Kaum ein Baugebiet war umstrittener: Zuwachs im Nobelviertel „Retzer Schübl“

In einem der exklusivsten Baugebiete im Landkreis Schwandorf geht es langsam voran. Nachdem 2020 die ersten zwei Häuser direkt am Ufer des Steinberger Sees in die Höhe schossen, wird nun das dritte Anwesen am „Retzer Schübl“ gebaut. Der Weg dorthin hätte steiniger kaum sein können – eine Zwischenbilanz.
„Baugebiet am See spaltet die Gemüter“ oder „Streit über ein lukratives Stück Ufer“ lauteten nur ein paar von vielen Schlagzeilen, als die Pläne für eine Wohnbebauung das erste Mal publik wurden. Eigentlich war auf der Landzunge, die sich direkt am östlichen Ufer des Steinberger Sees befindet, einst ein 200-Betten-Hotel angedacht, wie sich Steinbergs Bürgermeister Harald Bemmerl (SPD) erinnert.
Diese Pläne wurden aber letztendlich verworfen, da sich knapp 20 Jahre lang kein Bewerber fand. „Ich glaube das lag daran, dass man damals das touristische Potenzial des Seengebiets noch nicht erkannt hatte“, sagt Bemmerl. 2010 kam dann das erste Mal die Idee auf, das „Retzer Schübl“, das nach einem alten Flurnamen benannt ist, vom geplanten Hotel- zu einem Wohnstandort umzuwidmen. Die Objektentwicklung Steinberger See GmbH & Co. KG (OSS) um Geschäftsführer Alfred Weiß stieg als Investor ein, kaufte das Grundstück und kümmerte sich um die Erschließung.
Erst nach sieben Jahren konnten die Bagger anrollen
Das Grundstück wurde in 17Parzellen zu je 600 bis 800 Quadratmeter aufgeteilt. 16 für Einzelanwesen und eine größere Parzelle für einen Geschossflächenbau. Verkehrstechnisch sollte das Baugebiet an die bereits bestehende Seestraße angebunden werden. Soweit so gut, doch was damals alle Beteiligten nicht wussten: Bis die ersten Bagger anrollen konnten, würden noch sieben Jahre ins Land ziehen. Denn auf dem Gebiet, wo heute der Steinberger- und der Knappensee zum Verweilen einladen, wurde einst der Braunkohletagebau betrieben. Nach dessen Ende wurde das Areal zum Teil wieder verfüllt, verkippt und als rekultivierte Fläche im Lauf der Jahre wiederhergestellt.
Dadurch gab es vor allem zwei große Bedenken, die vor dem Bau akribisch überprüft werden mussten: Mögliche Altlasten im Boden sowie eine unzureichende Standfestigkeit des Untergrunds, auf dem die Häuser später stehen sollten. Dutzende Gutachten mussten erstellt werden, die teils lange auf sich warten ließen. „Das ist mit Abstand das am meisten überprüfte Baugebiet, das wir in der Gemeinde jemals erschlossen haben“, sagt Bemmerl heute. Er habe, wie auch der Investor, einen langen Atem beweisen müssen, bis dort die ersten Häuser gebaut werden konnten.
Hitzige Diskussionen und Bürgerinitiative
Teilweise wurden die Planungen auf Eis gelegt, in den Steinberger Gemeinderatssitzungen entbrannten hitzige Diskussionen. Daneben machte ein Bürgerinitiative gegen das Projekt mobil. „Es war echt eine schwierige Zeit mit vielen Konfrontationen. Ich und auch mein Vorgänger Jakob Scharf, der das Projekt mit auf den Weg gebracht hat, mussten uns diesbezüglich einiges anhören. Aber mittlerweile haben sich die Wogen geglättet“, so Bemmerl.
Denn letztendlich hätten etwaige Bedenken durch sachliche Experten-Aussagen entkräftet werden können. So kam es schließlich auch dazu, dass am Retzer Schübl 2020 die ersten beiden Häuser gebaut wurden. Einer, der sich den Traum vom Eigenheim am See erfüllt hat, ist Thomas Bschleipfer.Er gehört zu Deutschlands Top-Medizinern, ist als Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie in Coburg tätig.Zuvor war er Chefarzt der Klinik für Urologie in Weiden. Er hatte bereits jahrelang nach einem geeigneten Grundstück in Weiden gesucht – vergebens. Eines Tages machte ihn ein OP-Pfleger auf die Grundstücke am Retzer Schübl aufmerksam.
Wie ein Sechser im Lotto
Auch wenn Steinberg am See von seinem Arbeitsort weit entfernt lag, hatte das Baugebiet für Bschleipfer einen besonderen Reiz. „Ich bin begeisterter Wassersportler. Die Vorstellung, nur wenige Meter vom See entfernt zu wohnen, war natürlich traumhaft“, sagt er. Bschleipfer bewarb sich auf die begehrten Grundstücke – und erhielt tatsächlich den Zuschlag. Danach ging alles ganz schnell. Zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern plante er 2019 sein Traumhaus am Wasser, am 19. Juli 2021 zogen sie ein.
„Für mich ist das Grundstück immer noch ein Sechser im Lotto“, schwärmt Bschleipfer am Telefon. Er ist meist am Wochenende vor Ort, unter der Woche wohnt er berufsbedingt in Coburg. Vor allem den Blick aufs Wasser und die erholsame Ruhe schätzt er am Retzer Schübl. Er freut sich aber auch darauf, schon bald neue Nachbarn zu begrüßen. Seit Frühjahr 2022 entsteht dort das dritte Haus. „Allgemein wäre es schön, wenn die Siedlung mehr Zuwachs bekommt und dadurch lebendiger wird“, sagt der Mediziner.
Über die Grundstückpreise will keiner sprechen
Das sieht auch Bürgermeister Bemmerl so, der zeitgleich etwas mehr Tempo bei der Umsetzung begrüßen würde. „Natürlich ist es wünschenswert, wenn die Grundstücke hier möglichst bald bebaut würden. Aber das haben wir als Gemeinde leider nicht in der Hand“, sagt er.
Denn der Ball liegt beim Investor OSS. Alfred Weiss äußert sich auf etwaige Nachfragen nur sehr kurz. „Alle relevanten Grundstücke sind bereits verkauft“, sagt er. Zum Teil erhielten Privatleute den Zuschlag, andere Parzellen bebaut die OSS selbst. Für zwei Bauprojekte lägen bereits Genehmigungen vor.
Wie tief man für ein Grundstück in die Tasche greifen muss, darüber möchte indes keiner so richtig Auskunft geben. „Es ist natürlich teurer als im Ort“, sagt Bemmerl. Investor weiß fügt hinzu: „Für alle Grundstücke werden Durchschnittspreise verlangt, die eine solche Lage eben mit sich bringt.“

