Die letzten Tage der Schwanen-Apotheke in Schwandorf sind angebrochen

Von Martin Kellermeier · 27. November 2022 um 12:32

Schwandorf verliert seine Schwanen-Apotheke. Hubert Goldammer hat sich dazu entschlossen, die Apotheke an der Wackersdorfer Straße zum Jahresende zu schließen. Der 65-Jährige geht in den Ruhestand. Einen Nachfolger suchte er händeringend, gefunden hat er ihn jedoch nicht.

Laut Goldammer werde eine kleine, eigene Apotheke immer unattraktiver. Er kam zur Schwanen-Apotheke eigentlich wie die Jungfrau zum Kind. Und wenn man es genau nimmt, hatte er damals, Anfang der 90er Jahre, sogar schon mit seinem Beruf als Apotheker abgeschlossen.

Goldammer fand keine Stelle mehr

Nach dem Pharmazie-Studium an der Universität Regensburg arbeitete der gebürtige Oberviechtacher zunächst als Angestellter in verschiedenen Apotheken in Roding, Tirschenreuth und Regensburg. „Und dann ging das Problem los, dass ich keine Stelle mehr gefunden habe“, erinnert er sich.

Fast zehn Jahre nach seiner Approbation hatte Goldammer viel Berufserfahrung und die konnte oder wollte sich damals kaum ein Apotheker leisten. Goldammer hielt sich zunächst als Urlaubsvertretung über Wasser, ehe er ein Praktikum bei Siemens startete. Er hatte sich sogar schon für ein Elektrotechnik-Studium an der Fachhochschule Regensburg eingeschrieben, als er einen Anruf erhielt, der seinen Lebensplan verändern sollte.

Walter Hatzinger, Gründer und Inhaber der Schwanen-Apotheke, war am anderen Ende der Leitung. Bei ihm hatte Goldammer schon ein Praktikum absolviert und offenbar erinnerte sich der Apotheker bei der Suche nach einem Angestellten an seinen früheren Praktikanten. Schnell war die Tinte unter dem Arbeitsvertrag trocken. Das war 1991. Doch Hatzinger und Goldammer sollten nur wenige Jahre ein Team bleiben.

Nach Verlust seines Chefs übernahm er

Jäh und plötzlich wurde Hatzinger aus dem Leben gerissen. Goldammer erinnert sich noch genau an die Nachricht, dass sein Chef einen Herzinfarkt während des Nachtdienstes erlitten habe. Von jetzt auf gleich änderte sich wieder alles. Goldammer trat zunächst als Verwalter der Apotheke auf. Von 1994 bis 2004 wurde sie ihm dann verpachtet. Dann kaufte er das Geschäft und führte dieses bis heute, 18 Jahre lang. Der 65-Jährige blickt dankbar auf die Zeit zurück.

Nicht nur auf seine Angestellten habe er sich immer verlassen können, auch die Stammkunden seien ihm durchaus ans Herz gewachsen. „Viele von meinen Kunden werde ich vermissen“, sagt der Apotheker.

Doch wie es so oft ist: Auch in Goldammers Gesicht sieht man wenige Wochen vor der Schließung ein lachendes und ein weinendes Auge. Man merkt, dass der 65-Jährige an „seiner“ Apotheke hängt und er sich mit vielen seiner Kunden verbunden fühlt.

Die Entwicklung der Branche frustriert ihn teilweise

Doch gleichzeitig macht er kein Geheimnis daraus, dass ihn gewisse Entwicklungen in der Brache frustrieren. Das liege nicht nur an der Zahl der Nachtdienste, die wegen des Apothekensterbens in der Region steige. Früher sei schlichtweg alles einfacher gewesen. Goldammer macht das an verschiedenen Punkten fest. Da sind zum Beispiel die Rabattverträge, durch die die Krankenkassen bestimmten, mit welchem Medikamenten-Herstellern sie zusammenarbeiten wollen. Es könne also durchaus vorkommen, dass Patient A den vorrätigen Hustensaft von Hersteller B nicht erhalten darf, obwohl der Wirkstoff derselbe sei.

China und Indien lösten Deutschland ab

Und ohnehin sei die Verfügbarkeit der einzelnen Medikamente eine immense Herausforderung. „Früher war Deutschland die Apotheke der Welt. Heute sind das die Länder China und Indien“, stellt Goldammer fest. Diese Entwicklung hätten die Politik und die Krankenkassen zu verantworten. Die Knappheit an Fiebersäften zeige ihm aktuell, wie schlecht die Lieferketten funktionierten und dass man global abhängig sei. „Man ist mittlerweile mehr beschäftigt, den Willen der Politik und der Krankenkassen zu erfüllen. Um den Kunden kann man sich nicht mehr so gut kümmern“, erklärt Goldammer. Neben dieser Entwicklung habe auch die Einführung des Versandhandels, vor allem für verschreibungspflichtige Medikamente, die Existenz der kleinen Apotheken weiter gefährdet. „Junge Leute kommen immer weniger in die Apotheke“, stellt Goldammer fest. Ein weiteres „Riesenproblem“ sei der Personalmangel. Bereits vor zwei Jahren habe er die Suche nach einem Nachfolger gestartet, berichtet er.

Noch vier Nachtdienste hat Goldammer vor sich

Doch eine eigene Apotheke würden immer weniger Pharmazeuten führen wollen. „Die jungen Apotheker arbeiten lieber als Angestellte. Ich würde mich in der heutigen Zeit auch nicht mehr selbstständig machen wollen“, sagt Goldammer. Vier Nachtdienste und wenige Arbeitswochen trennen den Apotheker nun noch von seinem Ruhestand. Den will er mit seiner Frau Christa (68) in vollen Zügen genießen: bei gemeinsamen Lese- und Filmabenden, bei geselligen Stunden im Türmerhaus des Oberpfälzer Waldvereins – und vor allem bei ausgiebigen Waldspaziergängen. Denn frische Luft ist bekanntlich noch immer die beste Medizin.