Söders Erfolgsritt auf dem Rossmarkt: Beifall auch für Attacken auf Berlin

Von Christine Schröpf · 8. Februar 2023 um 15:49

Ja ist denn schon Valentinstag? Markus Söders Auftritt beim Rossmarkt in Berching wird jedenfalls zum neuen intensiven Liebeswerben um die Oberpfälzer. In seine 30-Minuten-Rede webt der Ministerpräsident und CSU-Chef am Mittwoch Kompliment um Kompliment.

Das bayerische Mantra von „Laptop und Lederhose“ – Sinnbild für den Gleichklang von Hightech und Brauchtum – dichtet er flink in „Raumfahrt und Rossmarkt“ und „Bits und Berching“ um.

„Sie wissen, dass wir Franken die größten Fans der Oberpfalz sind?“, fragt er ins Publikum, das sich dicht um die Bühne geschart hat. Als besten Beweis nennt er die Nachsicht mit der Altneihauser Feierwehrkapell‘n . Die Oberpfälzer sind bei der Fastnacht in Veitshöchheim Dauergast, zerrupfen die Franken dort stets satirisch – ohne einen Hauch von Milde. „Keine Volksgruppe der Welt lädt eine andere zu ihrer kulturell höchsten Veranstaltung ein, lässt sich beschimpfen, beleidigen, bezahlt dafür, freut sich, klatscht – und lädt sie nächstes Jahr wieder ein.“

„Zeitenwende“ für Landwirte

Wenig zart geht Söder in Berching mit den Berliner Ampelkoalitionären ins Gericht. Seine Kernbotschaft: Bayern könnte sich noch prächtiger entwickeln, wenn der Bund dem Freistaat keine Knüppel zwischen die Beine werfen würde. Der CSU-Chef kritisiert das Festhalten am Kernkraftausstieg in Zeiten von Energieknappheit. „Wir sollten die Kernenergie nicht einfach willkürlich abdrehen, sondern so lange laufen lassen, so lange die Krise dauert.“ Er fordert eine „Zeitenwende“ in der Landwirtschaft ohne ideologische Scheuklappen – bemängelt die 1000 Vorschriften, die die Produktion bester Lebensmittel behinderten, vermisst ebenso ein klares Bekenntnis zur Biomasse bei der Energieerzeugung.

Söder wettert gegen den Länderfinanzausgleich, in den Bayern für ärmere Bundesländer bisher über 100 Milliarden Euro eingezahlt, aber im Vergleich kaum selbst etwas bekommen habe. „Bayerisches Geld ist besser in der Oberpfalz aufgehoben als in Berlin“, sagt er. Auf seiner Berliner Minus-Liste findet sich auch die geplante weit reichende Cannabis-Freigabe, die er kategorisch ablehnt. Söder treibt zudem das „Zwangsgendern“ und das geschlechtsneutrale Umfirmieren von Vätern und Müttern in Elternteile 1 und 2 um. Die grassierende „Wokeness“ ist für ihn nicht anderes als „übertriebenes Spießertum“.

Unter den Punkten, die er der EU ankreidet, findet sich die kürzliche Zulassung weiterer Insekten als Lebensmittel. Lieber Schweinsbraten als „Insektenmüsli“, legt er sich in dieser Frage fest. Nicht zuletzt lehnt er sich in Berching gegen ein Schlechtreden Bayerns aus anderen Teilen Deutschlands auf. Der starke Zuzug in den Freistaat ist für ihn dabei nicht das einzige gewichtige Gegenargument. Es gebe keine „Aufnahmelager für gestrandete Bayern“ in Wanne-Eickel oder Castrop-Rauxel, setzt er nach.

In einer Passage wird Söder selbstkritisch. Es betrifft harte Einschränkungen in der Corona-Pandemie, für die er Verantwortung trägt. „Mir tut manches leid – wie schwer das war. Aber man musste Entscheidungen treffen, um Leben zu retten und Leben zu schützen. Man möge es mir verzeihen.“

Der CSU-Chef befindet sich im Vor-Landtagswahlkampf: Am 8. Oktober entscheiden die Bürger über seine Verlängerung als Ministerpräsident. Schon jetzt ist er mit hoher Taktzahl quer durch Bayern unterwegs, um von sich und seiner Partei zu überzeugen. Der Rossmarkt – das größte Wintervolksfest in Bayern mit über 300-jähriger Tradition – gehört schon wegen des großen Publikumsandrangs zu den wichtigen Terminen.

15000 Menschen waren nach übereinstimmenden Schätzungen der Stadt und der Polizei dieses Mal vor Ort. Wobei die politische Kundgebung nicht die einzige Attraktion war. 50 „Rosserer“ hatten ihre festlich herausgeputzten Pferde zum traditionellen Auftrieb durch die Altstadt mitgebracht.

Für Söder ist es der vierte Auftritt in Berching. 2010 war er als Umweltminister hier, 2016 und 2018 als Heimat- und Finanzminister. Bürgermeister Ludwig Eisenreich (CSU) merkt bei der Gelegenheit an, dass die Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und Horst Seehofer fünf Mal auf dem Rossmarkt gesprochen haben. „Es gilt also, noch einen Rekord zu knacken.“

Er gibt Söder bis zum nächsten Mal per Berchinger Wunschliste auch ein paar Hausaufgaben mit auf den Weg: Sie reichen von weniger Auflagen für die Landwirtschaft und mehr Unterstützung für dezentrale Energien bis zur Unterstützung beim Bau einer neuen Grund- und Mittelschule. „Wir müssen leider feststellen, dass moderne pädagogische Konzepte in den aktuellen Förderprogrammen wirklich nur unzureichend berücksichtigt werden.“

Söder spielt den Ball an seinen Finanzminister weiter, der auch Oberpfälzer CSU-Chef und Neumarkter Stimmkreisabgeordneter ist: Er sage alle Wünsche zu, wenn Albert Füracker mitziehe, sagt Söder halb im Scherz – signalisiert dann aber grundsätzliche Bereitschaft. Er und Füracker setzten sich immer für den ländlichen Raum ein.

„Nicht nur ein Blabla“

Im Publikum finden sich viele Söder-Anhänger. Es gibt Beifall und Bravo-Rufe. Als die Rede vorüber ist, wird sogar vereinzelt Zugabe verlangt. Eva Metz (66) aus Hohenfels lobt die starke Bayernnote, die Söder in Berching gesetzt hat. „Er setzt sich wirklich für uns ein. Das ist nicht nur ein Blaba.“ Heinrich Sedlmeier aus Ergolding zeigt sich von Söders Plädoyer für die Landwirtschaft beeindruckt. Der 74-Jährige bewirtschaftete früher selbst im Nebenerwerb einen Hof, kämpfte mit wachsender Bürokratie und Vorschriften. „Es ist schlimm. Eine Verordnung jagt die nächste.“

Friedrich Amler aus Indernbuch (Lkr. Weißenburg-Gunzenhausen), der beim Rossmarkt seit Jahren Dauergast ist, stellt Söder im Redner-Vergleich ein gutes Zeugnis aus. „Mir gefällt Söder, weil er direkt redet und Späßle macht.“

Der Pferdeauftrieb durch die Altstadt ist eine Hauptattraktion. Die Straßen waren dicht von Zuschauern gesäumt. -Foto: Bernhard Neumayer
In Berching herrschte ab 8 Uhr dichtes Gedränge. Die Parkplätze waren schon in den Morgenstunden überbelegt. -Foto: Bernhard Neumayer
Bayerische „Kavallerie“: Aus Nürnberg und München waren je zwei Pferde und Reiter der Polizeistaffel im Einsatz. -Foto: Bernhard Neumayer