Altlasten im Landkreis Cham – die ungeliebte Zeitbombe

Von Johannes Schiedermeier · 7. Februar 2023 um 11:00

Die älteren Bürger aus Cham-West erinnern sich noch gut an die beißenden Rauchschwaden, die über dem Viertel standen. Die Nachwehen dort sind überstanden. Es liegen aber noch viele Altlasten im Boden.

Chams Bürgermeister Martin Stoiber ist seit seinem Amtsantritt 2020 nur einmal das Thema Altlasten begegnet. Damals habe das Landratsamt angefragt, ob man im Stadtbereich bei einer Verdachtsfläche eine Schürfung vornehmen dürfe, erinnert sich der Bürgermeister. Dazu gebe es aber noch kein Ergebnis. „Selber gehen wir das Thema nicht aktiv an, aber die großen Altlasten sind bekannt und kartiert. Der Rest ist Sache des Landratsamtes“, so Stoiber.

Problem: Gas und Abwasser

Stoiber verweist an den Leiter der Bauverwaltung im Rathaus. Arthur Scheurer kennt die großen Fälle in der Vergangenheit: Die ehemalige Färberlohe bei den Stadtwerken, die Deponien am Sandhölzl, in Katzbach/Loibling beim Bahnübergang. Die Kriterien nach denen saniert wird, kennt aber auch er nicht. Das Landratsamt habe Zugriff auf die kartierten Verdachtsflächen gegeben, berichtet Scheurer. Dieser Zugriff sei heute weg. Vermutlich wegen des Datenschutzes.

In der Stadtverwaltung ist Christian Müller vom Bauamt für Altlasten-Flächen zuständig. Er berichtet, dass am Bahnübergang Katzbach/Loibling – die angesprochene Deponie zu Füßen von Cham-West – nach Jahrzehnten der Überwachung das Wasserwirtschaftsamt grünes Licht für eine Einstellung der Grundwasser-Gutachten gegeben habe.

Auch das Parkdeck der Behinderten-Werkstätte, das mit seiner Betonplatte die ehemalige Deponie Altenmarkt abdeckt, sei nicht mehr offiziell überwacht. Dort hatte es nach der Errichtung teilweise explosionsfähige Austritte von Methan aus dem Untergrund gegeben, weil sich dort Hohlräume zwischen gelagerten Altreifen mit dem Gas gefüllt hatten, das immer wieder an die Oberfläche gelangt war. Kurzfristig bildet sich dann mit dem Sauerstoff eine Mischung, bei der sich niemand eine Zigarette anzünden sollte. Damals wurden spezielle Gasmelder eingebaut.

Aktuell in der Prüfung ist die von Bürgermeister Martin Stoiber angesprochene Schürffläche hinter Selling neben der Bahnstrecke in Richtung Cham. „Das ist eine Altdeponie der Gemeinde Windischbergerdorf, da sind wir Rechtsnachfolger und damit verantwortlich“, sagt Christian Müller.

Das eigentliche Problem ist viel schwieriger im Auge zu behalten: die Zeitbomben auf Privatgrund. Bevor in den 70er Jahren die Müllabfuhr eingeführt wurde, nutzten Gemeinden und Privatleute natürliche Senken wie zum Beispiel Hohlwege in den Wäldern, um ihren Müll zu beerdigen. Auch Abgrabungen bei Neubauten wurden gerne genutzt. Heute sind das Zeitbomben, deren Sprengkraft wohl keiner kennt.

Noch Jahrzehnte später haben die alten Deponien ihre Auswirkungen. Beim Schäferhundeverein „Am Sandhölzl 21“ in Vilzing hängt noch immer ein verblichenes Schild: „Explosionsgefahr – Rauchen unerwünscht“. Vereinsvorsitzender Patrick Krüger erzählt, dass die Zeiten der Gasaustritte inzwischen vorbei sind, aber die Schäferhundler immer noch ein aktuelles Problem mit der Altlast haben, das etwas skurril wirkt: Die Maulwürfe auf dem Übungsgelände fördern mit der Erde Glasscherben nach oben: „Mein Hund hat sich da schon verletzt“, sagt Krüger. Außerdem hat sich das Gelände abgesenkt. Krüger hat die Stadt um eine Auffüllung gebeten.

Christian Müller vom Stadtbauamt erklärt die Funktion der Grundwasser-Messstelle im Wäldchen neben dem Übungsgelände: Dort lässt das Wasserwirtschaftsamt die Stadt alle zwei Jahre die Wasserwerte messen und begutachten. „Das ist derzeit die einzige Altlast, auf die wir noch ein Auge haben müssen“, so Müller.

Altlasten: ein heikles Thema

Altlasten sind ein heikles Thema. Ihre Beseitigung oder Überwachung kann je nach Inhalt sehr teuer werden. Schon deswegen will da niemand gerne nachgraben. Die Verantwortung für die Nachverfolgung der alten Umweltsünden liegt beim Landratsamt. Das Landratsamt hat noch den größten Überblick über die kartierten Altlasten und die Verdachtsflächen.

Pressesprecher Fabian Koller hat unsere Fragen zum Thema beantwortet: Im öffentlichen Altlastenkataster des Freistaates Bayern sind drei Altlastenflächen erfasst: 800 Quadratmeter in Furth im Wald, 10.000 Quadratmeter einer ehemaligen Schrottverwertung in Cham und 200 Quadratmeter einer ehemaligen Wäscherei, ebenfalls in der Kreisstadt. Von den 15.466 Altlasten-Verdachtsflächen in ganz Bayern befinden sich im Landkreis Cham 139. Bei deren Untersuchung ist maßgeblich, ob von der Fläche eine Gefahr für die Umwelt ausgeht. Entsprechend diesem Ergebnis erfolgen die weiteren Schritte.

Im Zuge der Amtsermittlung führt der Freistaat Bayern durch das Wasserwirtschaftsamt die orientierte Untersuchung auf Altlastenverdachtsflächen durch. Hierfür hat das Landratsamt in diesem Jahr zwei Altlastenverdachtsfälle an das Wasserwirtschaftsamt gemeldet. 2020 waren es zwei Flächen, 2021 nur eine und 2022 insgesamt vier Flächen. Grundsätzlich trägt die Kosten für Altlasten-Untersuchungen und Sanierungen entweder der Verursacher oder der Grundstückseigentümer.

Das Landratsamt Cham führt bei einem möglichen Verdacht laut Koller aktiv Recherchearbeiten durch (z. B. Aktenrecherche, Kartenauswertung, Zeitzeugenbefragung, Ortseinsicht...).

Was, wenn jemand ein Grundstück kauft und dort Altlastenverdacht besteht? Dann kann er zwar beim Landratsamt nachfragen, bekommt aus Datenschutzgründen aber nur mit Erlaubnis des Besitzers Auskünfte.