Das Ende der klassischen Chemo: Krebsbehandlung wird maßgeschneidert

Von Isolde Stöcker-Gietl · 2. Februar 2023 um 05:00

Der Regensburger Krebsmediziner Prof. Olaf Ortmann spricht von rasanten Entwicklungen in der Krebsforschung. Immer genauer werden die Behandlungsmethoden, die auf die Eigenschaften eines Tumors abgestimmt sind. Vor allem im Frühstadium erhöhen sich damit die Heilungschancen deutlich.

Am Samstag ist Weltkrebstag. Gibt es gute Nachrichten für die Region?

Olaf Ortmann:Die vergangenen Jahre waren in der Krebsforschung herausragend, sowohl was neue Methoden in der Krebsmedizin aber insbesondere auch die Strukturentwicklung in Deutschland angeht. Für die Krebspatienten ist die Strukturentwicklung ein relevanter Faktor, denn es bedeutet Verbesserungen in der Krebsbehandlung vor Ort. Und hier haben wir in der Region sehr viel erreicht.

Was heißt das konkret?

Ortmann:Gemeinsam mit dem 1991 gegründeten Tumorzentrums Regensburg in der Folge der medizinischen Fakultät und dem Universitätsklinikum Regensburg ist ein großes universitäres Krebszentrum entstanden, das bereits früh eine vollumfängliche Versorgung im Blick hatte. Das University Cancer Center bildet die klinische Säule mit über 30 Kliniken und Instituten im Comprehensive Cancer Center (CCC). Für die Patienten bedeutet der CCC-Verbund Regensburg/Erlangen/Würzburg/Augsburg (WERA) als einer von 15 Standorten in Deutschland den Zugang zu hochinnovativer medizinischer Versorgung in klinischen Studien, der zweiten Säule. Die dritte Säule ist der sogenannte Outreach, das heißt, der Nutzen für die Region. Hier geht es darum, die hochinnovative Medizin in die Fläche zu bringen durch die Zusammenarbeit mit Kliniken und Praxen. Ziel ist die Vernetzung und Weiterqualifizierung, um eine möglichst wohnortnahe Versorgung der Patienten zu ermöglichen. Unser Einzugsgebiet reicht dabei von der nördlichen Oberpfalz bis nach Niederbayern an die tschechische Grenze im unteren bayerischen Wald.

Hat die sich stetig verbessernde Versorgung Auswirkungen auf die Sterblichkeit ?

Ortmann:Eine Studie, an der Regensburg beteiligt war, hat auf Basis von Routinedaten klinischer Krebsregister sehr gut gezeigt, dass Patientinnen und Patienten, die in zertifizierten Krebszentren behandelt werden, ein relevant besseres Überleben haben. Es reicht eben nicht in einer klinischen Studie zu zeigen, wie gut eine Therapie wirken kann. Dies muss auch unter Routinebedingungen gezeigt werden. Krebsmedizin muss umfänglich gedacht werden. Das heißt, wir wollen neue Behandlungsmethoden schnell in der Versorgung der Patienten einsetzen und umgekehrt aus der Versorgung lernen. Etwa indem Probleme, die sich in der Umsetzung von Therapien ergeben, weiter untersucht und gelöst werden. Durch den Ansatz „Wissen genieren durch Vernetzung“ lassen sich die Heilungsraten deutlich verbessern.

Wie können Patienten an innovative Therapien kommen und was raten Sie jenen, die sich nicht gut betreut fühlen?

Ortmann:So schnell, wie der Erkenntnisgewinn derzeit in der Krebsmedizin ist, ist es kein Wunder, dass sich nicht jeder Hausarzt und nicht jeder Facharzt mit spezifischen Fragestellungen gleich gut auskennt. Das Netzwerk der zertifizierten Krebszentren der Deutschen Krebsgesellschaft ist eine gute Adresse, um sich zu informieren. In der Region können sich Patienten an das CCC in Regensburg wenden, um sich etwa eine zweite Meinung einzuholen.

Wo sehen Sie die Krebsmedizin in zehn Jahren? Ist dann auch weit fortgeschrittener Krebs heilbar?

Ortmann:Bei metastasierten Krebserkrankungen wird das immer eine große Herausforderung bleiben. Aber wir lernen im Bereich der Spitzenforschung wie Veränderungen einer Krebserkrankung angreifbar werden. Wir lernen besser warum es passiert, welche Mechanismen zugrunde liegen und wie aufgrund dieser Erkenntnisse besser therapiert werden kann.

Was in den nächsten Jahren in den medikamentösen und Tumortherapien passieren wird, ist, dass wir durch das bessere Verständnis noch gezielter eingreifen können. Und zwar möglichst nebenwirkungsärmer. Die klassische Chemotherapie wird es so nicht mehr oder zumindest sehr viel weniger geben. Wir werden sehr viel stärker auf der Basis von Tumoreigenschaften zu behandeln. Neben dem medikamentösen wird sich auch der operative Ansatz verändern.Neben Stadium spielen Eigenschaften der Tumorerkrankung hier verstärkt eine Rolle. Erkrankungen derselben Tumorart mit unterschiedlichen Eigenschaften werden künftig unterschiedlich operativ behandelt. Ein personalisierter Ansatz also – in medikamentöser und operativer Behandlung bis hin zur Strahlentherapie.

Wie wichtig ist es, Patienten in die Therapie mit einzubeziehen?

Ortmann:Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Es gibt ja meist Alternativen bei den Vorgehensweisen. Aufgabe der Krebsmediziner ist es, die Möglichkeiten zu erläutern und Patienten mitentscheiden zu lassen. So können diese ein Gefühl dafür entwickeln, was für sie der bessere Weg ist. Bei den Patienten steigt die Motivation und aus meiner Sicht verbessert sich so auch das Therapieergebnis.

Vita:Prof. Olaf Ortmann ist Ordinarius des Lehrstuhls für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Universität Regensburg, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Caritas-Krankenhaus St. Josef und Ärztlicher Direktor.

Er fungiert im Bereich der Krebsmedizin als Mitglied des Strategiekreises der Nationalen Dekade gegen Krebs, als Vorstandsmitglied der Deutschen Krebsgesellschaft und ist Mitglied des CCC WERA Direktoriums..

Das Interview führte Isolde Stöcker-Gietl

Prof. Olaf Ortmann sieht die Vernetzung als wichtigen Baustein in der Therapie.