In Regensburg: Lustiges Opfern auf dem Altar der Wahrheit

Von Marianne Sperb · 29. Januar 2023 um 16:00

Kluger Text, formidables Ensemble, funkelnde Regie-Ideen: Andreas Merz-Raykov inszeniert die böse Komödie „Fräulein Agnes“ im Regensburger Antoniushaus.

Am liebsten hätte ich dem Dicken neben mir gesagt, er soll seinen Daunenmantel gefälligst draußen abgeben, bevor er im Antoniushaus Platz nimmt, und sich vor der nächsten Premiere den Knoblauch sparen. Fräulein Agnes hätte das getan. Die Kulturbloggerin – titelgebende Figur in der Inszenierung von Andreas Merz-Raykov am Theater Regensburg – sagt nämlich immer die Wahrheit, whatever it takes, egal, was es kostet.

Agnes hat alle satt: Die fettgefressenen Großschriftsteller, die den eigenen Mythos ausstellen. Die Kulturverwaltungstussen mit Nuller-Abi und Hai-Gebiss. Die Kunstsammler, nichts als lebensunfähige Lemuren. Die Künstler, stipendiumgepäppelte Parasiten. Minutenlang speit sie ihren Abscheu aus vor einer Höflichkeit, die die Beine breit macht für Falschheit, Ignoranz und Mimosentum. Freundin Fanny prophezeit ihr schon da, in der allerersten Szene: Die radikale Ehrlichkeit wird Agnes an einen dunklen Ort führen – ins soziale Abseits.

Keine Freunde: Takt und Ehrlichkeit

Rebekka Kricheldorf hat frei nach Molières „Menschenfeind“ ein kluges Stück über Wahrheit und Lüge geschrieben, klug auch deshalb, weil sie den Stoff ins Berlin der 1980er und in die Kulturszene verpflanzt. Denn wo würde mehr gerungen um Wahrheiten ausgerechnet mit den Mitteln von Illusion, Verstellung, Verkleidung, Werbung, Verführung, Camouflage und Täuschung, als auf der Bühne, in der Kunst?

Ausstatterin Veronika Bleffert platziert Agnes in einem Loft, das sie sparsam mit Sofa, Kühlschrank, Lampe und Pflanze möbliert. Hintergrund ist – eine überzeugende Idee – eine weiße Folie, die als hippe Halfpipe ebenso funktioniert wie als Altar, auf dem beide ihre Opfer fordern: Wahrheit und Lüge.

Zwischen den Worten „Bauchpinsel“ am unteren und „Wahrheit“ am oberen Bühnenrand entrollt sich eine wortgewaltig und bissig geführte Schlacht ums Rechthaben, um Moral, Selbstlüge und Eitelkeit, um Takt und Ehrlichkeit, die selten Freunde sind.

Lachen bis zum Asthma-Anfall

Ein formidables Ensemble spielt die acht Loft-Bewohner. Agnes (als herrlich unausstehliche Tugendterroristin: Katharina Solzbacher) stolziert in Unschuldsweiß herum und keilt sogar gegen Sohn Orlando (als unreifer, verkrachter Musiker im schrillen Outfit: Joscha Eißen), der nicht mal unfallfrei den Raum verlassen kann, aber erbarmungswürdig um Mutterliebe bettelt. Dafür päppelt Agnes ihren jungen Lover Sascha (als hohler, selbstverliebter Beau in Shorts und Bauchfrei-Shirt: Maximilian Herzogenrath), der hochfliegende Künstlerträume jagt. Zwei poppig aufgebretzelte Groupies himmeln ihn an: Annabelle (meistert ihren blitzartigen Einsatz für die erkrankte Natascha Weigang glänzend: Sophie Juliana Pollack) und Cordula (beherrscht das pseudointellektuelle Blabla bis hin zum Terrierkläffen: Lilly-Marie Vogler).

Elias und das Säckchen der magischen Dinge

Freundin Fanny (souverän als scheinbar geerdete frisch Getrennte: Silke Heise) verteidigt rücksichtsvolles Lügen als Kitt menschlichen Miteinanders. Agnes’ Ex Adrian (lacht sich so überzeugend in einen Asthma-Anfall, dass der Saal brüllt: Michael Haake) beteuert Werte wie Treue, nur um über die Nächstbeste herzufallen.

Elias schließlich (eine Schau als praktizierender Philosoph: Max Roenneberg) lässt sich fürs Einrennen offener Gedankentüren aushalten und hantiert – erst in Feinripp-Höschen, dann als buchstäblich nackte Wahrheit – mit einem „Säckchen magischer Dinge“.

Details sind zu dick aufgetragen

Das Publikum genießt das Gemetzel, darf in Schadenfreude baden, spendiert großzügig Szenenapplaus, skandiert mit. Ausstatterin Bleffert und Regisseur Merz-Raykov drehen kräftig an der Schraube, überdrehen auch. Details wie Orlandos pinke Perücke sind dick aufgetragen und warum die Figuren hysterisch dauerschreien, bleibt offen.

Anfangs blitzen vor allem die messerscharfen Wortduelle, später funkeln prächtige Regie-Ideen. Elias macht – zack – ein Pinselwisch zu Hitler, der im Stechschritt Silben abmarschiert. Viel Musik liefert Drive. Die relevanten Themen, für die die Egomanen blind sind, tippt ein Video an: Hunger, Krieg, Massentierhaltung, Vermüllung, ein Flüchtlingsboot rauschen vorbei. Am Ende versinkt das Loft im Chaos und einer wird ans Kreuz genagelt.

Eine Empfehlung – ungelogen

„Fräulein Agnes“ gibt keine Antworten. Festhalten kann man: Wir suchen die Wahrheit, aber wir brauchen die Illusion. Ob die Inszenierung eine Empfehlung wert ist? Ja! Ungelogen.

Fanny (Silke Heise) und Adrian (Michael Haake): nur scheinbar geerdet, nur scheinbar treu -Foto: Neumeier
Eine Schau als praktizierender Philosoph Elias: Max Roenneberg -Foto: Tom Neumeier
Im Berlin der 1980er: Groupie Cordula (rechts) und die Luft-Bewohner -Foto: Tom Neumeier