Wahlkrimi spaltet die Freien Wähler in Cham

Als der Kreisverband der Freien Wähler am Montag um 19.45 Uhr mit 116 Wahlberechtigten die Nominierungsversammlung für seine Direktkandidaten für Landtag und Bezirkstag eröffnet, scheint die Welt der Vorzeige-Nicht-Partei noch in Ordnung. Als die Turmuhr der Jakobskirche Mitternacht schlägt, ist der Verband tief gespalten.
Stellvertretender Kreisvorsitzender Hans Kraus spricht zur Begrüßung von einer „sicherlich historischen Versammlung“. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, weshalb er recht haben sollte. „Die Krisen der Zeit rufen förmlich nach den Alternativen in der Politik“, so Kraus. Robert Riedl sei nicht an seinem Sessel geklebt, sondern habe der jungen Generation das Feld der Landespolitik überlassen, lobt er und deutete den starken Besuch der Versammlung als Aufbruchstimmung.
Kraus schlägt kurz darauf den Chamer Kreisvorsitzenden Christian Schindler als Landtagsdirektkandidaten vor. MdL Robert Riedl wünscht als Gegenkandidaten seinen Bad Kötztinger Büroleiter Julian Preidl.
Preidls glanzvolle Show
Preidl hat eine glanzvolle Beamer-Show aufgebaut. Minutenlang lässt er sich von fünf verschiedenen Landtagsabgeordneten aus weit entfernten Wahlkreisen als den geeigneten Nachfolger seines Mentors Robert Riedl und Hoffnungsträger der Partei anpreisen.
Preidl fordert, den besseren Kandidaten zu wählen, um die Zukunft des Landkreises zu wahren. Er lässt auch keinen Zweifel daran, dass er sich selbst dafür hält. Er habe als Student der Politikwissenschaften eine fundierte Ausbildung und als Büroleiter von MdL Robert Riedl tiefe Einblicke gewonnen in die Abläufe im Landtag. „Ich könnte morgen übernehmen, ohne jede Einarbeitungszeit“, so Preidl, der immer wieder gezielte Nadelstiche gegen seinen Mitkandidaten und Kreisvorsitzenden setzt. Unter anderem erklärt er der Versammlung, er habe erfolgreich und ehrenamtlich immer wieder mit guten Kampagnen zum Erfolg der Partei beigetragen. Dabei erwähnt er ausdrücklich auch die Bundestagswahl, bei der Schindler das höchste Ergebnis eines Freien Wählers in der Republik erzielt hatte.
„Der Landkreis braucht einen Kandidaten mit Praxiswissen und einem großen Netzwerk. Ich bringe das mit“, erklärt Preidl. Dazu lässt er immer wieder den Buchstaben „P“ auf der Leinwand verschwinden und wechselt das verbleibende „reidl“ auf „Riedl“. Eine Show, die seinen Mentor Robert Riedl völlig überzeugt: „Allein daran sieht man doch schon, wer der richtige Kandidat ist“, äußert er am Pressetisch.
Christian Schindler verfolgt die Anspielungen Preidls mit versteinerter Miene und applaudiert nach dessen Rede. Anschließend liefert er den kompletten Gegenentwurf für einen Kandidaten. Er beschränkt sich auf eine Themenliste, nimmt keinerlei Bezug auf den Mitbewerber. „Ich will die Bürger dieser Region vertreten.“ Dieser Gedanke habe ihn schon getragen, als er bei der Bundestagswahl ein hervorragendes Ergebnis erzielt habe. Die Erfolge der vergangenen Jahre gelte es nun zu festigen. Schindler fordert die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Der ländliche Raum biete enormes Entwicklungspotenzial, brauche aber auch eine flächendeckende medizinische Versorgung. Straßen- und Schienennetz müssten im Landkreis weiter ausgebaut und die Ausschreibungszeiten wesentlich verkürzt werden. Dazu brauche es eine lückenlose Energieversorgung.
Schindler fordert den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke und die Abschaffung der Abstandsregelung für Windkraft. Photovoltaik gehöre in erster Linie auf die Dächer. Flächenphotovoltaik müsse regionale Wertschöpfung zum Ziel haben. Für den Umbruch im Verkehr brauche es dringend die Infrastruktur.
Schindler, der anfangs ziemlich angespannt wirkt, zieht seine Linie samt Prioritätenliste durch. Während Preidl die Redezeit mit 19 Minuten und 15 Sekunden professionell ausgereizt hat, beendet Schindler nach elf Minuten seine Vorstellung: „Ihr wisst, was ihr bekommt, wenn ihr mich bestellt. Die Freien Wähler setzen mit den beiden Kandidaten ein Ausrufezeichen bei jungen Menschen. Wir reden nicht nur über die Jugend, sondern mit ihr. So einen Besuch wie heute habe ich noch nie erlebt. Ich bin stolz, euer Kreisvorsitzender zu sein“, so Schindler.
Krimi in zwei Wahlgängen
Die 116 Stimmberechtigten werden alphabetisch zur Wahlurne nach vorne gebeten. Der Sieger im ersten Wahlgang hätte mindestens 59 Stimmen gebraucht (50 Prozent plus x). Nach der Auszählung der Stimmen kommt es zu längeren Debatten im Wahlvorstand. Anschließend wird noch einmal nachgezählt. Neue Debatten. Wahlleiter Andreas Staufenbiel verkündet anschließend 57 Stimmen für Julian Preidl und 54 Stimmen für Christian Schindler. Wegen fünf ungültiger Stimmen kommt es zum zweiten Wahlgang.
Hier bekommt Christian Schindler 54 und Julian Preidl 62 Stimmen. Im Preidl-Lager brandet frenetischer Jubel auf, MdL Riedl umarmt Preidl und Gegenkandidat Schindler kann erst nach einem ausgelassenen Siegertänzchen gratulieren.
Schon im Vorfeld hatte der Bereich Bad Kötzting versucht, durch eine Neumitgliederwerbung sich Vorteile für seinen Kandidaten Preidl zuverschaffen (wir berichteten). Deswegen war die blockartige Abstimmung zunächst keine Überraschung. Die eigentliche Spaltung wurde aber erst in der Abstimmung über den Bezirkstagskandidaten deutlich.
Überraschungsattacke misslingt
Es soll eine Überraschungs-Attacke werden. Doch diesmal hat sich MdL Robert Riedl bei den Freien Wählern verzockt und unterliegt mit seiner Kandidatur um das Direktmandat Dr. Herbert Weidacher.
Auch die Bezirkstagskandidaten müssen in geheimer Wahl ermittelt werden. Stellvertretender Kreisvorsitzender Hans Kraus schlägt Dr. Weidacher vor. Der Bad Kötztinger Bürgermeister Markus Hofmann schlägt MdL Robert Riedl vor. Erst Schweigen im Saal, dann aufgebrachtes Gemurmel.
Riedl erklärt in seiner Vorstellung, er habe es sich doch anders überlegt und wolle nicht komplett in den politischen Ruhestand treten. Im Bezirkstag kenne er sich gut aus. „Ich werde das mit voller Inbrunst machen und alle Möglichkeiten für den Landkreis ausloten“, verspricht er.
Dr. Herbert Weidacher bezeichnet sich als Nicht-Vollblutpolitiker. Aber als Urologe sei er im Bezirkstag mit seinen medizinischen und sozialen Themen ganz gut aufgehoben. „Ich habe mich bereiterklärt, weil ich dafür zwar nicht die totale politische Qualifikation habe, aber die menschliche. Ich war oft als Kandidat ein Lückenbüßer, aber immer der Beste von denen, die es nicht geschafft haben. Warum sollte ich es also nicht noch einmal versuchen?“
Nach Auszählung des ersten Wahlganges werden 109 Stimmen abgegeben. Weil aber zwei Stimmen ungültig sind, entfallen 54 Stimmen auf Dr. Weidacher und 53 Stimmen auf Robert Riedl. Dadurch hat erneut keiner der beiden Kandidaten die 50 Prozent plus x erreicht und es wird ein zweiter Wahlgang notwendig.
In diesem Wahlgang werden 106 Stimmen abgegeben: 50 Stimmen für Robert Riedl, 55 Stimmen für Herbert Weidacher, eine Stimme.

