gehörte fortan mit zur Gruppe.

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Wenn die drei in Erinnerungen schwelgen, was für eine Gaudi sie damals beim Fortgehen, Tanzen und Musizieren hatten, werden die Bilder vor dem inneren Auge lebendig. „Mitte der 50er Jahre war ich, ab einem Alter von 17, als Kindermädchen in Rötz beschäftigt“, erinnert sich Betti Krämer. Ihre damalige Chefin, bei der sie wohnte, sei selbst streng katholisch erzogen gewesen und habe auch ihr nicht viele Freiheiten erlaubt. Das hat die junge Betti aber nicht aufgehalten: „Wir jungen Frauen haben uns die Winterstiefel angezogen – damals ist im Januar und Februar tiefer Schnee gelegen – und sind zum Thamerbräu auf die Bälle gegangen.“ Ein Auto hatte damals nur der „Blau Sepp“ (Hausname vom Blab Sepp), „aber der is a mitganga mit uns.“ Die Pumps hatten sie mit dabei und gaben die Stiefel und den Wintermantel in der Garderobe ab.

„Gab keine Eifersucht“

Und dann ist getanzt worden im oberen Saal beim Thamerbräu: Es waren so viele Leute auf den Bällen, dass die Hälfte des Raums mit einem Strick abgetrennt wurde – erst durften die Leute auf der einen Seite tanzen, dann die auf der anderen. Am Anfang, erzählt Wast Hofmann, kamen die „Pflichttänze“ mit denen, die mit einem am Tisch saßen und danach ist „durcheinander“ getanzt worden. Bei ihnen war es stets Paartanz: Tango, Dreher, Englischer Walzer, und am schönsten war ein schöner Wiener Walzer oder ein Zwiefacher. Eifersucht, wenn man mit jemand anderem getanzt hat, gab es nie. „Das wär nix gewesen, wennst immer mit den gleichen getanzt hättest. Und es is‘ kein Tanz auslassen wordn.“Auch wenn man damals sparen musste, für die Bälle hat man sich schick gemacht: Die Männer trugen einen Anzug, erzählt Wast, bei den Frauen war es die schicke Sonntagskleidung (Marianne) oder ein schönes Kleid, das vom Versandhaus Quelle bestellt worden ist (Betti).

Obwohl sie noch etliche Fotos aus dieser Zeit besitzen, von den Faschingsbällen gibt es keine: „Da haben wir nicht ans Fotografieren dacht, nur ans Tanzen – dass uns kein Tanzpartner auskommt“, sagen die beiden Frauen und schmunzeln. Die Gietls waren gern auf dem Sängerball, weil Sepp ein guter Sänger war, die Krämers beim Chorkranzl, denn Rudi war von Beruf Mesner. Aber auch der schönste Abend hat einmal ein Ende. „Eigentlich hätt‘ ich um zwölf daheim sein müssen“, verrät Betti Krämer. Schließlich musste man Sonntag früh in die Kirche gehen, da gab es keine Diskussion.

Die letzten Gäste am Feuerwehrball

„Aber vom Feuerwehrball heimgegangen sind wir erst um halb fünf, da sind wir die letzten Gäste gewesen. Ich hab mir gedacht: Schimpfen krieg ich wenn dann sowieso, egal wie spät nach zwölf es wird. Da hab ich mich dann die Treppe raufschleichen müssen“, erzählt sie mit einem schelmischen Grinsen. Weil sie für die Kirche schon um sechs wach sein musste, „hab ich mich gar nicht umgezogen und einfach gewartet, dass mir die Chefin in der Früh schreit“. Nicht einmal die Zimmergenossin habe bemerkt, wie spät sie heimgekommen war. Aber einmal, als nach dem Fortgehen ein schöner Maibaum auf dem Dach stand, „der hat sofort wieder runter müssen“ laut ihrer Chefin, sagt Betti Krämer.

Nicht nur auf den Bällen war die Gruppe vertreten, fast jeden Sonntagnachmittag hat man sich in den Wirtshäusern in Rötz und Umgebung getroffen, bei der Bauhofer Wirtin, am Bergfried, in der alten Wutzschleife, in Diepoltsried und Marketsried... Später waren bei den gemütlichen Treffen auch die Kinder in den Kinderwägen mit dabei. Ein Telefon hatte damals keiner, erst 20 oder 30 Jahre später. „Wir wissen gar nicht mehr wie, aber es hat immer geklappt, dass wir uns treffen.“

Zum Beispiel im Kino „Capitol“, das damals in der Rötzer Genossenschaftsbrauerei untergebracht war und in dem Heimatfilme gezeigt worden sind. Das war aber nur am Sonntag möglich, denn der Samstag war noch ein richtiger Arbeitstag von früh bis spät. „Aber da hat keiner geschimpft und gesodert, das war halt so.“ Überhaupt gab es viel Arbeit und wenig Freizeit – „aber die haben wir genossen“. Auch beim Miteinander-Musizieren: Zu sechst hatten sie immer wieder Auftritte in Rötz. Aber: In der Fastenzeit durfte man früher nicht fortgehen, auch nicht in der Adventszeit. „An Kathrein war der letzte Tanz vor dem Advent – bis die Faschingsbälle begannen“, weiß Marianne Gietl.

Hochzeiten nicht samstags

Hochzeiten fanden üblicherweise mittwochs statt, damit die Leute sonntags in die Kirche gehen konnten. Betti erinnert sich, dass ihr Mann einmal um zwei von einer Hochzeit heimgekommen war und früh um sechs mit dem Radl – er hatte ja kein Auto – nach Rimbach zur Arbeit fahren musste, um den Kirchturm einzublechen. Der dortige Pfarrer Josef Winklmann war ein gebürtiger Rötzer. Mit den Worten „Des san so Jugendstückl“, klappt Marianne Gietl das Fotoalbum zu. „Sonst haben wir nix mehr angestellt“, sagt Betti Krämer und schmunzelt. „Des g‘langt scho“, meint Wast Hofmann.

Mit dem Pflug: Auf dem Heimweg von der Bauhofer Wirtin ist dieses lustige Foto entstanden: Hans Groß (l.) war dieses Mal mit dabei, Sepp Gietl (r.), dahinter Betti Krämer (l.) und Marianne Gietl.
Beim Tanzen: Betti Krämer (damals noch: geb. Nirschl) tanzt mit Sepp Gietl (r.), links daneben ihr Mann Rudi und dahinter Sepp Blab.
Es wurde viel miteinander musiziert: Wast Hofmann, Sepp Gietl, Sepp Blab (oben v. l.), Rudi Krämer, Betti Krämer und Resi Hofmann (damals noch: geb. Auerbeck) (unten v. l.).