Aufnahmestopp ist aufgehoben, aber es fehlen ehrenamtliche Mitarbeiter

Aufregende Zeiten liegen hinter der Chamer Tafel: die Corona Pandemie, der Krieg in der Ukraine, steigende Lebensmittelpreise und immer mehr Bedürftige – darunter auch Flüchtlinge aus der Ukraine. Vor wenigen Wochen wurde der im vergangenen Frühjahr verhängte Aufnahmestopp für neue aufgehoben. Aber nur für kurze Zeit?
Gegen halb eins versammeln sich bereits die ersten Menschen vor der Tür der Ausgabestelle der Chamer Tafel am Rindermarkt: Arabische, ukrainische und deutsche Wortfetzen sind zu hören. Die meisten Kunden haben einen oder mehrere Einkaufsbeutel dabei. In einer halben Stunde beginnt die Lebensmittelausgabe.
Alle Hände voll zu tun
Jeden Donnerstag besuchen an die 80 Personen die Ausgabestelle der Tafel. Verpflegt würden aber an die 160 Menschen: „Wir versorgen mehr als die, die in der Schlange stehen, dahinter stecken auch meist Familien", erklärt Dekanin Ulrike Dittmar, Koordinatorin der Chamer Tafel. In den vergangenen Monaten seien auch einige Ukrainer dazu gekommen: „Das habe ich daran gemerkt, dass ich mehr Englisch oder mit Händen und Füßen gesprochen habe“, sagt Christl Zimmermann. Einen Donnerstag im Monat betreut sie mit ihren sechs ehrenamtlichen Helfern die Lebensmittelausgabe. Zusätzlich unterstützt sie ein Dolmetscher.
Bis vor wenigen Wochen galt ein Aufnahmestopp. „Den mussten wir verhängen, weil die Lebensmittel knapp wurden und auch die Ehrenamtlichen am Limit waren", sagt Dittmar. Mittlerweile würden viele Supermärkte straffer kalkulieren und bewusster einkaufen, sodass weniger Spenden für die Tafel anfallen. „Tatsächlich kaufen wir zu, auch wenn das nicht der Grundgedanke der Tafel ist", sagt Dittmar.
Möglich ist das vor allem durch viele Spenden in der vergangenen Zeit. „Die Wunschbaumaktion auf dem Chamer Weihnachtsmarkt ist richtig gut angekommen."Auf rund 600 Kärtchen, die am Christbaum auf dem Chamer Marktplatz hingen , standen Wünsche nach Hygiene- und Kosmetikartikeln oder haltbaren Lebensmitteln. Jeder, der vorbeiging, konnte ein Kärtchen abnehmen und den darauf stehenden Wunsch erfüllen. Die Gaben wurden dann an das evangelische Pfarramt gespendet. Ein Teil ging auch an die Projekte der Malteser.
Auch viele Chamer Unternehmen haben die Einrichtung mit Geld und Lebensmitteln unterstützt. Erst neulich hat die Tafel 10 000 Euro von der Chamer Sparda-Bank-Filiale erhalten. .Mit der ausdrücklichen Bitte, damit auch die Bedürfnisse der ehrenamtlich Mitarbeitenden in den Blick zu nehmen: „Eine Investition in die Mitarbeiter ist auch immer eine Investition in die Tafel“, sagt Dittmar.
Viele Helfer der Tafel seien im Seniorenalter und die Lebensmittelausgabe könne für sie daher sehr anstrengend sein: Vier Stunden Ausgabe und danach zwei Stunden aufräumen. Um das Einräumen vorher kümmere sich ein anderes Team. „Ich habe schon vernommen, dass das sehr lange Tage sind und auch belastend sein kann – auch wenn sie das nicht gern zugeben", sagt Dekanin Dittmar.
Der Aufnahmestopp sei somit übergangsweise eine Notlösung gewesen. „Ich habe ja auch eine Fürsorgepflicht für meine Mitarbeiter", sagt Dittmar.
Doch die Zahl der Bedürftigen wächst weiter, gerade jetzt wo die Preise für die Lebensmittel immer noch steigen. Daher hat sich die Chamer Tafel entschieden, weitere 20 Ausweise, die zum Einkauf berechtigen, auszugeben. Aber die waren auch sofort vergeben: „Wir haben immer noch eine lange Warteliste", sagt sie.
Droht neuer Aufnahmestopp?
Christl Zimmermann und ihr Team seien dennoch zufrieden. „Ich fühle mich dann immer wie eine Supermarktverkäuferin – zumindest für einen Tag", sagt sie. Sie und ihr Team verteilen in den vier Stunden die Lebensmittel: „Es ist genug für alle da, wir müssen den Letzten in der Schlange nicht abweisen." Jeder bekomme eine Menge an Grundnahrungsmitteln und „Schmankerl, wenn er nicht weiß, was er haben will, wie Knabberzeug oder Cornflakes“, so Zimmermann .
Praktisch sei die Ladentheke mit Kühlung. So können die Kunden auf den ersten Blick sehen, was diesen Donnerstag im Angebot ist. Selbstbedienung sei aber nicht erlaubt. Neben Lebensmitteln, gibt es im Frühling sogar Blumen. „Öl ist ein Renner“, sagt Zimmermann. Aber auch Süßigkeiten seien sehr beliebt: „Die sind für die Kinder zuhause.“
Zimmermann gefällt die Arbeit in der Tafel sehr: „Das ist Menschlichkeit auf allen Wegen – Lebensmittel, Gespräche und freundliches Schauen.“ So wie man mit den Leute umgehe, so würden sie auch reagieren. Die meisten seien sehr überwältigt und gerührt. Ihre Gruppe trägt freiwillig noch eine FFP2-Maske: „Ich glaube nicht, dass es schon vorbei ist. Sicherheit geht uns immer noch vor.“
Wie es in Zukunft in der Chamer Tafel weiter geht, konnten Dittmar und Zimmermann nur vage beantworten. Ein erneuter Aufnahmestopp ist, trotz aller Herausforderungen, nicht geplant. Dieser könnte verhindert werden, wenn sich neue ehrenamtliche Helfer finden und die Tafel weitere Spenden erhält. Dennoch gilt die Devise: „Keiner wird im Regen stehen gelassen“, sagt Zimmermann.
Ehrenamtlicher Helfer werden
Ablauf: Gegen 12 Uhr werden jeden Donnerstag die gespendeten Lebensmittel in die Regale und Theke des Chamer Tafelladen geräumt. Ab 13 Uhr beginnt die Ausgabe, die meist vier Stunden dauert. Danach werde noch meist noch zwei Stunden aufgeräumt, sagt Dekanin Ulrike Dittmar.
Kontakt:Wer den Ehrenamtlichen der Chamer Tafel dabei helfen möchte, kann sich bei Irmgard Burger im Evangelischen Pfarramtsbüro unter der Telefonnummer 09971 / 80 44 60 melden.
Schnuppern:Es sei möglich, in die Arbeit auch erst einmal „reinzuschnuppern“.
Spenden:Über Sach- und Geldspenden für die Tafel freut sich Koordinatorin Dittmar ebenfalls.
