Neumarkter Pfarrer Stefan Wingen spricht über seinen Burnout

Von Eva Gaupp · 5. August 2022 um 11:13

Er ist Chef eines mittelständischen Unternehmens mit rund 70 Mitarbeitern, Bauherr, Lehrer, Pfarrer. Vor allem aber ist der Neumarkter Stefan Wingen eines: Mensch. Das hat er in den vergangenen Monaten gelernt. Ein Burnout hat ihm diese Lektion erteilt.

„Ich bin überrascht und erstaunt, dass Burnout immer noch so ein stigmatisiertes Thema ist“, sagt der 45-Jährige, der mit seiner Erkrankung ganz offen umgeht. Entspannt sitzt er im Schatten auf seiner kleinen idyllischen Terrasse hinter dem Pfarramt, erzählt von durchwachten Nächten, Rastlosigkeit, permanenter Anspannung und einer Panikattacke im Februar, die ihn unmittelbar vor einer Messe überfiel.

Auch der frühereBürgermeister von Berngau, Wolfgang Wild, hat unter Burnout gelitten.

Die Messe habe er noch irgendwie durchgehalten, doch anschließend habe er zum Telefon gegriffen und seine Hausärztin angerufen. Die Aussicht auf nahe Hilfe habe ihn die folgenden Wochen überstehen lassen. Jetzt, nach einer zehnwöchigen Reha, ist er davon überzeugt, genesen zu sein. Er habe in der Klinik viel dazu gelernt – vor allem, dass er Grenzen ziehen muss, um nicht wieder krank zu werden.

„Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit“, lautet ein Satz, den seine Ärztin ihm mit auf den Weg gegeben hat. Gerade Menschen in sozialen Berufen, die anderen beistehen, helfen wollten, seien besonders gefährdet.

„Burnout ist kein Makel“

Er geht mit seiner Erfahrung bewusst an die Öffentlichkeit, weil er anderen Betroffenen Mut machen will. „Das ist kein Makel.“ Durchhalteparolen seien in solch einem Fall völlig fehl am Platz. Er könne nur jedem raten, Seele und Körper zu beobachten und sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. „Wenn man es merkt, ist es eigentlich schon zu spät.“

Im Schulunterricht hat er ein Burnout mit einem leeren Handy-Akku verglichen, auch in der Messe am Sonntag in der Hofkirche hat Wingen seine Situation thematisiert. „Diese Offenheit hat manche Leute überfahren“, gibt Wingen zu. Aber in den meisten Gesprächen habe er sehr positive Erfahrungen gemacht.

DasNeumarkter Tageszentrumist Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Problemen.

Angesichts der wachsenden Zahl von Menschen, die unter Stresssymptomen leiden, wundert es, dass das Thema für manche immer noch ein Tabu ist. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2021 fühlen sich zwei von drei Deutschen zumindest manchmal gestresst, jeder vierte sogar häufig. Entsprechend dem STADA Health Report, der im Juli veröffentlicht wurde, plagt sich sogar jeder zweite Bundesbürger mit Burnout-Symptomen. Wozu das Coronavirus seinen Teil dazu beigetragen habe.

Situation durch Corona-Pandemie verschärft

Das trifft auch auf Stefan Wingen zu. Die Diskussionen um Impfungen, Masken und Hygienemaßnahmen hat er zunehmend emotional und unversöhnlich erlebt. Vor allem aber ist es die Vielzahl an Aufgaben, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Neben den Messen, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen sind da noch die Kindertagesstätten der Pfarrei, die Sanierung der Hofkirche und der Bau des neuen Pfarrheims und vieles weitere mehr.

Im Februar, als er zwei Wochen krank geschrieben war, hatte er sich seit 2018 die ersten fünf Tage am Stück freigenommen und war verreist. Eigentlich hat er montags immer frei. Eigentlich.

DieNeumarkter Pfarrei der Hofkircheplant ein neues Pfarrzentrum.

Und dann steckt Wingen wie alle anderen Pfarrer auch mitten in einem Umbruch der Kirche, zu dem die Missbrauchsfälle, die Austritte sowie der Wandel der Gesellschaft beitragen. Dazu passen seiner Ansicht nach aber die kirchlichen Strukturen nicht mehr. „Sie stammen aus einer Zeit, da die Kirchen noch voll waren“, sagt Wingen und fügt an: „Ich bin mir nicht sicher, ob wir in Neumarkt in zehn Jahren noch alle Pfarrbüros und alle Kirchen haben werden.“

Seelsorge sei sehr komplex geworden. Die klassischen Milieus gebe es nicht mehr. Da sei beispielsweise die ältere Generation, die sich der Gemeinde nach wie vor sehr verbunden fühle und regelmäßig die Messen besuche. Da seien aber kirchenferne Gläubige oder junge Menschen, die moderne Angebote bräuchten.

„Es gibt aber kein Buch, in dem man nachschlagen kann, wie Seelsorge funktioniert“. Für all diese Personengruppen brauche es viel Zeit und Empathie. Und für sie möchte er da sein, Angebote schaffen, die den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden.

Wingen will Kirche verändern

Der 45-Jährige wünscht sich einen „geistlichen Aufbruch“. „Es ist frustrierend, nur den geistlichen Mangel zu verwalten.“ Von dem vielzitierten Priestermangel will er dennoch nichts hören. „Wir haben keinen Priestermangel.“ Die Zahl der Priester entspreche der gesunkenen Zahl der Gemeindeglieder. Allerdings seien die Seelsorgeräume eines Pfarrers heute viel größer. Ziel müsse es sein, wieder mehr Raum für die Seelsorge und Pastoral zu schaffen. Zielgruppenspezifische Angebote für unterschiedliche Menschen anstatt eine Volkskirche für alle.

Einige Schritte hat er bereits gemacht: Münster und Hofpfarrei haben um je eine Messe reduziert, teilen sich Vorabend- und Frühmesse. Außerdem wurde probeweise für ein Jahr eine übergeordnete Verwaltung für die fünf Kitas eingesetzt. Ende des Jahres soll eine Evaluation zeigen, ob diese ein Weg sein kann, Pfarrer Wingen zu entlasten.

In den ersten Tagen der Reha habe er schnell gesund werden wollen, um seine Arbeitskraft wieder herzustellen. Ziemlich bald sei ihm jedoch klargeworden, dass er nicht nur für sich allein in der Reha war. Seine Erfahrungen möchte er weitergeben. Denn viele Menschen quälten sich unnötig. „Ich bin kein fleischlicher Terminkalender. Ich bin Mensch. Ich bin in meinem Menschsein aus der Bahn geworfen worden. Das Menschsein muss im Lot sein, dann funktioniert auch alles andere.“