Das neue grüne Leben in der Guerickestraße
Der Regensburger Osten galt lange Zeit nicht als die erste Adresse der Stadt. Derzeit putzt sich das gesamte Viertel aber ganz schön raus - auch die Guerickestraße.
Johann Hungler ist richtig nah dran. Maximal nah sogar, könnte man sagen. Vom Balkon seiner Wohnung in der Guerickestraße sind die Pflanzen, die auf dem Grünstreifen davor seit dem Frühjahr in die Höhe wachsen, praktisch mit der Hand zu greifen. Und zu dem bunten Garten, der direkt unter ihm entstanden ist, hat er eine klare Meinung: „Ist doch schön. Auf jeden Fall mal was anders als nur das Gras wie vorher.“
Hungler ist nur einer von hunderten Menschen, die in den Wohnungen der Regensburger Stadtbau in der Guerickestraße leben. Seine Meinung soll unter diesen aber sehr verbreitet sein, sagt zumindest Jakob Friedl: „Wir haben nur positive Reaktionen erhalten, keine einzige negative.“
Friedl ist der Motor hinter dem Projekt, das derzeit so viel Lob erhält. Ein Projekt, das die Menschen zusammenbringen, den Stadtteil verschönern und dazu betragen soll, die Luftqualität der Stadt zu verbessern. Und mit was? Ganz einfach: mit einem 300 Meter langen Gartenstreifen.
Schmuddelviertel von einst
Der Regensburger Osten galt lange Zeit nicht als die erste Adresse der Stadt.Die Guerickestraße etwa erlangte unfreiwillig überregionale Bekanntheit, weil hier einst der Regensburger Straßenstrich residierte.Derzeit putzt sich das gesamte Viertel aber ganz schön raus. An allen Ecken und Enden wird gebastelt und gebaut.
Und auch in der Guerickestraße geht einiges voran. Am östlichen Ende hat Korbinian Spießl Pop-Art-mäßige Kunstwerke an eine Wand gezaubert, die „Guericke-Gallery“, wie sie heißt. Und vor den Wohnungen der Stadtbau ist zuletzt wie aus dem Nichts ein liebevoll gepflegter ellenlanger Gartenstreifen entstanden.
Friedl ist das Herz des „Vorgartenamts“, wie er und seine Mitarbeiter das Projekt nennen. Und die Guerickestraße 71a ist die Basisstation. Dort war einst ein Mofa-Geschäft untergebracht. Nun hat Friedl mit seinen Mitstreitern vom Förderverein für unter- und überirdische Urbanismus-Forschung hier einen „Kaufladen für Erwachsene“ eröffnet. „Für eine günstige Miete, da ist uns die Stadtbau entgegen gekommen“, erzählt er. Die Idee eines multi-disziplinären Stadtteil-Projekts sei ohnehin auf viele offene Ohren gestoßen. „Nun wollen wohl einfach alle Beteiligten mal sehen, wie es läuft“, sagt Friedl.
Allem Anschein nach läuft es gut. Die Räume in der Guerickestraße 71a sind Treffpunkt und Werkstatt zugleich. Und draußen auf der Straße schießen die Pflanzen in die Höhe. Wo im Hochsommer früher ein paar Grashalme herumstanden, gibt es nun mit Schrifttafeln etikettierte Mini-Beete, in denen Johannisbeeren, Rosmarin, Tomaten, Schnittlauch, Petersilie und noch vieles andere mehr wachsen.
Stadtbau-Chef Götz Kessler ist nach eigener Aussage über das Projekt in der Guerickstraße stets gut unterrichtet – und angetan davon: „Ich finde, dass man Eigeninitiativen immer unterstützen muss. Was gibt es Besseres, als wenn Menschen sagen, dass sie was für die Gemeinschaft tun wollen.“ Alles müsse sich „natürlich in einem gewissen Rahmen“ bewegen. Bei dem Projekt in der Guerickestraße sei dies aber der Fall: „Und ich würde mir wünschen, dass ganz viele Mieter mitmachen und dadurch der Zusammenhalt in der gesamten Siedlung gestärkt wird.“
Friedl weiß, wie die Menschen im Regensburger Osten ticken, er ist hier schließlich selbst aufgewachsen, kennt den Stadtteil wie seine Westentasche. Da ist es fast logisch, dass der 43-Jährige, der 2020 als Vertreter der Ribisl-Partie in den Regensburger Stadtrat gewählt wurde,sein künstlerisch-gesellschaftliches Engagement momentan auf diesen Ort konzentriert.Und das Projekt in der Guerickestraße ist ohnehin eine Herzensangelegenheit: „Denn Garteln war schon immer ein ganz großes Hobby von mir“, erzählt der gelernte Bildhauer und studierte Künstler.
Stadtteilfest im September
Ein erstes großes Zwischenziel ist für Friedl nun das Stadtteilfest am 17. und 18. September. Hier wird er den Besuchern das „Vorgartenamt“ vorstellen. Bis zum Jahresende stehen ohnehin noch wichtige Entscheidungen an. Denn dann würde der Mietvertrag auslaufen. Zudem hat Friedl mit Stadtbau und Stadtverwaltung bereits erste Gespräche über die Installation von mehreren Regentonnen samt Häuschen geführt. Bislang muss der Garten mit Leitungswasser gegossen werden. „Das ist natürlich eine absolute Verschwendung“, sagt Friedl.
„Wir haben keine aktuellen Pläne für das Gebäude“, sagt Stadtbau-Chef Kessler zum Mietvertrag. „Die Belegung unserer Gewerbeflächen soll ja in erster Linie einen Mehrwert für die Mieter und das gesamte Viertel schaffen“, sagt er – und in dieser Hinsicht sei Friedl mit seinen Aktionen „ganz sicher keine Fehlbelegung“.
An den Regentonnen könnten sich in den kommenden Jahren auch die Mieter der Stadtbau-Wohnungen bedienen. Die sind explizit dazu aufgerufen, bei Interesse eigene Ideen zu entwickeln und eigene Ecken zu bepflanzen. Johann Hungler gefällt die Vorstellung, direkt vor seinem Balkon ein persönliches Mini-Beet zu haben, wie er sagt. Dass er irgendwann Schaufel und Kübel nimmt und zur Tat schreitet, sei „durchaus denkbar“.