Offensive für die Offenheit: Wie Bibliotheken den Abwärtstrend stoppen wollen

Gerade erst hat die Bibliothek in Cham ihre Präsenz aufgemöbelt und plant noch größere Schritte, um sich im Bewusstsein der Menschen festzusetzen. Es ist auch der Versuch, Negativ-Trends umzukehren. Noch sind Büchereien die meistgenutzten Kultureinrichtungen des Landes. Aber wie lang noch?
Das sagt Doris Glonegger, Leiterin der Landesfachstelle für das Bibliothekswesen in Regensburg. Sie hat das Chamer Büchereiteam beraten und ist auch bei Umplanungen bei den anderen Bibliotheken im Landkreis involviert. „Der Landkreis Cham macht uns da zurzeit viel Freude!“, sagt sie. Denn hier sei einiges in Bewegung. In Cham etwa, wo die Räumlichkeit wegen der fehlenden Barrierefreiheit nicht optimal sei, habe man sich dennoch entschlossen, einen Umbau anzupacken. Und es werde dort weiter an einem Weg zur Barrierefreiheit gesucht, auch wenn langfristig ein Umzug Richtung Stadtpark ins Auge gefasst werde. In Furth im Wald sei die große Lösung leider vom Stadtrat abgelehnt worden, um die Bibliothek besser aufzustellen. Doch auch dort sei ein Umzug geplant. Und auch in Bad Kötzting, wo die Fachstellenleiterin jetzt unterwegs sei, werde der Umzug der Bibliothek in Kombination mit dem Neubau des Parkhauses angepackt.
Weg vom Ausleihort
Das Ziel ist dabei klar. „Die Bibliothek ist heute nicht mehr der reine Ausleihort!“, so Doris Glonegger. Um deren Zukunft zu sichern, müsse sie künftig mehr bieten als nichtkommerzieller Treffpunkt und Kulturveranstalter. „Und nach Corona gilt es auch, die Menschen wieder aus dem Schneckenhaus rauszulocken“, sagt sie. Es soll ein offener, freier Raum für alle geschaffen werden, „auch für den, der kein Geld fürs Café hat.“ Das gehe auch weg vom alten Bibliotheksbild als Ruheort fürs Lesen, sondern es solle laute und leisere Aufenthaltsbereiche geben, doch insgesamt ein lebendiger Ort sein. In Cham sei im Obergeschoss der Ruhebereich zum Arbeiten und unten eher der lebendigere Teil mit dem Lesecafé.
„Wir sprechen da vom dritten Ort als Schlagwort“, erklärt die Fachfrau. Das bedeute, neben dem Wohnbereich und dem Arbeitsplatz einen dritten Ort zu etablieren, wo man gerne ist und viel Leben neben dem Lesen stattfindet. Viele Ideen für die Zukunft von Büchereien kämen dabei aus Skandinavien, wo etwa „Maker-Space-Zonen“ eingerichtet würden. Das beschreibe Erlebnisräume für Kinder und Jugendliche, wo praktische Dinge wie etwa das Programmieren von Robotern ausprobiert werden könnten, um dabei zu lernen und zu begeistern.
In der Oberpfalz gebe es bereits in Weiden oder auch in Bad Abbach die „Bibliothek der Dinge“. Dort könnten Nutzer Sachen ausleihen, die im Sinne der Nachhaltigkeit nicht jeder haben müsse, wie etwa eine Popcornmaschine oder eine Slackline.
Ab zwölf wird‘s schwierig
In Cham sind jetzt 85 Prozent der Bücherei erneuert, erläutert Bibliotheksleiterin Evi Fellner. Nur die stylischen und vor allem gemütlichen Sitzmöbel lassen auf sich warten, und die Bilder müssen noch an die Wände. Gemütlichkeit und damit mehr Aufenthaltsqualität will die Bücherei langfristig bieten. Wer auf den Bus warten muss oder noch eine halbe Stunde freie Zeit bis zum Arzttermin hat, dem soll bald unweigerlich die Bibliothek als Warteraum in den Sinn kommen, um Zeit in den Räumen der städtischen Bibliothek zu verbringen. Damit soll die Umkehr von dem gelingen, was bundesweit etwa bei Ausleihzahlen in öffentlichen Büchereien deutlich wird: Die Nutzerzahlen und die Ausleihen gehen zurück. Auch in Cham, zumindest bei bestimmten Ausleihformen. So sind etwa die Online-Ausleihen der Chamer, die in Coronazeiten einen Hype erlebten, auf dem Rückzug. Am Ende blieben für Cham noch relativ stabile Zahlen für 2022 übrig, mit gut 125000 Ausleihvorgängen.
Das ist für eine Stadt von der Größe Chams und einer Stadtbibliothek mit 750 Quadratmetern Nutzfläche ein respektables Ergebnis. Dennoch bleiben Wermutstropfen in mancherlei Sicht, die die Zukunft für solche Institutionen wie Büchereien kritisch werden lassen könnten.
So gibt es eine herausragende Problemgruppe: Die Kinder und Jugendlichen ab der fünften Klasse. Es gebe zwar eine intensive Zusammenarbeit mit den Schulen, die gut funktioniere, so Fellner, doch nach der vierten Klasse fällt das Interesse am Lesen rapide ab.
Wobei jüngste Studien vom November 2022 schon vor der vierten Klasse bundesweit gravierende Lesedefizite bei Grundschülern festgestellt haben. Nur noch in drei Bundesländern, darunter Bayern, erreichten die Schüler einen akzeptablen Regelstandard. Auf die aufgedeckten Leseschwächen weist auch Doris Glonegger hin und die daraus erwachsene Notwendigkeit von Bibliotheken: „In der Schule müssen die Kinder lesen – in der Bücherei finden sie das, was Spaß macht!“ Die „coole“ Bibliothek – mit einem eigenen Bereich für Jugendliche mit entsprechender Möblierung und den angesagten Büchern – sei hier ein Ziel.
Das Handy und seine Folgen vermutet Evi Fellner hinter dem Abwärtstrend nach der vierten Klasse. Hier den Schlüssel zu finden, um attraktiver für diese Altersgruppen zu werden, das sei vielerorts gefragt. „Oft kommen sie erst wieder, wenn sie selber Kinder haben!“, so Evi Fellner. Das bestätigt auch ihre Kollegin in der Leitung der Bücherei, Edith Schuhbauer. Ab etwa zwölf Jahren entstehe die Lücke. Und beide stellen für die Bibliotheken in bisheriger Form fest: „Die Boomzeiten sind vorbei!“
Und sie erwarten langfristig Rückgänge bei den Ausleihen. Zum einen wegen der Vielfalt der Angebote und Medien, die heute nutzbar sind, zum anderen, weil die Menschen immer weniger Zeit hätten und das Lesen, vor allem von Büchern, damit unter den Tisch fallen würde. „Das merken wir schon und zeichnet sich als Trend ab“ , so Evi Fellner.
Die Bücher sollen deshalb künftig nur ein Baustein für den Treffpunkt Bibliothek sein, der zum Kaffee einlädt, zum Lesen der Zeitung, zum Aufwärmen oder als Arbeitsplatzangebot für die, die etwa keinen PC zu Hause haben. Die gebe es auch in Cham, sagt Evi Fellner aus Erfahrung. Und in der Voraussicht auf die wachsende Popularität des Technologie Campus in Cham könnte die Bücherei auch Anlaufpunkt für Studenten werden.
Raum, Ausstattung und Ausleihe in Cham
Möbel:Ende Februar soll in Cham die Gemütlichkeit einziehen: Dann kommen die neuen Möbel. Jede Zielgruppe hat nun einen eigene Zone zum Wohlfühlen, dazu gibt es ein Lesecafé.
Medien:Gut 28000 Medien hat die Chamer Bücherei. 2022 wurden allein über 4000 neu angeschafft und ältere ausgesondert. Ausleihen wurden gut 125000 gezählt, 87 pro Öffnungsstunde.
Rückgang:Während der Bereich Kinder- und Jugendbuch mit 35 Prozent der Ausleihen gut da steht, gehen andere Bereiche zurück. Besonders die Onleihe ist um 22 Prozent zu 2021 eingebrochen.
Zukunft:Bibliotheken sollen offene Treffpunkte für jeden mit Buch und mehr werden. Büchereien sind die am meisten frequentierten Kulturorte im Land – um das zu erhalten, sind neue Konzepte nötig.