Ein Jahr nach Kriegsbeginn: Nach der Flucht in den neuen Job im Kreis Cham?

In dieser Woche jährt sich der Start des breiten Angriffskriegs der Russen, der eigentlich bereits 2014 begann. Doch erst 2022 wurde es den Chamern auch bewusster – weil ukrainische Kriegsflüchtlinge auch hier landeten. Seit Juni gehören sie zur Kundengruppe des Jobcenters – und ein Teil ist mittlerweile auch in den Firmen angekommen.
Knapp 1000 Flüchtlinge aus der Ukraine zählt der Landkreis aktuell. Von diesen genau 946 Menschen seien drei Viertel Frauen, so Sven Schmuderer, Geschäftsführer des Jobcenters. Die Ukrainerinnen und Ukrainer seien, wenn sie länger hier wohnen bleiben, hochmotiviert zu arbeiten. Bei einer Umfrage unter den Geflüchteten aus der Ukraine hätten die Hälfte gesagt, sie befürchten, dass der Krieg nicht kurzfristig ist und sie die Flucht nach Deutschland auch als Chance für ein berufliches Weiterkommen sehen.
Diese Hälfte sei zumeist auch gut ausgebildet, teils Akademiker, die zumindest in Englisch versiert seien. Sie bilde einen Querschnitt der ukrainischen Gesellschaft ab, auch bei den Berufen – von der Malerin bis zur Professorin sei alles dabei. Sie seien auch auf dem Chamer Arbeitsmarkt gut zu vermitteln. Doch brauche es zunächst einen guten Zugang zur Sprache, da viele der Geflüchteten ansonsten in Hilfsarbeiterjobs steckenbleiben würden.
Die andere Hälfte der Ukrainer hoffe den Antworten nach auf ein schnelles Kriegsende und auf die Rückkehr in die Heimat, so Schmuderer. Sie sei eher schwierig zu vermitteln und auch weiterzubilden, denn sie müssten zunächst alphabetisiert werden. Das bedeute ein Erlernen der lateinischen Buchstaben, denn bislang beherrschten diese Personengruppe nur das kyrillische Alphabet, das ihnen aber hier wenig weiterhelfe. Und somit folge erst nach der Alphabetisierung die Sprachausbildung in Deutsch, was ein langwieriger Prozess sei.
Was überrascht, ist das, was Sven Schmuderer dann anführt: „Es gibt tatsächlich mittlerweile auch zahlreiche Rückkehrer von hier zurück in die Ukraine!“ Etwa 300 Ukrainer hätten den Landkreis Cham mittlerweile seit ihrem Kommen 2022 wieder verlassen. Ein Teil, etwa die Hälfte, sei weitergezogen in Ballungsräume, weil dort größere ukrainische Gemeinschaften seien oder auch Verwandte.
Die neue Heimat sei dann etwa in Nordrhein-Westfalen, in Regensburg oder auch Nürnberg. Es gebe für die Menschen keinen Zwang, im Landkreis Cham wohnen zu bleiben, sagt der Jobcenter-Chef. Nur die Wohnungsmiete dort am neuen Wohnort müsse angemessen sein, „das ist das einzige Kriterium!“
Es liege auch an der ländlichen Struktur, die sie hier im Landkreis Cham vorfinden würden und, die die Geflüchteten nicht gewohnt seien, vermutet Schmuderer als Grund für die Weiterreise. Denn die Menschen in der Ukraine seien mehr in großen Städten organisiert, weniger auf dem Land.
Interessanter ist jedoch die zweite Zahl, die Schmuderer anführt. Nach seiner Rechnung sind aktuell 176 Ukrainer bereits wieder aus Deutschland in ihre Heimat und damit in das kriegsgebeutelte Land abgereist. Die meisten davon in den westlichen Teil des Landes, einige auch in die Hauptstadt nach Kiew.
Wobei für diese Flüchtlingsgruppe wie auch für alle übrigen anerkannten Flüchtlinge aus der ganzen Welt, die im Landkreis Cham wohnen, eben die größte Hürde aktuell die Sprache sei, betont Sven Schmuderer. Daher seien viele der Geflüchteten aktuell in Sprachkursen. 274 mögliche Erwerbstätige aus der Ukraine von 650 – also Frauen und Männer, die arbeiten könnten – sind in Sprachkursen. Sven Schmuderer gibt das Ziel vor: „Wir wollen die Wirtschaft so schnell wie möglich bedienen!“ Denn Arbeitskräfte fehlen an allen Ecken und Enden. Doch dafür brauche es die Sprache, da sonst kein Weiterkommen möglich sei. Die Bildungsträger wie Kolping oder die Vhs, mit denen das Jobcenter gut zusammenarbeite, übernahmen die Aufgabe der Sprachkurse.
„Das regionale Netzwerk im Landkreis hilft hier, um Lösungen zu finden!“, sagt Sven Schmuderer. 41 Ukrainerinnen und Ukrainer seien aktuell in Alphabetisierungskursen, 233 in Sprachkursen. Wobei die Sprachkurse gemischt seien, also auch Syrer und andere Nationalitäten in den Reihen säßen. Und trotz der Sprachhürde gibt es bereits Erfolge: 2022 seien von 491 Integrationen in den Arbeitsmarkt im Landkreis bereits 148 Ukrainerinnen und Ukrainer gewesen. Schmuderer wirbt für Offenheit den geflüchteten Menschen gegenüber, die auch für Ausbildung offen seien.