Er holt die Weltstars nach Regensburg

Von Marianne Sperb · 6. Dezember 2021 um 10:55

Als Reinhard Söll, der Gründer und Chef des Regensburger Klassik-Veranstalters Odeon Concerte, schwer krank zusammenbrach, stieg sein Sohn Ludwig Söll kurzfristig ins Unternehmen ein. Der 21-Jährige erzählt in der neuen Reihe „next generation“, wie er den Spagat zwischen Agentur, Studium und den ständig wechselnden Vorgaben durch die Pandemie meistert, warum er Altgriechisch so faszinierend findet und woher er die Kraft nimmt, seine Aufgaben zu schultern.

Du bist 21. Man könnte sich vorstellen, du organisierst Techno-Partys, aber du veranstaltest Klassik-Konzerte. Warum?

Wir haben langjährige Konzertreihen in Mannheim, Essen, Regensburg und Berlin. Ich will die Tradition meines Vaters weiterführen. Mit diesem Vorsatz bin ich ins Unternehmen eingetreten. Das heißt nicht, dass ich nicht gerne aktuelle Musik höre.

Du bist mit Klassik aufgewachsen, wahrscheinlich waren immer Klavier oder Streicher zu hören.

Immer! Ich habe mit fünf die ersten Konzerte besucht und die Klassik-Größen gehört. Eine Erinnerung, ich war vielleicht 15, gehört Nobu Tsujii, einem blinden japanischen Pianisten. Es war, ich muss es so sagen, das am schlechtesten verkaufte Konzert der Saison, aber es war großartig, unvergesslich!

Wo lag dein Fokus in der Schule?

Meine Leistungskurse am AMG waren Altgriechisch und Latein. Altgriechisch war mit Abstand mein Lieblingsfach, zusammen mit Geschichte, was ich ja ein Jahr studiert hatte. Die Philosophie, die dahintersteht, die Art des Denkens, die Logik, mit der man spricht, das ist atemberaubend, das hat mich gecatcht.

Du sprichst, als ob Altgriechisch ein Krimi wäre.

Ist es, ist es! Es war eine Leidenschaft. – Aber gut, wir haben ja wohl alle die jüngsten Nachrichten gehört, wie es mit Kultur weitergeht in Bayern. Und wir veranstalten ja auch in NRW und in Baden-Württemberg. Für die Konzerte mit Ivo Pogorelich etwa wussten wir erst kurzfristig, welche Verordnung wo gilt: 2G? 3G? 2G plus?

Es ist sehr verrückt, aber die Regeln von gestern in Regensburg sind vielleicht morgen in Essen und übermorgen in Mannheim nicht mehr die gleichen. Diese Bedingungen machen uns ratlos und bringen ungemeine organisatorische Beschwernisse. Wie sollen wir Besucher informieren über Vorgaben, die wir selbst noch nicht kennen? Wir müssten vor dem Saal sitzen und Zuhörern sagen, Sie brauchen einen Test, aber wir konnten es Ihnen nicht rechtzeitig mitteilen. Normalerweise planen wir Konzerte mit sechs bis zwölf Monaten Vorlauf. Jetzt bleibt uns vielleicht ein Tag.

Wie reagieren die Künstler?

Ivo Pogorelich freut sich über jedes Konzert. In Regensburg sollte am 14. Dezember German Brass gastieren und es hätten vielleicht nur 370 Zuhörer ins Audimax kommen dürfen. Wir haben aber weit mehr Abonnenten. Wie sollten wir entscheiden, wer kommen darf und wer nicht? Das Vorgehen ist langjährigen Abonnenten kaum zu vermitteln. Das stellt uns nicht nur vor organisatorische, sondern auch vor menschliche Herausforderungen.

Wie entscheidest du also?

Wir wollen veranstalten, wir wollen zeigen: Das Konzertleben geht weiter, auch mit 2G und 25 Prozent Besucherlimit. Wir wollen nicht mehr absagen, sondern durchstarten. Aber für German Brass sind die Vorgaben einfach zu hoch. Sogar der Infektionsschutz hatte die Unmöglichkeit der Veranstaltung eingeräumt. Wir müssten laut Verordnung die Hausstände der Besucher kontrollieren, das ist schlicht und ergreifend nicht möglich.

Du wirst nun nicht Altphilologe, sondern führst Odeon Concerte. Der Grund ist die Krankheit deines Vaters. Wie war dein Einstieg?

Reinhard ist 2017 sehr krank geworden und in dieser Zeit habeneinige Mitarbeiter das Unternehmenverlassen. So blieb mir nichts anderes übrig als hier mit vollem Einsatz zu starten. Ich denke, das ist mir gelungen. Es hätte auch nicht anders laufen können. Diese Aufgabe macht mir sehr viel Freude. Mein Leben ist aufregend – auch wenn die Zeit für Konzertveranstalter gerade nicht einfach ist.

Die Reihe: Der Konzertveranstalter:

Unter dem Titel „next generation“ erzählen junge Führungskräfte aus Regensburger Familienunternehmen, was sie antreibt, wie sie Tradition leben und Trends setzen, was sie anders machen als ihre Eltern und woran sie sich manchmal reiben. Zum Auftakt der Reihe gibt Ludwig Söll von Odeon Concerte Einblick.Ludwig Söll, 21, ist an einem 7. Mai geboren, genau wie sein Vater Reinhard Söll (61), der als Student die Odeon Concerte gegründet hatte. Heute veranstaltet die Agentur Klassikreihen in Regensburg, Mannheim, Essen und Berlin sowie die Thurn und Taxis Schlossfestspiele. Nach der Absage des Festivals 2020 und 2021 ist für 2022 ein Coup gelungen: Erstmals gastiert Anna Netrebko.

Du und dein Vater: Wie harmonisch ist euer Verhältnis? Kämpft ihr einen Generationenkampf?

Keine einfache Frage! Reinhard ist schon eigen. Er hat die Angewohnheit, nicht warten zu können. Wenn er etwas möchte und er bekommt es nicht innerhalb von zehn Minuten, ruft er pausenlos an. Das kann unter Umständen nerven. Andererseits es ist wichtig in dieser Branche, hartnäckig zu sein, nicht loszulassen. Sonst lösen sich Möglichkeiten in Luft auf. Reinhard und ich haben ähnliche Vorstellungen über die Auswahl der Künstler. In der Klassik hat Reinhard mehr Expertise, im Pop-Bereich kann ich Künstler besser einschätzen. Wir ergänzen uns. Wir diskutieren die Namen gemeinsam: Reinhard, ich und das Team im Büro. Und natürlich gibt es Namen, da muss man gar nicht nachdenken.

Aufritt Anna Netrebko! Sie singt bei den Thurn und Taxis Schlossfestspielen 2022. Wie kommt es zu so einem Coup?

Es ist ein Zusammenspiel von Glück und langjährigen Verbindungen. DemAuftritt von Anna Netrebkogingen viele Jahre voraus, in denen sie nicht hier gastierte. Wir sind sehr glücklich. Die Nachfrage war vom Start weg ähnlich groß wie bei Elton John. Dabei ist die Prämisse in der Pandemie eine völlig andere.

Trotz der Preise von bis zu 265 Euro für ein Ticket?

Unsere Preise sind sehr günstig, im Vergleich zu Hamburg oder Wien, wo die Karte 400 Euro und mehr kostet.

Dein Vater ist seit Jahrzehnten im Geschäft. Schenken dir die Agenturen einen Vertrauensbonus?

Auf jeden Fall. Es gibt in Deutschland sehr wenige private Veranstalter, man kennt sich und ich würde sagen, wenn der Name Söll fällt, ist er von guten Erfahrungen begleitet.

Spielst du ein Instrument?

Früher Klavier und Schlagzeug, aber heute fehlt mir die Zeit. Ich studiere ja nebenbei auch, BWL an der Universität. 2022 schließe ich mit dem Bachelor ab. Es ist kritisch, Arbeit und Studium zu vereinbaren, aber irgendwie muss es funktionieren, und es funktioniert auch.

Du schulterst viel. Woher kommen deine Muskeln?

Ich treibe Kraftsport. Meine Zeit im Studio ist zwischen 22 und 24 Uhr, dann falle ich ins Bett. Ich bin Nachtmensch wie mein Vater. Wenn ich etwas Wichtiges zu tun habe, erledige ich es nachts konzentriert im Büro, ohne dass mich jemand unterbrechen kann.

Was machst du anders als dein Vater?

Reinhard kommt seit seinem Handicap nicht mehr ins Büro, sondern arbeitet von zu Hause aus. Ich selbsthabe ihn im Büronicht mehr erleben können. Nun, ich denke, wir ticken in vielen Dingen gleich. Wir sind kongruent.

Ihr seid drei junge Männer in ähnlichem Alter: du, dein Halbbruder Quirin, 24, und Stefan, 21, der Sohn von Swetlana Panfilow, der Partnerin deines Vaters. Versteht ihr euch oder konkurriert ihr?

Wir halten zusammen. Quirin ist zur Zeit in England, aber wenn es passt, sehen wir uns. Wenn Stefan oder Quirin etwas brauchen, bin ich da. Umgekehrt würden beide für mich einstehen, ganz klar. Das ist ein gutes Gefühl in dieser Situation, die ja absurd ist: Ich bin gerade gestartet und habe mehr Konzerte abgesagt als veranstaltet.

Nachts Kraftsport, am Morgen ins Büro: Wann findet dein Privatleben statt, Liebe, Zärtlichkeit, Freunde treffen?

Ich habe nicht viel freie Zeit, aber ich habe ein System entwickelt: Ich kümmere mich um das Unternehmen und blende die Universität aus. Aber zwei Wochen vor der Klausur schließe ich mich ein und lerne durch. Das scheint zu funktionieren, bisher habe ich alles bestanden. Natürlich ist Höchstleistung schwierig, aber ich habe es angefangen und ich ziehe es jetzt durch. Ich bin ein Mensch, der Rhythmus braucht. Tagesstruktur bringt mir Beständigkeit, Sicherheit und Zuversicht.

Du wirkst sehr ernsthaft. Welcher Gedanke hält dich?

Optimismus. Ich bin im Grunde ein zuversichtlicher Mensch, der sich nicht leicht verunsichern lässt. Eine gewisse Grundruhe braucht man, denn es passiert sehr oft Unvorhersehbares.