„jessyscherl“ – ein Leben fürs Motorrad

Von Philipp Breu · 20. Februar 2022 um 04:45

Auf den ersten Blick sieht Jessy Scherl wohl nicht wie eine klassische Bikerin aus. Die 21-Jährige aus Schwandorf ist zierlich, trägt mal lange blonde, mal lange pechschwarze Haare. Ihre rehbraunen Augen sind mit Kajal umgeben, die Wimpern fein säuberlich getuscht. Wenn sie dann aber in ihre schwarz-pinke Lederkluft steigt, den farblich passenden Helm inklusive Teufelshörner aufsetzt und anschließend über die Rennstrecke brettert, ändert sich der Eindruck schlagartig.

Jessy Scherl wurde die Liebe zum Motorrad quasi in die Wiege gelegt. Vater Kurt, Inhaber einer Schwandorfer Bäckerei, ist selbst begeisterter Biker. In seiner Freizeit war er viel auf Rennstrecken in ganz Europa unterwegs und nahm dabei die Familie mit. „Ich kenne das eigentlich nicht anders und war mit drei Jahren schon auf einem Pocketbike gesessen“, sagt Jessy Scherl. Da sei es irgendwo klar gewesen, dass sie, sobald es das Alter zulässt, den Motorradführerschein macht. Als sie diesen in der Tasche hatte und selbst in die Bikerszene eintauchte, wurde sie auf der Suche nach Gleichgesinnten allerdings weniger fündig.

Ein Motorrad ganz in Pink

Denn lange schwebte über dem Motorsport eine gehörige Wolke Testosteron – auch in Schwandorf. „Ich habe eigentlich nie ein Mädchen kennengelernt, mit dem ich mal hätte fahren können“, sagt die junge Bikerin. Das wollte sie ändern und gleichzeitig ein Zeichen setzen. Ihr erstes Motorrad, eine schwarz-orangefarbene KTM SMCR 690, hat sie zusammen mit Papa Kurt und seinen Kumpels zerlegt und in einem knalligen Pink beschichten lassen. Auch ihre Schutzausrüstung kreierte sie selbst, denn für Frauen gab es vor ein paar Jahren kaum Motorradequipment zu kaufen. Und wie sollte es anders sein, zieht sich auch in ihrer Lederkombi und dem Helm das grelle Pink durch.

Von den Jungs wurde Jessy anfangs belächelt, mittlerweile ist das anders. Mit ihrem Instagram-Account, der klassisch unter dem Namen „jessyscherl“ läuft, hat die gelernte Mediengestalterin mittlerweile über 32.000 Follower generiert und betreibt neben ihrem Job bei einem ansässigen Maschinenhersteller auch ein kleines Label.

Unter dem Namen „Jessix“ designt sie Pullis, Shirts, Sticker und Schlüsselanhänger. „Ich möchte einfach zeigen, dass auch Mädels Spaß am Motorradfahren haben können“, sagt sie. Und das scheint in der Szene enorm gut anzukommen. Wenn die Schwandorferin mit ihrem pinken Motorrad an der Ampel steht, hält schon mal jemand an und frägt nach einem Foto.

Bikerin lädt Kritiker auf die Rennstrecke ein

Auch die meisten Reaktionen auf ihren Online-Auftritt fallen durchweg positiv aus. Natürlich gebe es aber auch immer mal wieder negative Kommentare. „Zum Beispiel werfen mir Leute, die mich nicht kennen, vor, dass ich ja eh nur posen aber bestimmt nicht richtig fahren könne“, sagt Scherl. Mittlerweile steht die taffe Bikerin da aber drüber. „Ich mache denjenigen dann oft das Angebot, dass sie gerne mit mir auf die Rennstrecke für ein paar Knieschleifer kommen können.“

Denn die 21-Jährige hat in der jüngeren Vergangenheit schon bewiesen, dass sie eben nicht nur posen kann, sondern ihre Maschinen – mittlerweile hat sie davon zwei in der Garage stehen – auch mehr als gut beherrscht. Jessy Scherl ist selbst regelmäßig bei Motorsportevents zu Gast. Bei ihrem ersten Rennen im tschechischen Brünn fuhr sie im Sommer 2020 von 17 Frauen gleich mal auf Platz 5. „Da waren meine Eltern fertig mit den Nerven“, schmunzelt die Schwandorferin heute. Denn Motorradfahren ist und bleibt ein gefährliches Hobby.

Schwerer Sturz warf Schwandorferin zurück

Wie schnell man hier sein Leben riskieren kann, musste Jessy ein Jahr später feststellen. Wieder war sie auf der Rennstrecke in Brünn unterwegs, als sie eine Kurve zu schnell nahm und das Hinterrad anschließend wegbrach. Die Bikerin wurde bei 140 Stundenkilometern aus dem Sitz gehebelt, überschlug sich mehrmals und blieb schließlich im Kiesbett am Streckenrand liegen. Die Diagnose: eine schwere Gehirnerschütterung, drei Brüche in der rechten Mittelhand sowie ein Teilbruch der Speiche. Scherl wurde in Regensburg operiert, musste mehrere Monate pausieren.

Trotz ihres schweren Unfalls hat die Schwandorferin ihre Liebe zum Motorradfahrern nicht verloren. Heuer sind bereits einige Touren geplant. Eine führt mit ihrer Familie und ihrem Partner nach Südtirol. Der Helm, der sie bei ihrem Sturz in Brünn vor schlimmeren Verletzungen bewahrt hatte, wird dann aber nicht mehr zum Einsatz kommen. Dieser steht als Andenken ramponiert in einem Regal in ihrer Wohnung. Daneben hängt die schwarz-pinke Motorradkluft, die dagegen wie durch ein Wunder heil geblieben ist. „Girls can do it too“, steht auf den Ärmeln geschrieben. Ein Motto, das Jessy Scherl tagtäglich lebt. Vor allem dann, wenn sie wieder über die Rennstrecken Europas brettert.