Energiewende hievt Maschinenfabrik Reinhausen über die Auftragsmilliarde

Von Bernhard Fleischmann · 15. Februar 2023 um 19:00

Die Regensburger Maschinenfabrik Reinhausen liefert Technik und Intelligenz für den Stromhunger und die Stabilisierung der Netze. Das treibt das Geschäft massiv an.

Das Wenn es um das Gelingen der Energiewende geht, steckt die Maschinenfabrik Reinhausen mittendrin in einem schier unendlich anmutenden Geflecht an Beteiligten. Ihre Produkte, etwa komplexe Schalter in Transformatoren, sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Stromnetze ausgebaut werden können und stabil bleiben. Das Geschäft wächst weltweit und macht sich in den Auftragsbüchern des Regensburger Traditionsunternehmens immer stärker bemerkbar – so stark, dass im abgelaufenen Jahr die MR zum ersten Mal in ihrer Geschichte mehr als eine Milliarden Euro neue Aufträge geschrieben hat. Die MR beschäftigt aktuell allein in Regensburg rund 2000 Mitarbeiter.

Geschäftsführer Nicolas Maier-Scheubeck schlüsselt im Gespräch mit unserer Zeitung auf, wie sich diese Milliarde einordnen lässt. Das Volumen des Auftragseingangs sei gegenüber 2021 um rund 23 Prozent gestiegen. Das klinge nach ein bisschen mehr, als es unter Berücksichtigung von Sonderfaktoren ist, unterm Strich bleibe aber immer noch ein stattliches Plus.

Der Anteil der Energiewende

Fünf bis zehn Prozent des Zuwachses rechnet Maier-Scheubeck einem Nachholeffekt nach der Covid-Delle und einem Vorzieheffekt wegen der Lieferkettenprobleme zu – Kunden deckten sich über Bedarf ein, um sicher versorgt zu sein. Andererseits sei mit dem russischen Markt ein Volumen von zwei bis drei Prozent verloren gegangen. Verblieben netto beachtliche 15 Prozent. „Davon kommt sehr viel aus der Energiewende, ungefähr 50 bis 100 Millionen Euro“, sagt der Geschäftsführer.

Die Spanne der Schätzung ist deshalb so groß, weil es zwar neue Produkte und Geschäftsfelder gibt, die klar der Energiewende zuzuordnen sind; aber auch längst bestehende Geschäftsfelder profitierten davon. Allerdings: Die enorm gestiegenen Preise treiben die Auftragsvolumina in die Höhe, aber nicht in gleichem Maße die Erträge. Die MR könne die zusätzlichen Kosten nicht vollständig weiterreichen oder durch höhere Produktivität auffangen. Deswegen würden die Margen sinken, sagt Maier-Scheubeck.

„Die Umsetzung der Energiewende in Deutschland ist eine Katastrophe“

Nun könnte man meinen, dank des Umstands, dass die MR sozusagen im „richtigen“ Markt mit hohen Zuwächsen aktiv ist, wäre der Geschäftsführer ein großer Befürworter der Energiewende. Doch er ist ein expliziter Kritiker, zumindest wenn es um deren Ausgestaltung geht: „Die Umsetzung der Energiewende in Deutschland ist eine Katastrophe“, lässt Maier-Scheubeck wenig Raum für Interpretationen. Er moniert unter anderem, dass der anvisierte Zeithorizont längst nicht mehr erreichbar sei, „die Umsetzung ist total in Verzug“. Gleichzeitig stürze sich die Politik in einen Unterbietungswettbewerb bei den Fristen, innerhalb derer Ziele erreicht werden sollen. Sprich: Je weiter man hinterherhinkt, umso früher will man es geschafft haben. „Das ist ein systemisch irrsinniger Zustand“, erregt sich Maier-Scheubeck.

Aber worin bestehen die Herausforderungen der Energiewende, bei denen die MR involviert ist?Prinzipiell darin, dass die Netze mit immer größeren Differenzen und Schwankungen der Stromflüsse zurechtkommen müssen.Sonne und Wind liefern unstet, noch dazu befinden sich die Erzeuger im Gegensatz zu den Zeiten der Großkraftwerke quer über das Netz verteilt. Obendrein fließt Strom heute sozusagen von mehreren Richtungen ins Netz.

Intelligenz statt Masse

Auf der anderen Seite steigt der Strombedarf weltweit enorm an – mehr Menschen, weniger fossile Energiequellen, Megastädte mit gewaltigem Stromhunger. Maier-Scheubeck kann einen ganzen Katalog an Anforderungen und Lösungen für Stromnetze aufzählen. Hier ein paar Beispiele: Um die steigenden Anforderungen zu bewältigen, könne man nach dem Motto „viel hilft viel“ noch mehr und dickere Leitungen, Ortsnetzstationen, Batteriespeicher etc. zubauen; oder etwa mit regelbaren Ortsnetztransformatoren reagieren. Die Schalter dafür stellt MR mittlerweile in großen Stückzahlen her. Sie gleichen Überlasten und Mangellagen aus und steigerten die Aufnahmefähigkeit des Netzes um etwa zehn Prozent. „Mit diesem Schalter sind wir Weltmarktführer“, sagt Maier-Scheubeck. Energieversorger hätten den Wert dieses Produktes erkannt. In der Konsequenz könnten sich regionale und Stadtnetze gegenseitig unterstützen. Das werde immer wichtiger.

Mehr Gleichstrom

Die Energiewende erfordere auch mehr Gleichstromnetze, etwa in Gewerbegebieten. Auch werde im Netz Blindleistung benötigt, damit Strom überhaupt fließt. Um sie trotz der erhöhten Anforderungen durch die Schwankungen und des gleichzeitigen Wegfalls großer Kraftwerke bereitzustellen, hat Übertragungsnetzbetreiber Tennet unter anderem im Umspannwerk Schwandorf eine spezielle MR-Technologie installiert.