Chams verschwundener Schlosser Johann Franz Zollner ist wieder da
Es war einmal ein Chamer Schlosser und Schuster. Der konnte fast alles, seine Kunden waren begeistert, doch dann war er weg. Von heute auf morgen. Und zu Beginn der Woche war Johann Franz Zollner wieder da, als wäre nichts gewesen.
Zu Beginn der Woche machte Zollner plötzlich wieder Schlüssel in seiner Werkstatt am Steinmarkt 10, als wäre er nie fort gewesen. Er hat uns erzählt, was ihm passiert ist.
„Den Schlüssel brauche ich bitte!“ Zwei Minuten und ein paar Fräsgeräusche später wechselt das gute Stück für ein paar Euro den Besitzer. So viel Glück hat nicht jeder. „Ich dreh durch. Ich warte seit zwei Jahren auf einen Nachschlüssel für das Schloss, das der mir vor zwei Jahren eingebaut hat. Der Mann ist weg. Vom Erdboden verschluckt“, klagte ein Kunde erst letzte Woche, als er trotz angeschlagener Öffnungszeit vor der verschlossenen Ladentür stand. Dieses Schicksal teilte er mit zahllosen anderen Kunden, die dafür keine Erklärung hatten: „Der war immer so zuverlässig!“
Die Nachbarn waren in dieser Zeit Leidensgenossen. Wäscherei und Decovino wurden überrannt. Jeder wollte wissen, was denn mit dem Zollner-Schlosser passiert ist. Anfang der Woche stand er wieder hinter dem Ladenbudel, der Franz Johann Zollner, als wäre nie was gewesen. Es war aber eine ganze Menge. Und es ist noch lange nicht alles überstanden. Für den Schlosser, der schon so vielen Chamern als letzte Rettung die Tür zurück in ihre Wohnung geöffnet hat, ist die eigene Wohnungstüre eine ganze Zeitlang zu einem unüberwindlichen Hindernis geworden. Zwei Mal geimpft hat er inzwischen bereits zwei Mal Corona bekommen. Jetzt plagen ihn zum Teil heftige Long-Covid-Symptome. „Ich kann manchmal die Worte nicht finden, ich habe schweres Asthma und keine Kondition mehr. Ich war richtig krank“, erzählt er.
Öffnungszeiten gekürzt
Für die Kunden wurden die Besuche im Laden unberechenbar. Er, der früher immer da war und bei dem um 22 Uhr oft noch Licht in der Werkstatt brannte. Er, der mitten in der Nacht Türen öffnete, kam und ging scheinbar, wie er wollte. Das war besonders hart für die, die weite Wege in Kauf nahmen, um Zollners Dienste zu beanspruchen. Sie kommen aus gutem Grund von weit her nach Cham. Jahrzehnte war Zollner zunächst „Mister Minit“, dann selbstständig.
Der Mann kann nicht nur was, er hat sich auch was aufgebaut. Er hat Fräsmaschinen für Tausende von Euros in seinem Laden – und kann sie auch perfekt bedienen. „Ich kann eigentlich jeden Schlüssel. Zu mir kommen die Besitzer von Oldtimern und von diesen modernen Schlüsseln mit den Bohrlöchern. Ich kriege das fast immer hin“, sagt er stolz. Außerdem fräst er nach Wunsch in Glas und Metalle. Eine Kundin will für eine Hochzeit gerade einen Flachmann. Das Ehepaar wandert gern. „Berge?“, fragt sie. „Oder doch zwei verschlungene Herzen?“ Kann sie sich aussuchen. Eine Stunde später wäre es dann fertig.
Als Zollner glaubte, wieder auf die Beine zu kommen, schlug im Mai 2021 die Osteoporose zu: „Ich hab mir auf den 50 Metern zur Apotheke einen Ermüdungsbruch im Schienbein zugezogen. Das hat mich wieder flachgelegt“, erzählt er. Das Ergebnis ist katastrophal. Hinten im Laden liegen Schuhe, die wohl schon vergessen sind.
Es kamen kaum Kunden
Während Corona hat Zollner auch seine Mitarbeiter verloren. „Zuerst sind kaum noch Kunden gekommen, weil die Geschäfte im Einzelhandel ja auch zu waren. Da nützt es dir auch nichts, wenn du systemrelevant bist“, sagt er. Dazu kommt, dass heutzutage Schuhe fast nicht mehr zu reparieren sind. „Sogar Hersteller teurer Wanderschuhe setzen den Sohlen Chemie zu, und dann lösen sich die Dämpfungsbestandteile dazwischen auf und die Sohle fällt ab. Da ist nichts zu machen“, erzählt er. Die meisten Schuhe sind billig und werden lieber weggeworfen und im Internet neu bestellt.
Das Geschäft mit den Schlüsseln und Gravuren läuft aber. Bei den Gravuren muss Zollner aber auch schon mit den Angeboten im Netz konkurrieren. „Ich kann aber mehr als die“, sagt er und grinst. Allerdings könnte es sein, dass sein Angebot mittelfristig an ganz anderen Dingen scheitert. „Ich bin so glücklich, dass ich hier bei den Kerns am Steinmarkt zur Miete bin. In meinem alten Laden könnte ich mit meinem Long-Covid nicht mehr vom Verkaufsraum in den 2. Stock laufen“, sagt er. Er atmet schwer, als er aus den hinteren Räumen einen Schlüssel-Rohling holen muss: „Auf die Dauer könnte es schwierig werden. Aber momentan sieht es eigentlich ganz gut aus.“
Außerdem hat Zollner noch etwas entdeckt, das er ungern aufgeben würde. Während der Pandemie, als es ihm besser ging, und im Laden Flaute war, hat er sich bei den Barmherzigen Brüdern in Straubing anlernen lassen und betreut dort schwer geistig behinderte Menschen. „Ich habe gemerkt, dass mir das Freude macht und ich dafür ein Händchen habe. Ich arbeite dort immer wieder in Schichten mit.“ Letztlich sagt er den Satz aber doch, auf den viele seit zwei Jahren gewartet haben: „Ich bin jetzt wieder da!“