Regensburger Ermittler im Interview: So gehen Täter bei Schockanrufen vor

Mit Schockanrufen erbeuten Betrüger bei alten Menschen oft hohe Geldsummen. Martin S. kennt viele dieser Fälle, denn er ist stellvertretender Leiter des Kommissariats 9 bei der Regensburger Kripo.
Im Interview spricht der Ermittler über das Vorgehen der Täter, über die Struktur im Hintergrund und darüber, was die Betrugsmasche mit den Opfern macht. Martin S. möchte anonym bleiben – um Ermittlungen nicht zu gefährden, aber auch, damit Betrüger seinen Namen nicht für ihre Masche missbrauchen können.
Kürzlich hat ein 78-Jähriger in Regensburg fast 100.000 Euro an Betrüger übergeben. Am Telefon hatten die Täter behauptet, seine Tochter habe einen tödlichen Unfall verursacht, nun sei eine Kaution fällig. Das ist kein Einzelfall, richtig?
Martin S.:Nein, das ist absolut kein Einzelfall. Wir im Kommissariat 9 sind zuständig für deliktübergreifende Kriminalität und der Bereich Callcenter-Betrug nimmt einen Großteil unserer Arbeit ein. Es sind meist ältere Menschen, die betroffen sind – sie sind 70, 80 und teilweise über 90 Jahre alt.
Über die Schockanrufe wird inzwischen viel aufgeklärt. Auch von der Polizei. Warum aber gibt es immer wieder Menschen, bei denen die Masche funktioniert?
Martin S.:Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das oft Menschen sind, die keine Medien konsumieren und die, so verwunderlich das ist, von dem Delikt noch gar nichts gehört haben. Den Tätern gelingt es immer wieder, die Geschädigten in Schocksituationen zu versetzen.
Sie haben selbst bereits solche Gespräche mitgehört. Wie überzeugend sind die Täter mit ihrer Masche?
Martin S.:Es ist sehr professionell aufgezogen und es ist sehr, sehr überzeugend. Es läuft auch die zur Geschichte passende „Hintergrundmusik“ – sei es, dass man Geschrei hört, dass geweint wird, oder dass man teilweise auch „Polizeifunk“ im Hintergrund hört. Es wird sehr glaubhaft dargestellt, dass sich die Person in einer Notlage befindet.
Polizei verlangt am Telefon nie Geld
Wie machen die Täter das?
Martin S.:Man spricht von Toten, Verletzten und nahen Angehörigen, die sich in Haft befinden. Da wollen Großeltern oder Eltern natürlich helfen. Zeitgleich wird bei den Geschädigten immer wieder Stress erzeugt, ja ein Handlungszwang. Und natürlich geben sich diese Täter oft als Staatsanwälte oder Polizisten aus, denn gerade bei älteren Menschen haben diese Behörden meist ein gewisses Ansehen. Sie schenken dem oft Glauben und hinterfragen das nicht.
Ist es denn überhaupt Praxis, dass die Polizei in so einer Notlage bei den Angehörigen anruft?
Martin S.:Ich will es nicht ausschließen, dass die Polizei wirklich anruft. Aber es gibt ein paar Warnsignale, bei denen man hellhörig werden sollte. Die Polizei würde etwa nie Geld fordern. Auch würden Polizisten nie verlangen, dass Betroffene von dem Anruf nichts weiterzählen dürfen. Das ist ein ganz markanter Punkt: Dann ist es höchstwahrscheinlich ein Betrugsfall und man kann davon ausgehen, dass es nicht die richtige Polizei ist.
Als Ermittler haben Sie immer wieder Kontakt zu Menschen, die auf einen solchen Betrug hereinfallen. Was macht das mit den Opfern?
Martin S.:Die Opfer haben oft einen materiellen Schaden, der bis in einen sechsstelligen Bereich gehen kann. Es werden Familienschmuckstücke und teilweise komplette Lebensersparnisse ergaunert. Neben diesem materiellen Schaden erleiden die Betroffenen oft auch einen psychischen Schaden.
Inwiefern?
Martin S.:Die Geschädigten haben Angst davor, dass die Täter noch einmal kommen. Es ist ihnen aber auch peinlich, dass sie auf so eine Tat hereingefallen sind. Aus Scham erzählen sie es oft niemandem. Das endet nicht selten in sozialer Isolation, dass sich die Geschädigten mit niemandem mehr treffen wollen, dass sie keine Bekannten, keinen Freundeskreis mehr aufsuchen – und im schlimmsten Fall sogar vereinsamen.
Bandenstrukturen sitzen größtenteils im Ausland
Von welchen Strukturen reden wir, wenn es um diese betrügerischen Anrufe geht? Wie sind die Täter organisiert?
Martin S.:Generell handelt es sich um einen bandenmäßigen Betrug. Für eine Bande braucht es mindestens drei Personen. Es gibt meist einen Abholer, der an der Haustüre klingelt und das Geld übernimmt. Dann gibt es den Keiler, der anruft und sich als falscher Staatsanwalt oder Polizist ausgibt und die Notlage vorspielt. Wenn dieser Keiler merkt, die Person würde Geld übergeben, wird ein Logistiker zwischengeschaltet, der den Abholer instruiert.
Wo sitzen diese Banden?
Martin S.:Größtenteils sind diese Bandenstrukturen im Ausland anzutreffen. Man hat in der Vergangenheit Festnahmen in der Türkei gehabt und momentan gibt es intensive Ermittlungen im Osten Europas, da ein Teil dieser Strukturen wohl auch dort angesiedelt ist.
Die Täter, die Ihnen ins Netz gehen, sind wahrscheinlich meist die „Abholer“, oder?
Martin S.:Genau. Oft haben diese Abholer nicht nur an einem Tatort gehalten, sondern haben auch noch die Beute der letzten zwölf Stunden oder der letzten drei Tage im Fahrzeug. Das bietet uns einen Ermittlungsansatz, um Taten zusammenzuführen, Strukturen zu erkennen und um an Hintermänner zu kommen.
Wie gehen Sie dabei vor?
Martin S.:Wir haben vielfältige Ermittlungsansätze in diesem Bereich. Aber ich würde nur ungern darauf eingehen, weil sich unser Gegenüber auch darauf vorbereitet und es ihnen Ansatzpunkte liefern könnte. Womit wir zu kämpfen haben, sind aber diverse Verschleierungstaktiken der Täter. So wird die Rufnummer oft gespooft. Das heißt, dass beim Geschädigten nicht die Nummer angezeigt wird, mit der er angerufen wird, sondern eine andere – wie die 110. Das macht uns die Arbeit, die Nummer zurückzuverfolgen, etwas schwieriger.
Wie stehen denn die Chancen für Opfer, ihr Geld wieder zurückzubekommen?
Martin S.:Wenn es uns gelingt, einen Abholer auf frischer Tat festzunehmen, sind die Chancen sehr, sehr hoch. Auch wenn er Geld oder Schmuck mitführt, was aus vorherigen Taten ergaunert wurde, gelingt es uns in der Regel, das dem Eigentümer zurückzubringen. Sollte es später Durchsuchungen beispielsweise in der Türkei geben, dann sind Gelder und Schmuck in den meisten Fällen schon veräußert. Dort finden diverse Geldflüsse statt, um das Ganze zu verschleiern. Es wird teilweise auch in Bitcoin angelegt und so wieder veräußert.
Und dann?
Martin S.:Das hat zur Folge, dass das Geld des Beschuldigten eingefroren und ein Pool gebildet wird. Aus diesem Pool kann im Nachgang ein gewisser Schadensersatz bei den Betroffenen erfolgen. Aber das ist sehr, sehr zeitintensiv und gelingt uns nicht immer.
Aufklärung über die Masche hinter den Schockanrufen
Nicht mit meiner Oma:Unter dem Titel „Nicht mit meiner Oma/Nicht mit meinem Opa“ hat die bayerische Polizei eine Präventionskampagne gestartet, um für die Masche zu sensibilisieren. Das Ziel: Dass weniger Senioren auf die Betrüger hereinfallen, die sie teilweise um hohe Geldsummen und im Extremfall um ihr gesamtes Erspartes bringen.
Internet:Auch im Internet stellen die Polizei umfassende Informationen bereit, die detailliert über das Vorgehen der Täter aufklären. Unter der Website www.polizei-beratung.de gibt es Tipps zur Prävention. Die Seite wird von der Polizei in allen Bundesländern und von den Polizeibehörden des Bundes unterstützt.
