Ben Stock aus Teublitz ist im falschen Körper geboren – und ministriert in der Kirche

Ben Stock (19) aus Teublitz (Landkreis Schwandorf) ist als Mädchen zur Welt gekommen, hat aber nie in das Klischee eines Mädchens gepasst. Statt rosa Kleidern und langer Mähne trug er schon als Kind lieber kurze Haare und ein Wilde-Kerle-T-Shirt. Heute wartet er sehnlichst darauf, äußerlich so auszusehen, wie er sich innerlich auch fühlt: männlich.
Mit sechs Jahren spielte Ben bereits Fußball. Heute bezieht sich seine Sportbegeisterung vor allem auf Motorcross und Airsoft – letzteres ist so etwas wie Paintball nur ohne Farbe und mehr am Militär orientiert, berichtet er begeistert. Außerdem ist er Anime-Fan.
„Ich habe weder zu Jungs noch zu Mädchen gepasst“, erzählt Ben. Schon mit zwölf Jahren, als auf seinem Ausweis noch weiblich stand, merkte er, dass irgendetwas anders ist. Nur die Erklärung für dieses Gefühl habe ihm noch gefehlt. Der Zeitraum, bis er den Mut fasste und seinen Eltern davon erzählte, zog sich über Jahre. Diese Zeit habe sich angefühlt wie eine Depression, erinnert sich der 19-Jährige. „Man hat einfach immer ein negatives Gefühl in sich.“ Vor allem dann, wenn Ben mit seinem früheren Mädchennamen angesprochen wurde: „Das hat einfach nicht zu meinem Empfinden gepasst.“
Mit 17 schrieb er seinen Eltern schließlich einen Brief. Er war nur fünf Zeilen lang. In diesem versuchte er ihnen zunächst näher zu bringen, was „trans sein“ überhaupt bedeutet. Entscheidend war aber ein Bild, dass der leidenschaftliche Zeichner unter seine Worte malte. Es war ein Gesicht mit kurzen Haaren – Ben selbst. Darüber stand „Ich bin trans“ in den Farben der Transgender-Flagge. Warum genau diese Farben? „Blau und rosa stehen für die Umwandlung von Mann zu Frau. Weiß ist für Menschen, die sich keinem oder beiden Geschlechtern zugehörig fühlen. Rosa und blau entsprechen meiner Umwandlung von Frau zu Mann“, erklärt Ben.
Eltern haben nichts geahnt
Seine Eltern hätten „ganz gut“ reagiert, sagt Ben stolz. Weder sein Vater noch seine Mutter hätten etwas geahnt. „Sie dachten eher ich bin lesbisch als schwul“, berichtet Ben. Seine Eltern hätten aber gleich betont, sie würden alles unterstützen, was ihn glücklich mache.
In diesem Fall war das zunächst seine Namens- und Pronomenänderung. 2020 beantragte er diese beim Amtsgericht. Im Februar 2021 kam dann die Bestätigung: Auf dem Papier war er nun kein Mädchen mehr, sondern endlich Ben – er selbst. „Die Leute sehen die Person, die ich bin“, freut er sich.
Bis es zu diesem „Befreiungsschlag“ kam, musste Ben zu zwei Gutachtern und Psychologen, damit die Umwandlung vor Gericht bestätigt wird. 5000 Euro musste er dafür aufbringen. Mit der Änderung aller Unterlagen wie Ausweis, Versicherung, Führerschein werde man allein gelassen. „Vielleicht habe ich sogar irgendwo vergessen, den Namen zu ändern“, sagt Ben.
Mitten im Trubel lernte Ben Julian kennen – auf Tinder. „Ich hätte nicht gedacht, dass das passt“, erzählt Ben lachend. Denn als erstes Date war eine 16 Kilometer lange Wanderung geplant. Julian habe Ben als Jungen kennengelernt – daran ändere auch sein Geburtsgeschlecht nichts. Ben und der Niederbayer sind nun seit fast zwei Jahren zusammen. Mit ihm verbringe er eigentlich jedes Wochenende. Unter der Woche ist Ben mit Schule beschäftigt – auf der FOS steht er kurz vor dem Abschluss. Zweimal die Woche arbeitet er als Laborant für Mikrobiologie. Später möchte er in Regensburg Biochemie studieren. Sein Terminkalender ist also voll, weshalb er kaum noch Zeit für seinen Ministranten-Dienst findet, den er seit knapp zehn Jahren ausübt.
Seit sechs Monaten bekommt Ben Testosteron-Spritzen
Die teilweise konservativen Ansichten von Kirchenvertretern seien ihm egal, solange sie ihn nicht persönlich diskriminieren.Mit Pfarrer Hirmerhätten sie in Teublitz einen sehr offenen Geistlichen, findet Ben. Für die Mini-Dienste, die er nicht wahrnehmen kann, lässt Ben einfach seinen zwölfjährigen Bruder einspringen.
Seit sechs Monaten kriegt Ben nun Testosteron-Spritzen. Durch die Hormone bekomme man mehr Haarwuchs, einen sichtbareren Kehlkopf sowie markantere Gesichtszüge. Auch die Stimme werde tiefer, berichtet der 19-Jährige. Seine Umwandlung sei aber noch lange nicht komplett. „Als Trans-Person muss man leider geduldig sein“, so Ben. Er habe bereits weitere Operationen beantragt. Ben warte „sehsüchtig auf die Mastektomie“ – eine Verkleinerung der Brust. Die Krankenkasse übernehme allerdings nur die grundlegende Operation. Zusätzliche Verschönerungen, damit der Brustkorb zum Beispiel auch männlich aussieht, müsse man selbst bezahlen. Das nehme Ben aber auf sich, denn „mein Körper sieht noch nicht so aus, wie ich ihn gerne hätte“. Er freue sich, wenn er beim Schwimmen gehen mal kein T-Shirt mehr tragen und komische Blicke ertragen müsse.
Trans auf dem Land
Ist er auch unangenehmen Blicken ausgesetzt, wenn er durch Teublitz läuft? „Ich bin meistens drinnen“, scherzt er. Dass er auf dem Land lebt, hält er aber gar nicht für einen großen Nachteil. „Es weiß jeder, aber keiner spricht dich darauf an.“ In der Großstadt dagegen seien Ben und Julian schon öfter beschimpft worden, weil sie Händchen hielten. Auf seinem Weg zum richtigen Geschlecht habe Ben auch Freunde verloren, die damit nicht zurecht kamen. Und die Verwandtschaft? „Ich nehme es meiner Oma nicht übel, wenn sie mich mal ausversehen Enkelin nennt“, sagt Ben schmunzelnd.
Wie blickt Ben auf Debatten in der Gesellschaft? Auf der einen Seite befürwortet Ben Aktionen wie den Christopher-Street-Day oder die Idee, geschlechtsneutrale Toiletten zu etablieren: „Leute, die sich nicht sicher sind, können diese Toilette nutzen, ohne sich einem Geschlecht unterzuordnen“, findet er. Vom Gendern hält er allerdings nicht so viel. „Ich bin kein komplizierter Mensch.“
Er bevorzuge deshalb geschlechtsneutrale Begriffe, statt umständlicher Sternchen. Generell finde er aber, dass sich die Menschen noch mehr über Geschlechtsumwandlungen oder sexuelle Orientierungen informieren müssten.
