Seit Dezember sind Waldmünchen und Plain offiziell Partnerstädte – ein Kennenlernen

Gestatten: Plain. Wisconsin. Vereinigte Staaten von Amerika. Aktuell 774 Einwohner und 26 Unternehmen. Nett, Sie kennenzulernen. Sie spüren meine Nervosität, es ist für mich wie auch für viele von Ihnen und von uns ja schließlich eine Art „blind date“.
Und natürlich will ich mich gut präsentieren, was ich aber nicht tun werde: Ihnen etwas vorgaukeln. „Come as you are“, komm‘ wie du bist, ist einer der besten amerikanischen Sprüche, die ich je gehört habe. Später werde ich Ihnen noch einen anderen verraten.
Doch nun zu mir. Weil ich aber nicht so gerne über mich selber rede, lassen wir jemanden zu Wort kommen, der sich mit Plain wirklich auskennt (weil er sich auskennen muss): Ray Ring. Bei Ihnen wäre er Bürgermeister,bei uns, in den USA, sind dies nur Personen, die an der Spitze von Gemeinden über 2000 Einwohnern stehen. Die anderen sind Village Presidents, Dorf-Präsidenten (manchmal nerven diese Übersetzungen).
Ray Ring, im früheren Leben Versicherungsmensch, er ist seit 2007 besagter Präsident. Und er weiß: Ein Besuch in Plain kann einem vorkommen wie das Betreten eines Märchenlandes. Ein malerisches Tal, Bäche, Natur, ein ganz eigener Charme – habe ich schon erwähnt, wie stolz ich (und die Menschen hier) auf ihr deutsches Erbe sind? Wir haben eine Hauptstraße und eine Schwesterngemeinde, St. Stephan in Waldmünchen. Das schreiben wir nicht nur (auf unserer Homepage), das fühlen wir auch so.
Die Wirtschaft floriert
Nun aber wird es Zeit für Fakten: Wir sind dankbar für drei große Bauunternehmen und einen Schotterproduzenten. Dazu Restaurants, Kneipen, Blumen- oder Geschenkeläden, Schönheitssalons, Tankstellen, Käse-, Lebensmittel- und Fleischgeschäfte, Eisenwarenläden. Zudem Firmen in den Bereichen Sanitär, Heizung und Kühlung, Schweißen, Hausbau und Elektrotechnik.
Entschuldigen Sie den Bruch: Wir laden Sie ein auf den Golfplatz, Spielplätze, Imbissbuden, die Bücherei, ins Freibad, auf einen Schwimm- oder Bootsausflug an den nahen Wisconsin River... Vier Festivals ziehen tausende Besucher an: Das der katholischen Kirchengemeinde im Juni, gutes, amerikanisches Barbecue inklusive. Feuerwehr und Rettungsdienst laden traditionell jedes Jahr zu einem dreitägigen Festival ein. Am zweiten Oktobersamstag ist (und es heißt wirklich so) Straßenfest.
Das bayerische Erbe
Haupttenor: Die Wirtschaftstreibenden präsentieren sich – und ihrbayerisches Erbe.Gut möglich, dass sich da die ein oder ander Lederhose in den Straßen findet...Und weder Essen noch Trinken noch Spaß oder Musik abgehen würden.
Dann ist da noch der Christkindlmarkt, auch er ist genau so bezeichnet. Neben der Möglichkeit, Ende November am Kombinationstermin aus Thanksgiving und Weihnachten, Santa Claus zu treffen, gibt es eine Menge kostenloser Begegnungs- und Mitmachangebote. Highlight sind die Kutschenfahrten durch die beleuchten Straßen und dekorierten Häuser. „Die Menschen lieben es“, weiß Ring.
Wie in vielen anderen Gebieten sind auch in Plain die Lebenshaltungskosten im Vergleich zum Einkommen hoch, sagt der Rathauschef. Das Finanzbudget des Dorfes wird vorwiegend von der Grundsteuern gespeist, der Bundesstaat kontrolliert dies, weil er nur eine Erhöhung von etwa drei Prozent jährlich zulässt. „Eine große Herausforderung“, betont Ring. „Vor allem, wenn man die Dienstleistungen auf gleichem Niveau aufrechterhalten will.“ Zumal die Kosten in diesem Sektor derzeit um etwa acht Prozent steigen.
Wisonsins Staats-Statuten sind es auch, die die Organisation in Plain selbst erklären. Ein siebenköpfiger Verwaltungsrat steht dem Ort im Mittleren Westen vor. Sechs sind sogenannte Treuhänder und auf je zwei Jahre gewählt. Plus Bürgermeister, der eigentlich keiner ist. Die Wahlen beginnen mit einem Caucus (Ausschuss), zu dem die Einwohner zusammenkommen, um Kandidaten zu nominieren – für das Gesamtgremium, aber auch das Gemeindeoberhaupt.
Wahl am 4. April
Ring selbst will sich am 4. April zur Wiederwahl stellen – mit einem Gegenkandidaten, der vor zwei Jahren nach Plain gezogen und stellvertretender Sheriff ist. Rings Visionen: Das Image von Plain zu verbessern, das Positive, die Annehmlichkeiten herausstreichen. Seiner Vision nach solle das Dorf ein Ort sein, an dem die Menschen stolz darauf sind, zu leben und zu arbeiten.
Dazu gehört, Kindern mehr Erholungsräume und -möglichkeiten zu bieten und einen Weg über Zuschüsse oder amdere Mittel zu finden, um den Anstieg der Sozialausgaben zu kompensieren.
Konkret will er den Business Park in den nächsten Jahren aggressiver vermarkten , um neue Unternehmen anzuziehen oder Expansionen schmackhaft zu machen. Zudem bestehe ein Bedarf an Mehrfamilienhäusern. Zudem gebe es einen Fünf-Jahres-Plan, (Geh)Wege und Straßen zu verbessern.„Es ist ein Weg, eine Entwicklung, ich möchte sicherstellen, dass unsere Gemeinde auf diesem Weg weiter geht“, betont er. Klingt ein wenig nach Wahlkampf und ist es wohl auch, amerikanisch eben.
Die USA, ein gespaltenes Land
Die USA selbst sieht er aktuell gespalten, Menschen verschiedener Herkunft und Kultur fühlen sich ausgegrenzt und wünschen sich mehr Gehör.Hinzu komme, dass die beiden großem Regierungsparteien, Republikaner und Demokraten, in nichts einig zu sein scheinen.
Das ist bei uns anders, das Parteiengeplänkel spielt bei lokalen Themen kaum eine Rolle, regionale Parteien gibt es in kleineren Kommunen nicht, dafür ist das Miteinander groß. Und:„Die Menschen stehender Städtepartnerschaftpositiv gegenüber“, lautet das Fazit des 68-Jährigen, der im kommenden Jahr nach Waldmünchen kommen möchte. Allerdings wüsste mancher Plainer nicht, was dies konkret bedeute oder wie diese mit Leben erfüllt werden soll und kann.
Seine Aufgabe sieht er darin, in den kommenden Wochen und Monaten in vielen Gesprächen und bei vielen Gelegenheiten Aufklärungsarbeit zu betreiben. „Heruntergebrochen ist es nichts anders, als sich und Informationen auszutauschen, Regionen, Städte und sich kennenzulernen.“ Kurz: Neue Freunde zu finden – um nur einige Vorteile zu nennen, lächelt Ring. Er ist überzeugt: Diese Beziehung kann all das werden, wovon wir träumen wollen. Ich schlage vor, wir fangen an! Ach ja, ich schulde Ihnen noch einen Spruch, ein Zitat (von Henry Ford): Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir?

