Spektakulärer Bau mit Promi-Mieter

Von Juliana Ried · 23. Mai 2022 um 04:30

Dieser Bau fällt auf, obwohl es ihn noch gar nicht gibt. Die Baustelle nimmt die halbe Fritz-Fend-Straße ein, hinter dem Schrankenzaun ragen zwei Kräne auf. Eine Bautafel kündigt an, was hier entsteht. „Be orange“ soll das Gewerbegebäude heißen. Die Fassade: ein korallenartiges Geflecht in Orange. Diese Art von Architektur ist neu in Regensburg – und umstritten.

Vom Gestaltungsbeirat der Stadt, der bei Bauvorhaben von besonderer städtebaulicher Bedeutung mitredet, hatten Bauherr Stephan Schimpel und sein renommierter Architekt Johannes Berschneider aus Neumarkt zunächst Rückendeckung bekommen. „Herr Berschneider, Sie sind ein Erfinder“, hieß es in dem Expertengremium im Dezember 2019.

Skelett aus Stahl und Glas

Jetzt entsteht in der Fritz-Fend-Straße gerade das Fundament für die Tiefgarage. Darauf soll ein Skelett aus Stahl und Beton mit Glasfronten wachsen. Es soll insgesamt 6600 Quadratmeter Bruttogeschossfläche auf fünf Stockwerken umschließen. Schimpel investiert circa 29 Millionen in das Projekt, das Ende 2023 fertig sein soll. „Wir gehen Richtung 50 Prozent Vermietungsstand.“

Auch einen prominenten Mieter hat er bereits gewonnen. Unten wird neben dem großen Foyer Sternekoch Anton Schmaus einziehen. „Das Konzept ist noch geheim“, sagt Schimpel. „Es ist wieder etwas, was man in Deutschland eigentlich noch nicht so kennt.“

Eine Etage soll dem Co-Working gehören. Hier sollen hinter der leuchtenden 3-D-Fassade Freiberufler wie Anwälte, die sich kein großes Büro leisten wollen, ebenso Platz finden wie die große Firma, die für ein halbes Jahr 100 Quadratmeter für ihre Mitarbeiter braucht. Das vierte Stockwerk sei „fast schon voll mit Ärzten und Praxen“.

Der Stuttgarter Architekturprofessor Tobias Wulf, einer von sechs namhaften Architekten im Gestaltungsbeirat und dessen Sprecher, sagt heute: „Wir haben uns mit der Fassadenkritik ein bisschen zurückgehalten, weil wir gesehen haben, da steckt architektonischer Ehrgeiz drin.“ Mittlerweile sehe er das Projekt „zunehmend kritisch“. „Muss es denn so reißerisch daherkommen?“, sagt er. „Wenn man sich so auffällig verhält im Stadtraum, muss man die Frage stellen: Wer darf das und wer darf das nicht?“ Das Bürogebäude solle ein Team-Player sein, keine Diva.

Bauherr Schimpel findet Wulfs Kritik am Projekt „ungewöhnlich, weil man es gemeinsam entwickelt hat“. Zweimal war die Fassade Thema im Gestaltungsbeirat. „Wenn das Gebäude ein Solitär wäre, würde ich es nie so bauen.“ Der Neubau bilde aber ein „harmonisches Ensemble“ mit dem MZ-Gebäude nebenan, beim Orange der Fassade handle es sich exakt um die Komplementärfarbe zum Grün des Nachbarn. Auch werde die im ersten Stockwerk ansetzende Außenhaut „luftig“, mit zwischen 80 Zentimeter und 1,10 Meter großen „Löchern“.

Stadtheimatpfleger: „Eine gewisse Bereicherung“

Werner Chrobak, noch bis Ende Juni Regensburger Stadtheimatpfleger, ist die „vergleichsweise grazile Struktur der Fassade“ aufgefallen. Er sagt: „Es ist natürlich etwas völlig Neues für Regensburg.“ Es stelle sich die prinzipielle Frage, „ob man so etwas zulässt“. Für ihn als Stadtheimatpfleger sei entscheidend, ob der Neubau die historische Altstadt beeinträchtige oder sich in seine Umgebung einfüge. In diesem Fall gebe es aber keinen Sichtbezug zum Zentrum, das Hotel gegenüber schirme den Neubau ab. Und an den Gleisen, neben der „endlos öden Ansiedlung von Betonbauten des Dörnberg“ und dem MZ-Gebäude mit seinem „hoch qualitativen, äußeren Fassadenbild“ könne der Neubau „eine gewisse Bereicherung darstellen“. „Ich bin sonst sehr vorsichtig“, sagt Chrobak. In diesem Fall laute aber sein Urteil: „Ich glaube, man kann es gelten lassen.“

Wie genau die Fassade aussehen wird, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Schimpel: Es könne sein, dass Glasfaser das Material der Wahl wird oder auch Aluminium. „Die Alu-Elemente würden ein bisschen kantiger.“ Da die Fassade etwas völlig Neues sei, sei entscheidend, für welches Material er am zügigsten die nötigen Prüfzeugnisse bekomme.