Vernachlässigt? Ein Regensburger Stadtviertel muckt auf

Von Marion Koller · 18. Februar 2023 um 05:00

Händlerin, Anwohner und Wirte setzen auf eine große Zukunft der Ostengasse – Einiges muss aber passieren.

Über die Käsetheke hinweg ratscht Kerstin Röhrle mit ihrem Stammkunden Nico Weigl. Jeden Tag trinkt er einen Kaffee im Spezialitätenladen „Frida“. Es geht um die Ostengasse, die zur Fahrradstraße ausgerufen wurde. Viele Autofahrer, aber auch Radler könnten mit dem Begriff nur wenig anfangen, sind sie sich einig. Röhrle und Weigl lieben die Gasse zwischen Kolpinghaus und Ostentor. Die 29-Jährige wohnt auch dort. „Man kennt sich, es ist ein Miteinander“, sagt sie. „Ein bisschen öko-heimelig, aber trotzdem ist jeder für sich.“

An diesem Dienstag wirkt die Ostengasse wie ausgestorben. Seit beim Haus der Bayerischen Geschichte mit Pollern abgesperrt wurde, verirren sich nur einzelne Autos hierher. Zwischen den aufwendig gepflasterten und sanierten Nachbarstraßen – Schwanenplatz, Bertoldstraße und Trothengasse – wirkt sie vernachlässigt. Leerstände und sanierungsbedürftige Häuser fallen auf. „Irgendwie ist da kein Leben drin“, findet die Passantin Jutta Wirth. In einer Straße wie dieser bummle man nicht.

Es geht aufwärts

Auf den zweiten Blick sieht man durchaus, dass es mit der Ostengasse aufwärts geht, seit sich Läden wie „Frida“ ansiedeln, Lokale wie Stefanos Taverna und Unternehmen wie Projekt 29, das für IT-Sicherheit steht. „Es kommt nach und nach wie in Stadtamhof“, ist die gelernte Restaurantmeisterin Röhrle überzeugt. Der nördliche Stadtteil gilt als In-Viertel. „Die Ostengasse ist dabei, sich zu erholen“, beobachtet Gastronom Tom Bockes, der dort wohnt und das „Beer Dorado“ (Tarantino‘s) betreibt. Die drei Lokale vor Ort spielten eine entscheidende Rolle. Das Ostengassenfest zeige das Potenzial des Quartiers.

Röhrle erhält hier alles für den täglichen Bedarf. Obst und Gemüse kauft sie beim Bauern Geiger, der zweimal pro Woche kommt, oder beim Biodonaumarkt, und das Brot beim Backteufel gegenüber. Es gibt eine Friseurin, eine Kosmetikerin, Waschsalons und ein Hostel. Nur ein Metzger fehle.

Hanna Hünniger betritt den Laden „Frida“. Die 38-Jährige schaut oft vorbei. „Kerstin hat das Viertel mit ihren Produkten extrem aufgewertet“, findet sie. Neben dem Allgäuer Käse gibt es Öle und Weine vom Bodensee. Die Journalistin Hünniger ist von der Spree an die Donau gezogen. „Als Berlinerin würde ich sagen, ich habe hier einen Kiez.“ Was macht den aus? „Vertrauen zu den Menschen“, sagt die 38-Jährige. „Man lässt sich in Ruhe.“

Auch wenn die Ostengasse ein Kiez ist, muss sie einiges nachholen. Durch die Absperrung beim Bayernmuseum fühlen sich Anwohner und Selbstständige abgehängt vom Zentrum. Tom Bockes bittet die Verantwortlichen der Stadt um einen Ortstermin und appelliert an sie, die Freisitze weiterhin zu unterstützen. Dank der 40 Plätze lohne sich das Beer Dorado. Die Kommune solle das Ostentor und den nahen Villapark bewerben.

Wirt hofft auf ein Café

Leider würden die Urlauber von den Kreuzfahrtschiffen „direkt zum Dom“ geleitet. Der Wirt hofft auf eine Café-Ansiedlung, damit mehr Gäste auf das Quartier aufmerksam werden.

Aufenthaltsqualität erlebt man rundherum. Der Schwanenplatz protzt mit Granitpflaster, modernen Brunnen, einer Skulptur, Bänken und dem Hopfengarten. Quetschn-Wirt und Anwohner Oliver Schutkowski (62) freut sich über seine 60 Freisitzplätze, wo die Gäste seit der Verkehrsberuhigung ungestört essen können. In einen Hingucker hat Künstler Isaac Malakkai die Kolpinghaus-Unterführung mit seinem zeichentrickartigen Mural verwandelt.

Die Ostengasse aber muss auf ein neues Gesicht warten. Aus dem Rathaus heißt es, eine Neugestaltung werde als mittel- bis langfristige Maßnahme angestrebt. Das Investitionsprogramm enthält keine Mittel für Sanierung oder Umbau der Verkehrsfläche. Über Haussanierungen entscheiden die Eigentümer. Geschäftsfrau Röhrle hat einen kleinen Wunsch: Dass die Kommune öffentlich das Miteinander auf der Fahrradstraße erläutert. Denn das gelinge nicht immer.

Zufrieden: Oliver Schutkowsky, Quetschn-Wirt am Schwanenplatz -Foto: Koller
Hingucker: die Wandmalerei in der Kolpinghaus-Unterführung -Foto: Koller