Neunburg leistet seit Jahren Pionierarbeit bei der Integration – Wie geht das?

„Besuch beim Arzt“ lautet das heutige Motto im Sprachkurs für Mütter in Neunburg. Bei Rollenspielen lernt und übt man Alltagskompetenzen. Alle sind eifrig – sie wissen, was auf dem Spiel steht: die Integration in ein für die Frauen anfangs völlig fremdes Land.
Die Sprache ist der Schlüssel – das ist nicht einfach. Fünf Länder und vier Sprachen müssen in diesem Kurs untergebracht werden, denn die Frauen kommen aus Polen, Kosovo, dem Irak, aus der Ukraine und Kasachstan. Sie lernen konzentriert, fragen immer wieder die Lehrerin und freuen sich, wenn ein Satz fehlerfrei gelingt. Ihre Kinder wissen die fünf Frauen im Raum gleich nebenan bei liebevoller Betreuung gut aufgehoben. Oft hilft man sich gegenseitig, auch wenn Englischkenntnisse fehlen.
Mütter haben eine Schlüsselrolle bei der Integration, sagt Bürgermeister Birner
„Die Frauen spüren: Es geht nur gemeinsam“, sagt die 68-jährige Lehrerin Waltraud Lanzl, die eigentlich längst pensioniert ist. Doch die Arbeit mit den Migrantinnen macht ihr Freude. „Wir lachen auch viel und haben Spaß.“ Gerade Mütter hätten eine Schlüsselrolle, wenn es um Integration von Familien gehe, weiß Neunburgs Bürgermeister Martin Birner (CSU).
In seiner Stadt mit den rund 8800 Einwohnern und vielen Betrieben mit jeder Menge Arbeitsplätzen gehe es allerdings nicht nur um osteuropäische Zuwanderer oder um Kriegsflüchtlinge, wie Birner betont. „Wir sind für die Belange aller sozial Schwächeren unserer Gesellschaft da und haben zum Beispiel auch unsere Senioren im Blick oder die Migranten, die hier bereits vor Jahren Arbeit gefunden haben.“ Zurzeit leben Menschen mit 68 verschiedenen Nationalitäten in der Stadt. „Es gibt viel zu tun, damit sich jeder wohlfühlt“, sagt Birner.
Bürgermeister fühlt sich vom Staat in der Flüchtlingsarbeit allein gelassen
Vom Staat fühlt sich der Rathauschef dabei im Stich gelassen. „Integration ist sowohl eine staatliche als auch eine gemeindliche Aufgabe. Wir Kommunen brauchen jedoch mehr strategische Unterstützung, vor allem finanzieller Art, zugeschnitten auf die jeweiligen Bedürfnisse der Orte“, sagt Birner. Dabei löse man mehrere Probleme: Zum einen würden Migranten besser integriert, zum anderen würde man dringend benötigte Arbeitskräfte gewinnen. Zurzeit seien im Stadtgebiet Neunburg rund 1300 Migranten in Arbeit, die eine Hälfte aus EU-Ländern, die andere Hälfte aus Drittstaaten, wie zum Beispiel aus Mazedonien.
Und so hat die Pfalzgrafenstadt bereits vor Jahren selbst unkompliziert und flexibel reagiert und leistet seitdem Pionierarbeit bei der Integration – denn diese finde in den Kommunen auf der Straße und nicht in den Büros der Verantwortlichen des Staats statt, sagt der Bürgermeister. Während der Flüchtlingskrise 2017 schuf man neue Strukturen und Einrichtungen, bündelte Netzwerke und suchte nach Lösungen.
Immer für die Flüchtlinge da: Elke Reinhart
Elke Reinhart, seit langem in der Nachbarschaftshilfe engagiert, wurde 2016 als Integrationsbeauftragteeingestellt. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen, sie hilft schnell und unbürokratisch – egal ob es um das Schreiben einer Bewerbung geht oder um das Schlichten von Konflikten. Kürzlich hätten am Wochenende zwei Buben unterschiedlicher Nationalitäten beim Fußballspielen gerauft und sich verletzt. „Frau Elka“, wie man Reinhart nennt, musste zwischen den Familien vermitteln. „Da konnte man nicht auf die Bürozeiten am Montag warten“, sagt sie. Auch während der Pandemie, als die Migranten die Gemeinschaftsunterkunft, in der zurzeit 130 Menschen leben, nicht verlassen durften, war Reinhart gefragt: Sie kaufte für die Bewohner dringend benötigte Dinge ein.
Ohne die Ehrenamtlichen, so heben Reinhart und Birner hervor, würden Integrationsarbeit und kompetente Hilfe für sozial Schwächere nicht gelingen. Das zeige zum Beispiel das Erfolgsprojekt„Emma“ vor Ort – ein Second-Hand-Laden und zugleich Begegnungsort,denn dort könne jeder einkaufen. Ohnehin sei Hilfe zur Selbsthilfe die beste Lösung.
Lichtblicke gibt es in der Flüchtlingsarbeit immer wieder
Starre Vorgaben des Staats würden dies jedoch nicht einfacher machen. „Leider hat der Staat nicht erkannt, wie wertvoll gelungene Integrationsarbeit vor Ort ist“, betont Birner. „Wahre Integration bringt die Menschen zusammen.“ Das spürt man in den Deutschkursen, die seit 2017 stattfinden. Lichtblicke gibt es dort und woanders in Neunburg immer wieder für die Migranten. Heute zum Beispiel verkündet eine junge Frau strahlend, als Reinigungskraft in einer Schule eingestellt worden zu sein. Und in der Gemeinschaftsunterkunft freut man sich, weil wieder jemand die deutsche Staatsbürgerschaft und somit eine neue Heimat erhalten hat.
