Amazon in Nittenau: Hier laufen täglich 30.000 Pakete durch

Von Philipp Breu · 17. August 2022 um 17:27

Wenn die weißen Lieferwägen einfahren, geht es zu wie im Bienenstock: Seit rund einem Monat ist das neue Verteilzentrum des Versandriesen Amazon in Nittenau in Betrieb.

Bis zu 30.000 Pakete sollen hier täglich sortiert, in Liefergebiete eingeteilt und zugestellt werden. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Standortleiter Dominik Ackermann gewährte einen Blick hinter die Kulissen.

Mehr als 5000 Quadratmeter Hallenfläche bietet das mattgraue Gebäude an der Brucker Straße. Das Herzstück des neuen Verteilzentrums befindet sich im Untergeschoss. Gelbe Linien ziehen sich durch den hellgrauen Boden und markieren die Wege und Stellflächen. Gelb lackierte Förderbänder und dutzende Rollcontainer mit allerhand Paketen komplettieren das eher schlichte Erscheinungsbild. Dazwischen huschen überwiegend junge Arbeiter mit orange- und gelbfarbenen Warnwesten umher, sortieren die Pakete und Taschen, bevor sie später in die Transporter verladen werden.

Eröffnung verzögerte sich

Im Frühjahr 2021 hatte der Bauherr, die Thelen-Gruppe aus Essen, die Großbaustelle an der Brucker Straße eröffnet. Amazon ist Mieter in dem Logistik- und Bürogebäude. Ursprünglich hatte der Konzern kommuniziert, man wolle bereits das Weihnachtsgeschäft 2021 im neuen Verteilzentrum abwickeln, doch daraus wurde nichts. Zu den Gründen äußerte sich Amazon nicht.

Auch im Hinblick auf den genauen Starttermin herrschte bis zuletzt Stillschweigen. Am Mittwoch spielte das Unternehmen dagegen mit offenen Karten: Man wollte einen detaillierten Einblick ermöglichen. Der Einladung waren auch Nittenaus Bürgermeister Benjamin Boml (Freie Wähler) sowie einige Mitglieder des Stadtrates gefolgt.

„Gerade ist es noch relativ ruhig. Das sollte sich aber in 15 Minuten ändern“, sagt Standortleiter Dominik Ackermann zwischen Fließbändern und Rollcontainern. Und tatsächlich: Gegen 10 Uhr fährt eine Flotte von 16 Transportern in das Werksgelände und stellt sich fein säuberlich nebeneinander auf die weiß markierten Flächen. Im Nu sind die Transporter mit Paketen gefüllt und die Fahrer wieder auf dem Weg zu ihrer nächsten Route. Nur fünf Minuten später wiederholt sich das gleiche Schauspiel.

Um der hohen Frequenz Herr zu werden, arbeiten am Standort Nittenau etwa 100 Angestellte im Drei-Schicht-Betrieb: von Montag, 2 Uhr, bis Samstag, 22.30 Uhr. Nahezu alle Vorgänge werden elektronisch gesteuert. Der Algorithmus gebe auch automatisch die Routen für die Fahrer vor. „Wenn einer unserer Fahrer im Stadtgebiet unterwegs ist und an einem Haus zehn Pakete abliefern kann, bekommt dieser natürlich mehr zugewiesen, als jemand, der durch Dörfer im Bayerischen Wald fahren muss“, erklärt Steffen Adler, Public Relations Manager.

So solle gewährleistet werden, dass alle pünktlich Feierabend machen können. Und auch in Sachen Arbeitsatmosphäre versuche man, den Angestellten den Betriebsaufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Am Standort Nittenau können Sorgen und Wünsche im Untergeschoss auf große Tafeln geschrieben werden.

Getrennte Mikrowellen

Im Obergeschoss befinden sich sogar eigene Gebetsräume und auch bei der Essenszubereitung spielt der Begriff „Diversität“ eine große Rolle: So werden die Mikrowellen nach „Everything“, „Halal“ und „Kosher“ sortiert. „Das Wohl der Angestellten steht bei uns an erster Stelle – egal aus welchen kulturellen oder persönlichen Verhältnissen sie stammen“, so Adler.

Soweit so gut, doch ganz unumstritten war und ist der Konzern Amazon nicht. Das konnten auch die Verantwortlichen vor Ort auf Nachfrage nicht leugnen. „Natürlich sind wir uns bewusst, dass unser Erfolg und unsere Größe eine gewisse Aufmerksamkeit mit sich bringt“, gibt Adler zu. Die Gewerkschaft ver.di kritisiert zum Beispiel laufend die niedrigen Löhne und fehlenden Flächentarifverträge. Erst vor wenigen Tagen wurde in einem Verteilzentrum im hessischen Bad Hersfeld zu Warnstreiks aufgerufen.

In Nittenau nehmen die Verantwortlichen die Kritik sportlich. Man zahle im Vergleich zu anderen Versandunternehmen eh deutlich höhere Gehälter. Momentan liege der Lohn für einen Mitarbeiter in der Logistik bei 12,42 Euro brutto. Nach zwölf und 24 Monaten Betriebszugehörigkeit erhöhe sich der Lohn automatisch. Zudem gebe es für die Angestellten Zusatzleistungen wie Aktien am Unternehmen und finanzielle Unterstützung bei Weiterbildungen.

„Wir machen sicher noch nicht alles perfekt, aber wir wollen der beste Arbeitgeber der Welt werden“, sagt Adler. Ob Amazon dieses Versprechen auf Dauer auch in Nittenau halten kann, bleibt abzuwarten.