Fahrlässige Tötung im Einsatz? Polizei durchsucht Feuerwehren im Kreis Regensburg

Von André Baumgarten · 10. Januar 2023 um 18:29

Hausdurchsuchungen bei der Feuerwehr sorgen für Kritik. Ehrenamtliche stehen am Pranger, sagt der Lappersdorfer Bürgermeister Christian Hauner. Der Anwalt eines Beschuldigten prüft rechtliche Schritte gegen die Staatsanwaltschaft.

Ermittlungen gegen acht Feuerwehrleute aus der Region schlagen hohe Wellen. Das ist geschehen: Bei einen Drehleitereinsatz starb am 29. Juli eine 75-Jährige. Fünfeinhalb Monate später durchsuchte die Polizei zwei Feuerwehr- und zwei Privathäuser.Laut Staatsanwaltschaft Regensburg geht es um fahrlässige Tötung. Lappersdorfs Bürgermeister Christian Hauner sieht die Ehrenamtlichen unnötig an den Pranger gestellt. Strafverteidiger Jörg Meyer, der eines Beschuldigten vertritt, übt schwere Kritik am Vorgehen der Ermittlungsbehörden. „Uns wird bis heute Akteneinsicht verweigert.“

Frau stürzte etwa fünf Meter tief ab

An jenem Freitag Ende Juli wurden die Einsatzkräfte nicht zum ersten Mal zu der Adresse in Riegling gerufen: Die Feuerwehr hatte die 75-Jährige bereits mehrfach gerettet, weil sie ins Krankenhaus sollte. Ein Transport durch das Treppenhaus war jedoch aufgrund starken Übergewichts nicht möglich. Das erklärte die Staatsanwaltschaft bereits damals. Der Versuch, die Frau mit der Drehleiter aus ihrer Dachgeschosswohnung zu heben, endete jedoch tragisch: Die 75-Jährige rutschte aus der Trage, stürzte rund fünf Meter ab. Für die Frau kam jede Hilfe zu spät. Sie starb noch am Einsatzort.

Wie die Staatsanwaltschaft gestern bekannt gab, liegt ein Gutachten zum Unfallhergang vor. Der technische Sachverständige der Dekra hatte sich an jenem Abend selbst ein Bild vor Ort gemacht. Zudem sei vorhandenes Video- und Bildmaterial ausgewertet worden. Der Gutachter kommt zu dem Schluss, dass bei dem Einsatz offenbar Fehler passierten: Die Seniorin soll falsch herum auf der Seilkorbtrage gelegen haben. Zudem sollen die vier Sicherungsgurte nicht benutzt worden sein. Daraus ergibt sich laut Staatsanwaltschaft der Anfangsverdacht von fahrlässiger Tötung gegen acht beteiligte Feuerwehrangehörige.

Anwalt: Details nur aus Presse bekannt

„Es ist ein Unding, dass ich aus der Presse von einem Gutachten erfahren muss, das ein angebliches Fehlverhalten belegen soll“, betonte Anwalt Meyer. Hier würden Beschuldigtenrechte mit Füßen getreten. „Mangels Akteneinsicht können wir uns gegen Vorwürfe aus der Pressemitteilung nicht wehren.“ Wie Meyer betonte, habe sein Mandantwährend des Einsatzes die Polizei informiert und das Ganze selbst angestoßen.

Eine Kooperation mit den Ermittlungsbehörden sei zu keinem Zeitpunkt abgelehnt worden. Bei der Durchsuchung haben die Ermittler aus seiner Sicht übertrieben. „Warum so viele Einsatzkräfte frühmorgens bei einer Familie mit kleinen Kindern vor der Tür stehen müssen, erschließt sich mir nicht“, sagte Meyer. Die gesuchten Unterlagen hätten seit dem Unfalltag bereit gelegen, „aber es hat sich sechs Monate lang niemand dafür interessiert.“ Dass die Staatsanwaltschaft selbst an die Öffentlichkeit gehe, halte er für maßlos übertrieben. „Es sieht so aus, als sollen ehrenamtliche Helfer einfach bloßgestellt werden.“ Eine rechtliche Prüfung behalte er sich daher vor.

Stehen Aktive mit einem Bein im Gefängnis?

Auch Bürgermeister Christian Hauner reagierte fassungslos. Er sei kurz vor 6 Uhr morgens angerufen worden, dass er zum Feuerwehrhaus kommen müsse. Bei der gut zweistündigen Durchsuchung seien Unterlagen, Dienstbücher und Daten vom Computer sichergestellt worden. „Die Ermittlungen ziehen sich mittlerweile seit einem halben Jahr hin“, sagte er.Auch die Aktiven kämpften mit den Folgen des dramatischen Unfalls. Jetzt stünden sie im Fokus der Kripo und es würden Häuser durchsucht. „So werden die freiwilligen Helfer doch an den Pranger gestellt“, erklärte Hauner.

Der Rathauschef befürchtet, dass immer weniger Menschen bereit sein werden, sich ehrenamtlich zu engagieren. „Wer geht zur Feuerwehr, wenn er mit einem Bein im Gefängnis steht“, sagte Hauner. Er würde sich wünschen, dass wirklich alle die Feuerwehrleute mehr in Schutz nähmen. Womit er die tragischen Folgen des Einsatzes in keinster Weise kleinreden will, wie der Bürgermeister betonte. Die Gemeinde unterstütze die Aktiven nach ganzen Kräften. „Und wir hoffen auf einen guten Ausgang.“

Hilfe bot auch der Landesfeuerwehrverband Bayern an. „Sollte es zu einem Verfahren vor Gericht kommen, haben wir natürlich eine Rechtsschutzversicherung“, so LFV-Geschäftsführer Uwe Peetz. Einen vergleichbaren Fall, wo gegen freiwillige Feuerwehrleute ermittelt wurde, kenne er nicht. „Das ist in den 15 Jahren, die ich das mache, das erste Mal.“ Polizei und Staatsanwaltschaft seien aber verpflichtet, die Hintergründe aufzuklären. „Das ist, denke ich, normal.“ Ob auch Durchsuchungen nötig seien, wollte er nicht beurteilen oder kommentieren.

Zweifel am Gutachter?

Der Gutachter erhebt letztlich schwere Vorwürfe zu dem Einsatz in Riegling: Die Seniorin soll nicht mit Gurten der Trage gesichert gewesen sein. Dem widersprechen aber wohl mehrere Zeugen. „Ich kann mir das wirklich nicht vorstellen, dass man sowas vergisst oder nicht macht“, sagte LFV-Geschäftsführer Peetz. Er appelliert aber an alle, den Abschluss des laufenden Ermittlungsverfahrens erst einmal abzuwarten.

In Feuerwehrkreisen scheint es jedenfalls erhebliche Zweifel an der Einschätzung des technischen Sachverständigen zu geben. Bewerten muss das am Ende die Staatsanwaltschaft oder ein Gericht. Ungeachtet dessen aber birgt der Fall auch politisch Sprengstoff.