Luis Trinker‘s stellen die Existenzfrage
Der Tourkalender ist leer. Die Band steht am Abgrund. Wenn man auf der Homepage von Luis Trinker’s Höhenrausch nach unten scrollt, stürzt Gitarrist Chris Kuttler in die Tiefe. Die Homepage der ostbayerischen Partyband schlechthin ist derzeit für vielerlei Spekulationen gut.
Wer die Trinkers kennt, weiß: Das Bild auf der Homepage ist natürlich keine Anspielung auf Corona und die Auswirkungen, die die Pandemie auf das Kulturleben hat. Von heute auf morgen stand im Frühjahr 2020 das komplette Kulturleben still. Kinos mussten schließen, Konzertsäle blieben leer, Volksfeste wurden abgesagt.
„Das hat uns natürlich überrumpelt“, sagt Chris Kuttler, Gitarrist und Gründungsmitglied von Luis Trinker’s Höhenrausch. 2022 werden es 35 Jahre, in denen die Abensberg-Regensburger Band zahllose Säle gefüllt, Bierzelte zum Beben und Bürgerfeste zum Tanzen gebracht hat
. Sie standen einst vor der Entscheidung, ins Profilager zu wechseln, haben sich aber dagegen entschieden. Die Musik sollte Hobby bleiben. Insofern zweifelt Peter Feichtner, Saxophonist, Multiinstrumentalist und wie Kuttler Gründungsmitglied, daran, ob die Trinkers eigentlich die richtigen Protagonisten sind für diese Geschichte.
Die Folgen für die Kulturbranche sind noch nicht absehbar
Denn alles sechs Bandmitglieder, wie sie dastehen auf der Bühne und - siehe Homepage - auf der Planke vor dem Abgrund, müssen sich mit der Musik nicht das tägliche Brot verdienen. Da gebe es andere in und um Abensberg, die es weit härter erwischt hat. Auch im Freundeskreis der Trinkers.
„Für reine Performer ist es derzeit echt schwierig“, weiß Kuttler. „Es ist tragisch, wenn man vollkommen unverschuldet seine Existenz verliert“, fügt Feichtner an. Da gibt es aber nicht nur Profi-Musiker, die von heute auf morgen vor dem Nichts standen, auch die Veranstaltungstechniker. Die Folgen sind heute noch nicht absehbar. „Das ist ein harter Job, und denen laufen jetzt die Leute weg“.
Lauter Einzelkämpfer in der Branche
Weit Prominentere haben schon vor mehr als einem Jahr auf die Situation hingewiesen. Beispielsweise der Jazzmusiker Till Brönner: „Ich glaube nicht, dass die Branche so lange durchhält, wie uns die Pandemie in Atem halten wird.“
Ganz so pessimistisch sind die Trinkers nicht: Trotz der Härte der Situation bleiben sie Optimisten und wollen nicht in Depressionen verfallen.
Kuttler: „Aber es ist natürlich so: Die Kultur hat eine schlechte Lobby. Das sind lauter Einzelkämpfer, Individualisten.“
Das weiß auch Johannes Kuttler, der Sohn des Trinkers-Gitarristen. Der 22-Jährige hat Gitarre und Komposition studiert, gerade den Bachelor of Arts abgelegt und startet nun als Profi-Musiker in Berlin. Der erste Shutdown im Frühjahr 2020 hat ihn natürlich „traurig und betroffen“ gemacht.
Kuttler jun: „Es ist halt leider so, dass die Kultur immer wieder einen relativ harten Lockdown bekommt.“ Da würden Konzerte im kleineren Rahmen abgesagt, aber Fußball finde trotzdem in großem Rahmen statt.
Johannes Kuttler startet breit aufgestellt ins Profileben
Johannes Kuttler hat daraus schon eine wichtige Lehre gezogen: „Als Musiker ist man ja auch Unternehmensgründer. Man ist sein eigenes Unternehmen. Man muss sich breit aufstellen.“ Kuttler ist Studiomusiker, komponiert für Bands aus der Berliner Region, hat ein weiteres Projekt mit Filmmusik am Laufen, zu Hause in Abensberg spielt er in der Band „Onesee“ - wenn sie denn auftreten kann. Tatsächlich, sagt er, habe er nie so etwas wie Zweifel gehabt, etwas anderes zu machen als Musik. „Das gibt es für mich nicht.“ Er ist zuversichtlich. „Irgendwann wird sich die Sache wieder drehen.“
Die Trinkers erinnern sich an die eigenen Anfänge. „Mir tun die jungen Bands, die am Start stehen, einfach leid“, sagt Feichtner, „wenn die zwei Jahre ausgebremst werden, kommen die nicht weit. „Wenn uns das damals passiert wäre, ...“ - dann würde es die Trinkers heute nicht geben. „Wir waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. „Wir haben ein Studentenfestl nach dem anderen gespielt“, erinnert sich Chris Kuttler, „wir sind regelrecht durchgereicht worden.“
Einst spielten die Trinkers 30 Auftritte im Jahr, Im Corona-Jahr 2021 waren es gerade mal noch zwei.
Was macht das mit den Menschen? „Beruflich war ich auch im ganz strengen Lockdown nicht gehandicapt“, sagt der Architekt Peter Feichtner, „aber man verändert sich.“ Die meisten der Mitglieder sind länger in der Band zusammen als mit ihren Ehefrauen. Dann hat sich die Band ein ganzes Jahr lang nicht getroffen.
So steht es aktuell um die Band
Existiert sie eigentlich noch? „Wir nehmen Corona sehr ernst. Wir sind alle geimpft“, sagt Peter Feichtner. Das erste Treffen nach einem Jahr war von Ungewissheit geprägt. „Wie geht es jetzt weiter? Geht es überhaupt weiter?“ fasst Peter Feichtner die zentralen Fragen zusammen, die im Proberaum in der Luft hingen.
Dann großes Aufatmen: „Es hat sich herauskristallisiert, dass keiner aufhören will.“ Es ist einfach die Gemeinschaft, die die Band seit Jahrzehnten zusammenschweißt. Mittlerweile trifft man sich wieder jeden Monat zweimal zum Proben. Und auch dem Tourkalender steht eine Überarbeitung bevor. „Für 2022 haben wir schon vier Auftritte“, verkünden Feichtner und Kuttler.
Schließlich klärt sich im Gespräch mit der Mittelbayerischen auch die Bedeutung des Bildes auf der Homepage. „Das Titelbild unserer Homepage ist entstanden, da hat es noch kein Corona gegeben“, sagt Kuttler. Und es soll vielmehr symbolisieren: „Wir werfen uns ungebremst in die ungewisse Zukunft“. „Witz und Wahnsinn“ eben. Das ist das Motto der Trinkers. Dafür stehen sie schon seit 35 Jahren auf der Bühne. Und sie lassen sich auch von Corona nicht unterkriegen.