Jubiläum steht an: Markantes aus Waldmünchens Partnerstadt Marktoberdorf

Von Petra Schoplocher · 4. Februar 2023 um 15:00

Am 7. Mai 1983 besiegelten Marktoberdorf und Waldmünchen ihre Partnerschaft offiziell. Die älteste, die die Trenckstadt pflegt. Marktoberdorf, knapp 20 000 Einwohner, im Voralpenland und knapp 300 Autokilometer entfernt. Marktoberdorf? Höchste Zeit für eine Spurensuche, für ein Portrait.

Josephine Berger hat einen wunderbaren Job. Sie ist Stadtarchivarin in Marktoberdorf. Das mag sich mitunter erst beim genaueren Hinsehen erschließen. Das sich aber absolut lohnt, verfügt die Stadt im Ostallgäu doch wahrlich über einen reichen historischen Schatz.

Hungertaler und Mini-Weihnachtsbaum

Und das derart, dass sich deren oberste Hüterin nicht für ein vermeintliches Lieblingsteil entscheiden kann. Haarbilder, die als Erinnerung an die Verstorbenen angefertigt und zu deren Andenken in der Stube ihren Platz fanden. Hungertaler oder Kirchenwachkalender. Und dann sind da ja noch all die Stücke, die im Depot lagern wie ein künstlicher Miniaturweihnachtsbaum, der einen Marktoberdorfer Soldaten im Ersten Weltkrieg an die Front in Frankreich begleitete. Oder ein Satz liturgischer Geräte für Kinder, damit Kinder die Heilige Messe nachspielen konnten.

Berger selbst tut sich sehr schwer, ein Lieblingsstück zu definieren. Sie sagt: Im Museum finden sich eine derart große Anzahl spannender Geschichts-Zeugnisse, dass sie sich beim besten Willen nicht auf festlegen könne, was sie am meisten fasziniere. Wobei sie insgeheim hofft, dass das niemals der Fall sein werde − zu vielseitig und vielschichtig sei das, was sie da im Museum vorfinde.

Lieblingsstücke im Museum

Es mag Zufall sein, aber das Projekt „Lieblingsstück im Museum“ hat jüngster Vergangenheit auchdie Marktoberdorferselbst beschäftigt – zumindest trägt ein entsprechendes Projekt des Heimatvereins diesen Titel. Und was da nicht alles aufgelistet wurde... Eine alemannische Rosettenfibel, eine Mausefalle, das Foto der Feuerwehr von 1862, Druidensteine (samt der dazugehörenden Sagen) oder Holzpferdchen, die Spitze des Eisberg(Schatzes).

Ein alter Fendt

„Der alte Fendt“; entfährt es Georg Barnsteiner spontan, als er nach seinem Lieblingsstück gefragt wird. Der 66-Jährige ist einer derjenigen, der die Städtepartnerschaftseit ihren Anfängen begleitet und gefördert hat. „Das Lebensgefühl ist ähnlich“, lautet seine erste Einschätzung zur Frage, warum Waldmünchen und Marktoberdorf „passt“.

Der erste Gedanke? Karlheinz Schröpfer

Ihm selbst fällt ein Mann namensKarlheinz Schröpferals erstes ein, wenn er an die Trenckstadt denkt – mit diesem verbindet ihn eine enge Freundschaft, entstanden aus vielen gegenseitigen Besuchen. „Ihr seid offen und im Gespräch ist man schnell auf einer Wellenlänge“, schildert der langjährige Vorsitzende des Trachtenvereins seine Erlebnisse hie und da.

Barnsteiner hat sich sehr gefreut, als die Radlergruppe aus Waldmünchen im Vorjahrfür einen neuen Impuls für die Partnerschaft sorgte, schließlich drohte der Draht bisweilen abzukühlen, den der Museumsverein Waldmünchen einst mit dem dortigen Heimatverein gezogen hatte.

Über 300 Kilometer mit dem Rad

Marktoberdorf wird und will der sportlichen Aktion heuer im Juli in nichts nachstehen, wenngleich die Allgäuer die über 300 Kilometer an drei Tagen zurücklegen wollen. Mit dabei: Schorsch Barnsteiner, der dies 2008 im Dienste der Freundschaft schon einmal vollbracht hat.

Viel Schönes und ein Schreck

Er verbindet sehr viele „sehr, sehr schöne“ Begegnungen und Erlebnisse mit Waldmünchen. Und ein schlimmes. 2006 ging ein Pferdegespann beim Festumzug durch, „unmittelbar vor uns“, erinnert sich der Marktoberdorfer. „Das Gespann ist direkt auf uns zugekommen, Mann oh Mann“

Nach dem Zwischenfall wurden sämtliche weitere Feierlichkeiten aus Respekt vor den Verletzten eingestellt, die Allgäuer fuhren nach Hause. Die angespannte Stimmung sei ihm heute noch im Bewusstsein, erzählt er. Um rasch nach zuschieben, dass dies der Freundschaft keinster Weise einen Abbruch getan hätte. Eine Freundschaft, die auf offiziellen Besuchen, aber auch zahlreichen entstandenen persönlichen Kontakten fußt, und die der engagierte Marktoberdorfer deswegen gefestigt und auf einem guten, wenn auch nicht ganz leichten Weg in die Zukunft sieht.

Marktoberdorf hat viel zu bieten

Doch nicht nur Menschen, Landschaft und die auf einemRadio-Ratespielim Jahr 1980 beruhende Verbindung lohnen einen Besuch in der gut 18 000 Einwohner zählenden Stadt. Brauchtum wird ebenso groß geschrieben wie Veranstaltungen gepflegt, von der „Fasnacht“ zum Kräuterboschenbinden zur Romantischen Nacht im Schloss – ja, selbiges gibt es auch.

Und Georg Barnsteiners Lieblingsplatz in seiner Heimatstadt? „Oben auf der Buchel“, entfährt es ihm spontan. Der Blick aufs Städtle, die Landschaft – „immer wieder toll“, schwärmt er. Den aber muss man gesehen haben, mit Worten zu beschreiben ist er, wie manches zwischen Marktoberdorf und Waldmünchen, nicht.

Highlights für einen Marktoberdorf-Besuch

Museen:Stadtmuseum, Paul-Röder-Museum und Riesengebirgsmuseum sin in einem gemeinsamen Haus untergebracht.

Unterwelt:Unter dem Rathaus befindet sich ein Atombunker aus dem Kalten Krieg. Gymnasiasten haben dort eine spannende Ausstellung konzipiert.

Technik:Der Landmaschinenhersteller Fendt hat seinen Hauptsitz in Marktoberdorf und lädt große und kleine Fans in sein Besucherzentrum ein.

Hausberg:Die Buchel lohnt immer einen Abstecher, hat man von der Erhebung doch einen tollen Blick über Stadt und Alpenpanorama.

Gedenken:Der Friedhof ist parkähnlich schön angelegt,und birgt so manches Geheimnis. Beeindruckend ist der auswärts gelegene Pestfriedhof, der an die Toten der Jahre 1634 bis 1636 erinnert.

Ja-Wort:Gerne angenommen wird das Angebot, im historischen Hartmannhaus zu heiraten.

Stadtführungsqualitäten: Erst im Mai nahm der Marktoberdorfer Bürgermeister Wolfgang Hell eine Gruppe Waldmünchner am Pestfriedhof mit auf eine gleichermaßen spannende wie tragische Zeitreise ins 17. Jahrhundert.
Beeindruckend: Die Marktoberdorfer Alltags- (links) und eine Festtagstracht von 1852, zu finden im Heimatmuseum.
Besonderer Kalender: Wessen Hausnummer in der Kirche gesteckt war, der war vom Gottesdienstbesuch befreit.