Jamal Measara: Sieben Bücher und ein Leben für die Kampfkunst
Seit Jahrzehnten unterrichtet der gebürtige Malaysier Jamal Measara alte japanischeKampfsportarten. Für ihn bedeuten sie weit mehr als Sport: Die Tradition der Kampfkünste samt der nötigen Selbstbeherrschung und Disziplin sind seine Lebenseinstellung.
Um sie zu vermitteln und zu erhalten, reist Measara seit Jahren um die Welt: Er hat Verbände und Kampfschulen gegründet, hält Trainingseinheiten und Seminare, bildet Sondereinheiten von Polizei und Militär aus und schreibt Bücher.
Ellenlang ist die Liste seiner Titel und Auszeichnungen. Hochqualifiziert ist er mit dem 7. Dan in Aikido, und dem 9. Dan in Karate und Kobudo. Zur Einordnung: Den 10. Dan tragen nur ein paar Menschen auf der Welt, mitunter wird er erst posthum verliehen.
Der Meister bleibt Schüler
Jamal Measara ist bei alledem selbstreflektiert und bescheiden geblieben. Den vom deutschen Karateverband angebotenen 9. Dan nahm er erst an, als sein japanischer Lehrmeister einverstanden war. Der Respekt vor Tradition und Lehrmeistern ist ihm wichtig. „Ich bezeichne mich noch immer als Schüler, nicht als Großmeister“ sagt er in seinem Büro in der Budo-Akademie. „Wer von sich denkt er ist ein Meister, der hört auf zu lernen.“ Dabei treibt ihn genau das Lernen an – in der Kampfkunst und im Leben. Aber auch, sein Wissen weiterzugeben und zu unterrichten.
1982 kam er nach Kelheim, heiratete seine Frau Heidi und eröffnete mit ihr die Budo-Akademie. Aber noch heute reist er nach Japan, um bei Lehrmeistern zu trainieren, und hat sein eigenes Wissen in mehr als 25 Länder getragen – so vor kurzem nach Dubai, bei einem Seminar für 550 Teilnehmer; jetzt hat er eine Einladung für Kongo erhalten. In Sachsen bildet er das SEK der Polizei aus.
Über Kobudo hat er ein neues, sein siebtes Buch verfasst: „Kobu-Jutsu“. Sechs Jahre hat er daran gearbeitet. Mehrmals war er dafür in Japan, „um dort zu lernen und zu forschen“. Kobudo ist die Kunst, mit Waffen zu kämpfen – anders als zum Beispiel Karate, wo keine Waffen eingesetzt werden.
Verteidigen mit Alltagswerkzeug
Kobudo ist im 16. Jahrhundert in Japan, auf Okinawa entstanden. Die Leute, meist einfache Bauern, hatten keine Waffen oder durften keine tragen. Um sich gegen die Gewalt von Besatzern zu wehren, nahmen sie Werkzeuge aus Feldarbeit und Handwerk. So wird im Kobudo heute noch mit einem einfachen Stock, einer Feldhacke, einer Sichel und dem Paddel eines Fischers gekämpft. Das Nunchaku ist ein kurzer Dreschflegel; der polizeiliche Schlagstock wurde nach einem Tonfa, dem Griff eines Mühlsteins, konzipiert.
Measara verknüpft auch Tradition und Gegenwart. Zwei Walkingstöcke können zur Waffe werden, wenn man unterwegs angegriffen wird: Er zeigt blitzschnelle Abwehrtechniken und Drehungen, denen kraftvolle Stöße folgen.
So sicher, schnell und effektiv reagiert nur, wer ein Leben lang hart trainiert. „Disziplin ist das A und O“, sagt Measara, der täglich um sechs Uhr aufsteht und trainiert. Jenseits der Siebzig, ist er topfit. „Ich will meinen Schülern ein Vorbild sein. Ich kann keine Selbstdisziplin und hartes Training verlangen, wenn ich selbst einen dicken Bauch habe.“ Für ihn ist „das Wichtigste in der Kampfkunst der Nutzen für die Gesundheit. Und sie stärkt das Selbstvertrauen.“
Respekt vor Anderen
In seiner Jugend hat Jamal Measara auch geboxt; in den 1970er Jahren hat er Muhamed Ali kennen gelernt. Er zeigt ein Autogramm, das er von Ali bekommen hat. So hart Measara im Training zu sich selbst und so fordernd er zu seinen Schülern ist, so höflich und achtsam ist er als Mensch. Die Katze, die gerade auf seinem Bürosessel schläft, will er nicht stören – er holt sich einen Stuhl und setzt sich vorsichtig daneben.
„Es kommen jeden Tag Katzen aus der Nachbarschaft“, erklärt er lachend den Besuch. Die Katzen schätzen offenkundig, dass sie bei ihm gefüttert und gestreichelt werden – und im Sessel eines Großmeisters schlafen dürfen.
Info:
Das Buch „Kobu-Jutsu“ schildert u.a. die Geschichte, Katas, Lehrmeister und Prüfungsordnungen von Kobudo. Es hat 188 Seiten, 140 Fotos und ist zweisprachig auf deutsch und englisch.