Neue Komödie am Theater Regensburg: Fräulein Agnes im Sumpf der Wahrheit

Von Marianne Sperb · 27. Januar 2023 um 11:00

Lieber radikal ehrlich sein oder rücksichtsvoll lügen? In dieser Zwickmühle trifft das Theaterpublikum im Regensburger Antoniushaus auf „Fräulein Agnes“. Mit Andreas Merz-Raykov inszeniert ein junger Star der Szene.

„Du sollst nicht lügen!“ Jürgen Schmieder, Bestseller-Autor aus dem Tirschenreuth, hat es ausprobiert. 40 Tage sagte er nichts als die Wahrheit. Das Ergebnis seines Selbstversuchs, das er in einem Buch schildert, war erheiternd bis erschreckend. Er bekam blaue Flecken, verbrachte Nächte auf der Couch und hörte öfter die Bezeichnung „Arrogantes Arschloch!“ .

Für Brad Blanton dagegen ist die Wahrheit eine Befreiung. Der Psychotherapeut aus den USA macht sich stark für radikale Ehrlichkeit und hat dazu sogar ein Institut gegründet, die Radical Honesty Enterprises. „Wir alle lügen wie verrückt”, sagt er. „Das zehrt an uns“, sei Hauptursache für allen Stress. „Es bringt uns um.“

Was die einen schmerzt, ist für die anderen lustig

Schonungslose Offenheit also oder rücksichtsvolle Lüge? In dieser Zwickmühle trifft das Publikum nun auf „Fräulein Agnes“. Premiere ist am Samstag im Antoniushaus.

Rebekka Kricheldorf, schwer angesagte Komödienautorin aus Berlin, nimmt als Folie den „Menschenfeind“ von Molière. Während der französische Philosoph seinem Alceste 1666 ein bedingungsloses Bekenntnis zur Wahrheit in den Mund legt, ist es in „Fräulein Agnes“ eine Kultur-Bloggerin (Katharina Solzbacher), die allen und jedem die Wahrheit zumutet, ungeachtet der Wunden, die sie schlägt – sofern es ihr passt jedenfalls.

Im Berlin der 1990er

Agnes’ junger Liebhaber Sascha (Maximilian Herzogenrath) etwa, der von Weltschmerz erfüllt ist, an seiner Künstlerkarriere bastelt und allerhand pseudointellektuelles, selbstverliebtes und hochtrabendes Blabla produziert, bleibt weitgehend ungeschoren. Wie man sehen kann: Nicht nur die Lüge ist Sumpfgebiet, auch die Wahrheit wartet mit gefährlichen Fallstricken auf.

Die bissigen Bloßstellungen sind für die Figuren schmerzhaft und für die Zuschauer lustig. Veronika Bleffert steckt die acht Menschen, die auf der Bühne ihre Egos ausführen, in poppige Kostüme und platziert sie in einer Altbauwohnung im Berlin der 1990er.

Da wird ausprobiert, nicht geübt

Der Stoff stößt auf Interesse. Bei der öffentlichen Probe und bei der Matinee, die Dramaturg Daniel Grünauer im Antoniushaus arrangiert hat, ist der Saal voller neugieriger Menschen. Sie lernen, wie viele Anläufe es brauchen kann, bis selbst eine winzige Szene, in der sich die Groupies Cordula (Lilly-Marie Vogler) und Annabelle (Natascha Weigang) aus der Hipster-Szene an Sascha ranschmeißen, ihre Form gefunden hat. Proben, das macht der Regisseur klar, ist kein Üben, sondern ein Ausprobieren.

Mit Andreas Merz-Raykov inszeniert im Antoniushaus ein junger Star der Szene. In München erlebte er den Theater-Aufbruch mit Christian Stückl, Dieter Dorn und Frank Baumbauer, an der Berliner Volksbühne assistierte er beim legendären Frank Castorf. Und dann? Lief er weit weg, aus dem Schatten des Meisters, bis an den Polarkreis, und inszenierte in einem Dutzend Sprachen, auch auf Rumänisch, Russisch, Hebräisch oder Farsi.

Halten wir die unverstellte Begegnung aus?

An „Fräulein Agnes“ interessiert den Regisseur vor allem die Frage: Wie weit ist eine Gesellschaft, die die Individualisierung feiert, bereit, sich auf andere einzulassen? Und: Halten wir es überhaupt aus, anderen ohne Maske zu begegnen?