Krankenhaus und Tiefgarage: Nichts als Fragezeichen am Regensburger Emmeramsplatz

Der Regensburger Emmeramsplatz hat hohes Potenzial – theoretisch. Praktisch herrscht bei den Projekten an diesem Ort Stillstand.
Wenn an Fahrrädern kleine Zettel mit Stadtwappen hängen, ist die Botschaft normalerweise klar: Dann handelt es sich um einen schrottreifen, oft schon monatelang abgestellten Drahtesel, dessen Besitzer mit dem Schriftstück letztmals zur Abholung aufgefordert wird. Geschieht dies nicht, sorgt die Stadt für den Abtransport, die noch funktionsfähigen Exemplare werden in regelmäßigen Abständen versteigert.
Wenn der Abstellort aber die Hausmauer des früheren Evangelischen Krankenhauses ist und die Stadt wegen einer bevorstehenden Baumaßnahme um dringende Entfernung bittet, zieht dies gesteigerte Aufmerksamkeit nach sich.
Denn die Frage, was aus dem Gebäude der 2017 geschlossenen Klinik werden soll, treibt die Regensburger um. Was sich allerdings ab kommenden Montag hier tut, ist kaum der Rede wert. „Es handelt sich um keine Baumaßnahme der Evangelischen Wohltätigkeitsstiftung bezüglich des Evangelischen Krankenhauses“, lautet die Info der Stadt. Stattdessen geht es nur um die Ausbesserung von Frostschäden am Pflaster rund um den Eingangsbereich.
Um wirkliche Zukunftsfragen des 5000 Quadratmeter großen Gebäudekomplexes am Emmeramsplatz ging es am Dienstag in einer nichtöffentlichen Sitzung des Ausschusses für die Evangelische Wohltätigkeitsstiftung. Dabei wurde klar, wie marode Gebäude und Stiftung sind. In der geheimen Sitzungsvorlage (liegt der MZ vor) wird beschrieben, welchen Ballast die Stiftung angehäuft hat.
Halbe Ruine und kein Geld
Vom früheren Reichtum scheint kaum mehr etwas übriggeblieben zu sein. Regensburg war als Freie Reichsstadt einst evangelisch. Sie erbte ein großes Vermögen, das sich auch aus Erbschaften wohlhabender protestantischer Bürger zusammensetzte.
Doch laut Sitzungsvorlage soll die finanzielle Lage der Stiftung bereits 2007 desolat gewesen sein, als der jetzige Vorsitzende Helmut Reutter sein Amt antrat. Zu hohen Defiziten aus dem Altenheim und dem Krankenhaus kamen 20 Millionen Euro an Darlehen für Bau- und Sanierungsvorhaben der Stiftung, die zu den großen Vermietern der Stadt gehört.
„Die neue Stiftungsverwaltung begann von Anfang an mit der Stabilisierung der Finanzen“, heißt es. „Die Abgabe des Evangelischen Krankenhauses enthob die Stiftung von der Verpflichtung zur Großsanierung in Höhe von damals rund 30 Millionen Euro.“ Der damalige Oberbürgermeister Hans Schaidinger wollte dies nicht bezahlen und leitete deshalb die Schließung des einzigen Altstadt-Krankenhauses ein.
Doch die nichtöffentliche Sitzungsvorlage macht deutlich, dass man auf einer halben Ruine sitzenblieb. Denn aus den ehemals 30 Millionen Euro, die eine Sanierung des Krankenhauses gekostet hätte, werden nun „enorm hohe geschätzte Kosten für die Sanierung des gesamten Quartiers von über 50 Millionen Euro“, heißt es darin.
Die Sanierung des Gebäudekomplexes drohe auch im Hinblick auf steigende Baukosten und eine „unkalkulierbare politisch-wirtschaftliche Situation“ zum Debakel zu werden. Geld hat die Stiftung dafür nicht. Denn wie es weiter heißt, habe ein Gutachter errechnet, dass man in den nächsten Jahren allein 13 Millionen Euro in den Immobilienstand sanieren müsse. Weitere sechs Millionen Euro fließen in die Entwicklung von stiftungseigenen Arealen am Ostbahnhof und am Galgenberg.
Doch was tun? „Die gesamte Quartierssanierung soll zukünftig in einzelne Bauprojekte aufgeteilt werden“, schlagen die Stiftung und ihr Vorsitzender vor. Der Sitzungsvorlage ist ein Plan der Liegenschaft beigefügt, in dem mit rotem Filzstift die Sanierungsabschnitte eingezeichnet wurden. Wofür die unterschiedlichen Abschnitte dann aber genutzt werden sollen, danach fragten Mitglieder im Ausschuss vergebens.
Fest steht bislang offenbar nur, dass die Stiftungsverwaltung Teile des Gebäudes nutzen will und auch die als Mieter des zweiten Stocks präsente Regierung der Oberpfalz länger bleibt. Die Immobilie in Filetlage wird damit wohl mittelfristig ein weiterer Verwaltungskomplex auf einem traurigen Emmeramsplatz, der einst ein Schmuckstück der Freien Reichsstadt war.
Europaweit ausgeschrieben
Potenzial zur wesentlichen Aufwertung des Platzes hätte hingegen die Errichtung einer unterirdischen Parkgarage. Das spektakuläre Projekt eines Auto-Regals wurde im Herbst 2021 letztmals im Stadtrat diskutiert,anschließend passierte ein Jahr lang nichts. Für Ende 2022 kündigte die Stadt dann die Durchführung eines „Interessenbekundungsverfahrens“ an. So sollte ermittelt werden, ob es Investoren für Planung, Bau und Betrieb der Anlage geben würde.
Mittlerweile sei das EU-weite Verfahren über die Bühne gegangen, lässt die Stadt wissen. Eine Unterrichtung des Stadtrats ist im zweiten Quartal vorgesehen. Ob es interessierte Unternehmen gibt oder nur das Stadtwerk als Bauherr und Betreiber in Frage käme, ist vorab nicht zu eruieren. Die Ämter seien bei derlei Vergabefragen „sehr zugeknöpft“, sagt Stadt-Sprecherin Juliane von Roenne-Styra. Das passt zur Gesamt-Situation am Emmeramsplatz.