„Die Robe gehört jetzt einer Theatergruppe“: Direktorin Froschauer geht in Pension

Von Stefanie Kraus · 1. März 2023 um 13:04

Nach 40 Jahren in der bayerischen Justiz geht die bisherige Direktorin des Schwandorfer Amtsgerichts, Petra Froschauer, in den Ruhestand. An ihrem letzten Arbeitstag spricht sie im Interview darüber, warum sie sich mit Hingabe Jugendstrafsachen gewidmet hat, was sie für ihre Pension plant und warum ihre Robe nun einer Schwandorfer Theatergruppe gehört.

Frau Froschauer, wie geht es Ihnen mit der Tatsache, dass Sie nun in den Ruhestand gehen? Was fühlt man am letzten Tag einer Berufslaufbahn?

Petra Froschauer:Armin Kott von der PI Schwandorf hat bei seinem Abschied treffend gesagt: Man fühlt ein Kribbeln im Bauch. Man weiß nicht, was auf einen zukommt. Das ist eine neue Situation. Schon Jahre vorher habe ich mir die Pension ausgemalt, aber plötzlich kommt sie viel zu schnell. Sie überfällt dich fast.

Was wird Ihnen an ihrem Beruf besonders fehlen?

Froschauer:Ich werde vor allem die Leute vermissen – und das Verhandeln. Ich habe gerne verhandelt, bin gerne mit Leuten zusammengekommen. Auch meine Akten werden mir fehlen. Das kenne ich noch aus Schwangerschafts- und den Erziehungszeiten. Da habe ich mich nach einer bestimmten Zeit nach den roten Mappen gesehnt.

Sie standen an der Spitze einer einflussreichen Behörde. Verspüren Sie angesichts dessen, dass Sie diese große Verantwortung abgeben, nicht auch Erleichterung?

Froschauer:Als Last habe ich es nie empfunden. Es war eben eine Herausforderung, eine Verantwortung. Aber es ist nicht so, dass alle Probleme an einem Tag auf einen hereinstürzen. Eine Widrigkeit ploppt auf, die lässt sich nach und nach lösen. Ich hatte ja auch eine Geschäftsleitung, die diese Aufgaben mit übernimmt. Das Team ist gut.

Was hat sich während Ihrer beruflichen Laufbahn in der Justiz verändert? Was war früher besser, was heute?

Froschauer:Ich habe den Eindruck, dass man sich früher für Verfahren und Entscheidungen mehr Zeit gelassen hat. Bei Haftsachen kann man zum Teil nicht mehr ordentlich ermitteln, weil einem der Druck im Nacken sitzt, dass schon wieder die nächste Prüfung ansteht. Vieles ist durch internationale Verknüpfungen, durch das Wirtschaftsleben, auch komplizierter geworden. Früher waren Delikte oft überschaubarer. Heutzutage muss man fast Steuerberater und Wirtschaftsprüfer sein, an den Jugend- und Familiengerichten besondere Kenntnisse der Jugendpsychologie haben. Da wird unseren Staatsanwälten und Richtern viel abverlangt.

Wird der Beruf irgendwann auch zur Routine?

Froschauer:Der Tagesablauf wird zur Routine: Anklagen zustellen, Strafbefehle prüfen, Abschriften wegschicken. Aber in der Sache selbst ist jeder Fall anders. Und jeder Mensch, der dahintersteckt, ist anders – und muss anders beurteilt werden.

Konnten Sie nach Feierabend abschalten oder haben Sie Fälle mit nach Hause genommen?

Froschauer:Natürlich habe ich manche Sachen mit nach Hause genommen, das bleibt nicht aus. Vor allem, wenn ich gemerkt habe, dass es Leuten schlecht geht. Manchmal verarbeite ich das auch im Traum.

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Froschauer:Da gibt es einige. Was mir zum Beispiel in Erinnerung geblieben ist: Ich hatte Rufbereitschaft als Staatsanwältin, als eine Pizzeria in Weiden gebrannt hat. Wir haben rausgefunden, dass der Täter von der Mafia eingeflogen wurde. Da bin ich nachts um vier Uhr gerufen worden, dummerweise war mein Tank leer. Mein Mann meinte: Es darf dir nie wieder passieren, dass du Rufbereitschaft hast und kein Benzin im Auto ist. Ich war auch als Staatsanwältin vor Ort, als der Machetenmörder in Amberg gefasst wurde. Kurz darauf wurde eine Juwelierin erschlagen.

Gibt es, trotz der schweren Themen, die Sie oft verhandelt haben, auch schöne Erlebnisse im Richteramt?

Froschauer:Ja. Wenn ich sehe, dass Entscheidungen Erfolg hatten, ist das schön. Einer meinte einmal: „Ich bin von Dir zu 100 Arbeitsstunden verurteilt worden – die haben mir nicht geschadet. Die haben mir die Augen geöffnet.“ Da merke ich, dass nicht alles umsonst ist.

Während Ihrer Laufbahn haben sich die Sicherheitsmaßnahmen an den Gerichten verschärft, immer wieder gab es Angriffe auf Richter. Haben Sie sich im Verhandlungssaal sicher gefühlt?

Froschauer:Ja. Es ist nie jemand bedrohlich auf mich zukommen. Wenn man sich mit der Sache befasst, mit den Leuten vernünftig redet, sie nicht niedermacht oder unzulässigerweise persönlich angreift, dann hat das bisher jeder akzeptiert. Natürlich sagt mal einer: „Die Blede da.“ Aber meine Devise war immer: Im Dienst bin ich nicht beleidigungsfähig. Ich mache meinen Job. Damit sind die Leute nicht immer einverstanden.

Sie haben sich stets den Jugendstrafsachen gewidmet. Ist das etwas, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Froschauer:Ja, die waren mir wichtig. Ich habe gerne mit jungen Leuten zusammengearbeitet. Schon meine ersten Tätigkeiten bei der Staatsanwaltschaft waren Jugendsachen. Die Jugendlichen kann man noch formen und vor allem mit Ihnen reden.

Stichwort Arbeitsbelastung: Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, um die Bayerischen Gerichte zu entlasten?

Froschauer:Wenn die elektronische Akte in allen Bereichen funktioniert, wird das eine große Entlastung. Bisher gibt es sie ja aber nur in Zivilsachen.

Bräuchte es aus Ihrer Sicht mehr Richter? Hat die Justiz Nachwuchsprobleme?

Froschauer:Richter zur Entlastung bräuchten wir immer, damit wir mehr Zeit für die einzelnen Fälle hätten. Das Pensum, das verlangt wird, ist aus meiner Sicht ordentlich. Oft ist es aber auch ein Notenproblem, denn der Freistaat sucht nach Leistungen aus.

Was müsste passieren, um den Job wieder attraktiver zu machen?

Froschauer:Attraktiv ist der Beruf. Aber wenige werden vom Staat eingestellt. Was mich persönlich freut, ist, dass immer mehr Frauen Richterinnen werden.

Wie war das, als sie angefangen haben?

Froschauer:Da war ich mit zwei anderen Kolleginnen allein auf weiter Flur. Jetzt sind wir beim AG Schwandorf elf Richter und in den letzten zwei Jahren waren sieben davon schwanger, drei waren Männer und eine war ich (lacht). Aber Spaß beiseite: Die Frauen kommen alle wieder in den Beruf zurück. Da helfen die Männer kräftig dazu, die sich voll in die Kinderbetreuung einbringen, damit ihre Frauen hier den Job machen können. Das finde ich großartig.

Also keine Scheu bei Gericht vor Frauen in Führungspositionen?

Froschauer:Absolut nicht. Wir haben taffe Richterinnen mit starken Persönlichkeiten. Die fürchten sich vor nichts. Warum auch?

Welche Pläne haben Sie jetzt für den Ruhestand?

Froschauer:Ich denke, ich werde genug zu tun haben. Ich freue mich eigentlich auf das, was jetzt passiert. Ich habe drei Enkelkinder, das sind sehr unternehmungslustige Burschen. Ich hoffe, dass ich jetzt auch mehr Zeit zum lesen, für Sport und Tanzen habe.

Was machen Sie jetzt mit Ihrer Robe?

Froschauer:Die habe ich einer Schwandorfer Theatergruppe überlassen. Die können sie jetzt besser gebrauchen als ich.