NS-Geschichte in Regensburg: Ein Koffer voll dunkler Geschichte

Von Christian Eckl · 2. Januar 2023 um 17:00

Hunderte Regensburger Juden fielen dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer. Widerstand gab es kaum. Als die Juden deportiert wurden, waren es die Nachbarn, die man abholte. Ein Stück Geschichte, das dieses dunkelste Kapitel in Regensburg anfassbar macht, wurde im Sommer an das Regensburger Stadtarchiv gegeben.

Der Koffer und vor allem sein Inhalt dokumentiert die Geschichte der Regensburger Familie Brandis, die 1942 deportiert und ermordet wurde. Geblieben ist nur der Koffer, der jahrzehntelang in Hauzenberg in Niederbayern aufbewahrt wurde.

Erinnerungen in Briefen

„Wir haben den Koffer immer wieder hervorgeholt, um Erinnerungsstücke darin zu betrachten“, erzählte Jutta Holzinger bei der Übergabe des Koffers an das Stadtarchiv im Sommer. Ihre Vorfahrin Fanny Hartl hatte jahrelang bei der Familie Brandis in Regensburg gearbeitet. Nach der Ermordung kam der Koffer und mit ihm Briefe, Fotos und Erinnerungsstücke in ihren Besitz.

Lorenz Baibl ist Leiter des Regensburger Stadtarchives, das den Koffer zur Aufbewahrung und wissenschaftlichen Auswertung erhalten hat. „Wir haben den Inhalt des Koffers inzwischen fachgerecht umgepackt und verzeichnet“, erzählt der oberste Archivar der Stadt. „Er bildet jetzt den Archivbestand Nachlass Brandis-Holzinger“, so Baibl weiter. Das Findbuch sei auch bereits über das Online-Portal des Archivs einsehbar, „so dass die Unterlagen für die Forschung bereits benutzbar sind“. Eine Digitalisierung ist ebenfalls beabsichtigt – hierfür steht aber aktuell noch kein Zeitplan fest.

Baibl sagt aber auch: „Eine wissenschaftliche Auswertung des Koffers wäre wünschenswert.“ Der Entdecker des Koffers, also der Journalist Thomas Muggenthaler, habe selbst Interesse angemeldet, die damit zusammenhängende Familiengeschichte nochmals intensiver zu erforschen. Zum Einsatz kommt der Koffer aber bereits in der Archivpädagogik. „Einige Schüler und Schülerinnen werden sich im Rahmen eines Seminars mit Unterlagen aus dem Koffer intensiver beschäftigen“, erzählt Baibl. Außerdem wurden für die aktuell laufende Gedenkausstellung „Vergesst uns nicht!“ am Gleis 1 am Regensburger Hauptbahnhof Materialien aus dem Koffer verwendet, unter anderem Fotos, die in dem Koffer der Familie Brandis gefunden wurde.

Stück gelebter Geschichte

„Es ist also bereits einiges passiert – aber da kommt sicherlich noch mehr“, schließt Baibl freudig.

Der Stadt Regensburg ist mit dem Koffer ein Stück gelebte Geschichte des Holocaust übergeben worden. Die Stücke aus dem Koffer und dieser selbst erinnert auch heute noch daran: Es waren ganz normale Regensburger, die dem Rassenwahn zum Opfer fielen.

Die Porträt-Bilder aus dem Koffer zeigen die Familienmitglieder Brandis aus Regensburg.
Der Koffer der Familie Brandis gibt Einblicke in die Familiengeschichte – und in die schreckliche Deportation.
Bildtafeln in der Ausstellung am Hauptbahnhof beschreiben das kurze Leben von Charlotte Brandis. -Foto: Michael Scheiner